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Liegestütze für die Augen: Was Fußballer vom Neuroathletik-Training lernen können

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Von: Dirk Schäfer

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Nein, das ist keine Corona-Testreihe: Das ist eine Übung aus der Neuroathletik, wie sie Günter Lehmann in der vorigen Saison bei der SV Freienhagen/Sachsenhausen demonstrierte. Ziel: besseres räumliches Sehen.
Nein, das ist keine Corona-Testreihe: Das ist eine Übung aus der Neuroathletik, wie sie Günter Lehmann in der vorigen Saison bei der SV Freienhagen/Sachsenhausen demonstrierte. Ziel: besseres räumliches Sehen. Die Übungen mit dem Visiostift nennt er gern auch „Augenliegenstützt“. © pr

Wussten Sie, dass die deutsche 100-Meter-Topsprinterin Gina Lückenkemper vor dem Rennen an einer Neun-Volt-Batterie lutscht, um ihre Leistung zu steigern?

Das ist weder Hexerei noch Doping, sondern ein Teil der Neuroathletik, die immer mehr Einzug hält in das Training von Sportlern. Während Profis wie Alexander Zverev schon lange auf diese bei der Fußball-WM 2014 aus dem deutschen Lager bekannt gewordene Trainingsart setzen, hält diese auch bei Amateuren immer mehr Einzug. Beispielsweise auch bei den Fußballern, die gerade in der Saisonvorbereitung stecken.

Jörg Büchse gehört aber wohl noch zu den wenigen Übungsleitern im Waldecker Fußball, die einen Athletiktrainer im festen Mitarbeiterstamm haben. Günter Lehmann aus Bergheim will mithelfen, die Edertaler Eintracht leistungsfähiger zu machen.

Eintracht Edertal hofft auf weniger Verletzungsanfälligkeit

„Man muss andere Wege gehen. Ich verspreche mir viel von Günters Arbeit. Er soll bei uns nicht nur sporadisch, sondern zweimal pro Woche beim Training dabei sein“, sagt Büchse, der erklärt, auch bei den Lizenzlehrgängen für Trainer werde das Athletiktraining immer mehr thematisiert.

Im Edertal liegt der Nutzen von Athletiktraining laut Trainer beinahe auf der Hand: „Immer wieder fehlen Spieler. Wir möchten längerfristig weniger verletzungsanfällige Spieler haben“, so Büchse. Auch Aktive, die wegen Atmenbeschwerden nach einer Coronainfektion Probleme hatten, könne Lehmann helfen.

Physiotherapeut Günter Lehmann bei einer Neuroathletik-Übung
Bei jedem Edertaler Training dabei: Günter Lehmann und seine Neuroathletik-Übungen. © pr

Als Nebeneffekt, so hoffen es die Eintrachtler, kann der neue Spezialcoach sozusagen etwas mehr Leistungsfähigkeit aus den Spielern herauskitzeln. Wobei im Falle der Neuro-Athletik die Nerven des Fußballers gekitzelt werden, wenn man so will. Denn dieses spezielle Training, die Systeme im Körper anzusprechen, die die Bewegung steuern; also neben dem Impulsen für den Bewegungsapparat vor allem auch das visuelle System und den Gleichgewichtssinn.

„Erreichen will man eine gute Wahrnehmung, also Input, eine bessere Verarbeitung und einen guten Output“, erklärt Günter Lehmann und nennt als Beispiele einen besseren Bewegungsumfang und bessere Bewegungsqualität. Wissenschaftlich wird das so beschrieben: Der Fokus wird von Muskeln, Sehnen und Bändern auf das zentrale Nervensystem mit seinen unterschiedlichen Wahrnehmungsorganen verlagert. So sollen Fehler in der Kommunikation verschiedener Körperbereiche mit dem Gehirn gefunden und verbessert werden.

Beim Achterlauf bleibt das Auge auf dem Fixpunkt (hier der Ball in der Hand des Mitspielers), während der Spieler zwei Hütchen in einer Acht durchläuft.
Beim Achterlauf bleibt das Auge auf dem Fixpunkt (hier der Ball in der Hand des Mitspielers), während der Spieler zwei Hütchen in einer Acht durchläuft. © pr

Die Effekte dieses Trainings seien sehr vielschichtig, je nachdem, welches Ziel man verfolge, sagt Günter Lehmann. „Man kann Fehler ausmerzen und vor allem das räumliche Sehen trainieren; ich gewinne Sicherheit,habe zum Beispiel ein besseres Auge für Mitspieler und werde handlungsschneller“, sagt der selbst sportbegeisterte Physiotherapeut – wichtige Fähigkeiten für Fußballer gerade in höhren Spielklassen.

Lehmann sieht außerdem den Nutzen auch darin, Spieler weniger anfälliger für bestimmte Verletzungen zu machen, zumal man selbst spüre, in welchen Bereichen man Verbesserungspotenzial hat – durch mehr Haltungs- und Bewegungskompetenz. „Richtige Muskelanspannung und Gelenkstellung, bessere Stabilität für den Rumpf, zum Beispiel beim Kopfball“, nennt der Fachmann als weitere Pluspunkte der Neuroathletik.

Günter Lehmann: Übungen auch zu Hause machbar

Und wie wird die in den Vereinen aufgenommen? „Die Bereitschaft zur Kooperation ist natürlich die Grundlage“, sagt Lehmann, mit der Erfahrung im Hinterkopf, dass viele Trainer und Sportler die Vorzüge neuer Trainingsmethoden erkennen. Spaß und Bewegungsfreude seien extrem wichtig, zumal jeder auch allein an sich arbeiten können. „Viele Übungen sind auch zu Hause machbar“, erklärt Lehmann, der betont, der individuelle Effekt sei erkennbar, unabhängig von der Zahl der Trainingseinheiten.

Die ersten dieser Art hat Lehmann mit der SV Freienhagen/Sachsenhausen in der vorigen Saison absolviert. „Ich musste dort vermitteln, was das Training bringt und wo es wirkt. Aber das muss man überall erst einmal“, sagt der Physiotherapeut, der einzelne Vorbehalte ausräumen konnte.

Jörg Büchse hat bei Edertal bisher nur positives Feedback erhalten. „Die Spieler berichten, dass das Training absolut klasse ist“, so der Eintracht-Coach. Er hofft, dass gerade jetzt, wo die Intensität zum Ende der Vorbereitung erhöht wird, die Neuroathletik erste Früchte trägt. (Dirk Schäfer)


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