Wie geht's dem Amateurfußball? Beiträge zur Debatte  

"Auf dem Sportplatz darf übereifrig und unfair gekämpft werden"

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Ein bisschen hart muss sein? Wahrscheinlich ja. Brutalität, Pöbeleien und Beleidigungen aber schaden dem Amateurfußball.

Korbach. Wie steht es um den Fußball in der Kreisliga? Einen Monat ist es her, da haben wir diese Frage aufgeworfen – in einem Beitrag des Goddelsheimers Marcel Vesper.

Der 20-Jährige Spieler prangerte in dem Artikel („Kein Fußball mehr aus Freude? Gedanken eines Kreisligafußballers“) vor allem das Nachahmen von Marotten und Inszenierungen der Profis durch die Amateure an. Stars zu kopieren schade aber dem kleinen Fußball. 

Der Text wurde im Internet viel gelesen, aber eine wirklich große kontroverse Diskussion, die Vesper und wir uns erhofft hatten, kam (bisher) nicht zustande. Er selbst habe inhaltlich auch keine großen Rückmeldungen bekommen, berichtet Vesper. „Lediglich mit ein paar Fußball-interessierten Verwandten habe ich über das Thema gestritten.“

Vesper: Hoffe auf Diskussionen 

Genau das sei seine Absicht gewesen: eine Debatte anzustoßen. Es müsse ja nicht jeder seinen Standpunkt teilen, im Gegenteil, könne man seine Argumentation sehr wohl angreifen. „Tatsächlich bedauere ich fast, dass es keine große Gegenrede gab. Ich hoffe, dass es bisher private Diskussionen gab und zukünftig auch eine in der Öffentlichkeit stattfindet“, so der Student weiter. 

Nun: Es gab öffentliche Reaktionen, wenn auch in überschaubarer Größenordnung. Vor allem auf Facebook äußerten sich Leser – zustimmend, aber auch kopfschüttelnd. Vor allem der Aspekt, dass Männer sich beim (unterklassigen) Fußball Unarten erlauben und austoben können wie sonst nirgends im Alltag, beschäftigte sie. Auch David Müller. Dem 32-Jährigen aus Bad Wildungen, bis zu einer Verletzung vor einigen Jahren selbst aktiver Spieler, sprach der Beitrag „aus der Seele“, wie er selbst sagt. Er hat deshalb einen Leserbrief verfasst, zu dem er anmerkt: „Damit endlich eine lebhafte Debatte zustande kommt, habe ich meine Argumentation etwas überspitzt.“Auch zwei andere Reaktionen, publiziert auf der WLZ-Facebookseite, haben wir für diesen text zusammengefasst.

Eine soziale Blase für Männer

Er fragt sich, warum nur so wenige Betroffene reagiert haben. Seine Antwort: „Weil der Amateurfußball einer sozialen Blase gleicht, einer Komfortzone für Männer.“ Es sei zu unbequem, etwas an dieser Routine zu bemängeln oder gar zu ändern. „Schließlich sind alle zufrieden mit dem, was sie haben: einen Rückzugsort, an dem sie all das ausleben dürfen, was zu Hause nicht erlaubt wäre. Auf dem Sportplatz darf übereifrig und unfair gekämpft werden. Über Pöbeleien wird sich empört, im Endeffekt werden sie aber toleriert. Warum? Als Sportler pöbelt mal eben mal. 

„Und schließlich haben alle Fußballer etwas gemeinsam: Sie sind Männer. Männer, die einen Ort gefunden haben, an dem sie ohne schlechtes Gewissen rüde und dreist sein dürfen. Frauen? Dürfen während der Spiele nur Getränke verkaufen und zuschauen. Männer? Spielen Fußball, bepöbeln sich und diskutieren immer wieder, warum Fußball für junge Menschen so unattraktiv geworden ist.“

Der Alltag? Professionell sieht anders aus 

Der Kreisliga-Alltag sei von den Profis weit entfernt, findet Fabian Backhaus. Seine Sicht der Dinge: „Mit Glück wird trainiert, da sich bereits zehn Leute mit diversen Haarrissen im Oberschenkel abgemeldet haben. Die Mannschaft wird am Samstag bekannt gegeben via Whats-App, weil der Dorfkasten nur noch aus Erzählungen bekannt ist und bis zum Schluss noch jeder Ü-40-Spieler zum Comeback überredet werden muss. 

Die Mannschaft stellt sich dann spätestens am Sonntag von selbst auf, weil plötzliche Migräne und Magen-Darm-Probleme Einzug gehalten haben. Die Taktikbesprechung wird geprägt vom hundertsten „erstmal sicher stehen“, während der Betreuer zum dritten Mal nachfragt: „Kann isch freigebe?“ Nachdem dann alle Schienbeinschoner gerichtet sind geht es mit 9 Mann auf’s Feld, ehe man feststellt: Es fehlen zwei... Anpfiff Kreisliga B."

Respekt für die Idealisten 

Christoph Klein findet, Vespers Kritik träfe zu Teilen zu, in weiten Teilen aber nicht: „Ich sehe weiterhin die Basis gegeben und die Freude am Ball und der Kameradschaft im Vordergrund. Jedoch entfernt sich der Profifußball immer weiter von der Basis: Ich-AGs allerorten, selbst klarste Vergehen werden nicht eingeräumt und DFB und DFL sind reine Gelddruckverbände. Amateursport? Ganz weit hinten in der Agenda. Da ändern auch die ganzen Pseudokampagnen „Ehrenamt ist wichtig“ usw. usf. nichts dran. Für mich stimmt die Basis, aber die Schere ist so riesig, die geht gar nicht mehr zu schließen. Daher mein Respekt für alle Idealisten in den Vereinen, die eben die Fahne des ursprünglichen Sports noch hochhalten.“

Den Text von Marcel Vesper „Kein Fußball mehr aus Freude?" finden Sie hier.

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