Experte befürchtet baldiges Aus für Mädchenteams

WM top, Basis hop: Frauenfußball im Kreis steht auf wackligen Füßen

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Mädchen, die dem runden Leder nachjagen, gibt es immer weniger im Fußballkreis Waldeck. Die SG Landau/Wolfhagen und der TSV Flechtdorf haben noch Nachwuchsteams; hier die B-Juniorinnen im Waldecker Pokal-Endspiel: Paula Vorsatz (rechts) und Johanna Schwechel gegen Jessica Clemens (Flechtdorf). 

Korbach – Die Nationalmannschaft im Frauenfußball boomt, die WM findet großen Anklang. Doch im Kreis Waldeck führt Frauen- und Mädchenfußball eher ein Schattendasein und scheint rückläufig. Wirklich? Und warum?

Wer momentan die Weltmeisterschaft der Fußballfrauen in Frankreich verfolgt, wird gegenüber vorherigen WM-Turnieren Unterschiede feststellen. Die Mannschaften spielen in großen Stadien, die auch gut gefüllt sind, das Fernsehen überträgt live und in den Tageszeitungen findet der Leser die WM-Berichte als Aufmacher und nicht mehr als Randnotiz. 

Glanz und Gloria. Der Frauenfußball scheint endlich da angekommen zu sein, wo er schon lange hinwollte. Er bekommt Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Hinter der goldenen Fassade erblickt man einen deutschen Frauenfußball, der an seinen Wurzeln erkrankt ist. Die Basis kämpft um jede Spielerin. Die Zahl der Mannschaften geht stetig zurück. 

Der Fußballkreis Waldeck kratzt in der kommenden Saison mit Mühe nur noch drei Mädchenteams und zehn Frauenmannschaften aus acht Vereinen für den Ligabetrieb zusammen.

„In fünf Jahren gibt es vermutlich in Waldeck gar keine Mädchenteams mehr“, orakelt Klaus Schlömp, Mädchenreferent im Fußballkreis Waldeck. Der Mann aus Affoldern ist kein Schwarzseher, sondern ein Kenner der heimischen Frauenfußballszene. 

Der langjährige Trainer nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er Gründe für den Abwärtstrend nennen soll. „Viele Vereine wollen keine Mädchen- und Frauenfußballmannschaft mehr, weil sie befürchten, dass dadurch die sowieso schon rar gesäten Trainer und Betreuer für die Jungen- und Männerteams verloren gehen.“

Kreismädchenreferent Klaus Schlömp kennt Gründe für den Abwärtstrend.

Dieser vereinsinterne Konkurrenzkampf falle immer nur dann zugunsten der Frauen aus, wenn es entweder kein Männerteam gebe oder dieses unterklassig spiele. Hier fallen Schlömp auf Anhieb zwei Vereine ein, deren Arbeit er in Sachen Frauenfußball lobt: den TSV Flechtdorf und die SG Landau/Wolfhagen. Nur dieses Duo und die JSG Edersee schicken im Fußballkreis Waldeck noch Mädchenmannschaften aufs Feld. „Vor allem die Landauer leisten für den Frauenfußball seit Jahren Großes“.

Bei Vereinen, die neben Senioren- und Jungenfußball auch Mädchen- oder Frauenteams aufbieten, sei oft ein leidenschaftlicher Macher am Werk, der mit viel Engagement diesen Spielbetrieb am Laufen halte – ob beim VfR Volkmarsen, TSV Odershausen, TV Rhoden, TSV Korbach, SV Anraff oder SV Ittertal.

Wer sich intensiv genug kümmert, wird belohnt

Schlömp ist überzeugt: Es gebe genügend Spielerinnen, wenn man sich besser um sie kümmern und werben würde. Auch in dieser Eigenschaft seien Landau und Flechtdorf für ihn ein Vorbild. Die SG Landau/Wolfhagen, lässt sich auch die Nachwuchsarbeit etwas kosten, denn sie verpflichtete für die B-Mädchenmannschaft den Trainer Sebastian Stahl, der zuletzt die Frauen des TSV Odershausen trainierte.

Wer einem Seniorenteam eine langfristige Zukunft geben möchte, sollte Jugendarbeit betreiben. Diese Meinung teilen die Trainer Schlömp, Stahl und Rudi Merz, Jugendtrainer der JSG Lelbach/Rhena. Er hat in den vergangenen Jahren viele Mädchen trainiert. 

Dazu zählen auch seine Tochter Natalie, Sonita Cenaj, Carina Bangert und Greta Schwalenstöcker. Dieses Quartett hat es mit dem FSV Gütersloh und dem FSV Wetzlar sogar bis in die Bundesliga der B-Juniorinnen geschafft. Keine positive Zukunft sieht Schlömp daher für den SV Anraff. Der Verbandsligist ist seit Jahren ein Aushängeschild im Waldecker Frauenfußball, aber er betreibt keine Jugendarbeit mehr. 

Mädchen lieber mit Jungs?

Während Schlömp eine Mädchenmannschaft als Unterbau für ein Frauenteam als notwendig erachtet, ist Merz nicht generell gegen Mädchenteams, glaubt aber, dass Mädchen besser mit Jungen spielen sollten: „Sie werden dadurch körperlich robuster, spielen schneller und der Übergang mit erst 16 Jahren zu den Frauen ist einfacher.“ 

Das Trainer-Trio vermisst bei seiner Arbeit auch ein wenig Rückendeckung vom hessischen Verband (HFV). „Man fühlt sich manchmal auf verlorenen Posten, es fehlen Ansprechpartner“, sagt Stahl. Merz ist überzeugt: In Nordhessen bleiben so viele Talente unentdeckt, weil der HFV dort nicht gut sichtet.

Wünscht sich mehr Ansprechpartner beim Verband: Trainer Sebastian Stahl (MSG Landau/Wolfhagen).

„Als Natalie nach Gütersloh gewechselt war, hatte sie innerhalb von einer Woche für alle Auswahlteams eine Einladung im Briefkasten, Westfalenauswahl und erweiterte Nationalmannschaft. Zuvor hatte sich in Hessen niemand für sie interessiert.“ 

Schließlich sind da noch die kleinen Dinge, die Großes bewirken können, wenn sie da sind und viel kaputt machen können, wenn sie fehlen. Wie gut werden die Kickerinnen vom Verband wahrgenommen? „Wird ein Team Meister, bekommen Frauen und Mädchen meist nur einen Händedruck und einen Wimpel, mehr nicht. Bei den Jungen erhält zumindest jeder eine Medaille. Ein Pokal sollte für eine Meisterschaft immer drin sein“, fordert Schlömp. 

Im vergangenen Jahr sei der Frauenmeister gar nicht geehrt worden, der Verband habe die Ehrung dann per Post nachgereicht.

Silke Sinning: "Zu wenig Rückmeldungen"

Dass es zwischen der Basis und dem Verband noch einige Missverständnisse gibt, belegen die Worte von Prof. Dr. Silke Sinning, Vorsitzende des Verbandsausschusses für Frauen- und Mädchenfußball im Hessischen Fußballverband.

SIe zeigt Verständnis dafür, dass die Nordhessen sich mitunter zu wenig wahrgenommen fühlen. Etwas verwundert zeigte sich Sinning aber darüber, dass fehlende Ansprechpartner und zu wenige Treffen mit Verbandsverantwortlichen kritisiert werden.

Man könne doch eine Menge tun, so Sinning. "Vieles kann zum Beispiel bei der Rundenbesprechung erörtert werden. Ich will den Schwarzen Peter nicht weitergeben, aber bei dieser Sitzung erhalten wir von den Vereinen ganz wenig Rückmeldungen. Dennoch sollten wir es ernst nehmen, wenn sie Ansprechpartner vermissen. Jeder kann bei uns anrufen, aber viele greifen nicht zum Hörer, warum auch immer", sagte Sinning im WLZ-Interview, das Sie in voller Länge in der Samstagausgabe (29.6.) finden. (rsm)

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