Spielerin des SV 09 Korbach, Mitbegründerin des 1. FFC Frankfurt

Frauenfußball-Pionierin Annelie Hauptvogel: Wir mussten uns im Kornfeld umziehen

Annelie Hauptvogel auf dem Podium bei Hauptversammlung des 1. FFC Frankfurt.
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Hat den 1. FFC Frankfurt mit groß gemacht: Annelie Hauptvogel, hier während einer Hauptversammlung des Vereins.

Annelie Hauptvogel aus Adorf schaut auf eine reiche, fast 50 Jahre währende Karriere im Frauenfußball zurück. Ihr erster Verein war der SV 09 Korbach, 1998 gründete sie den 1. FFC Frankfurt mit. Im Interview spricht sie über Spiele früher, große Erfolge und eiskalte Erlebnisse.

Frau Hauptvogel, war es mutig oder ungewöhnlich, als Frau 1971 mit dem Fußball anzufangen?
Es war weder mutig noch ungewöhnlich. Es hat sich ergeben, nachdem der DFB das Verbot des Frauenfußballs am 31. Oktober 1970 aufgehoben hatte. Und beim SV 09 Korbach anzufangen, war zwangsläufig, weil es keinen anderen Verein in der Gegend für Frauenfußball gab.
Mussten Sie Widerstände im Elternhaus überwinden?
Nein. Die Eltern, aber auch die Nachbarn haben uns immer auf der Straße bolzen gesehen. Sie mussten manche Fensterscheibe ersetzen. Später haben sie uns zu Spielen oder ins Training gefahren. Oder uns mal ihr Auto gegeben, wir hatten ja selbst keins. Fußball war eben unser Sport, den wir von der Straße mit in den Verein nehmen konnten. Alle Kinder auf unserer Nachbarschaft spielten mit. Zum Beispiel Wilhelm Schluckebier, ehemaliger Richter beim Bundesverfassungsgericht, oder Friedrich Niederquell, Zahnarzt in Korbach, sein Bruder und noch drei, vier andere Kinder. Meine beste Freundin Marlies Becker war auch mit dabei und ging ebenfalls mit zum SV 09. Sie spielte dann den klassischen Libero.
Anfang der 1970er haben sich in etlichen Waldecker Vereinen Frauen zum Fußball verabredet. War der Aufbruch auch durch das gesellschaftliche Klima beflügelt, das die 68er-Bewegung verändert hatte?
Das ist möglich, spielte in unseren Überlegungen aber keine große Rolle. Wir wollten einfach nur Fußball im Verein spielen, mit Training und Wettkampf. Die eiskalte Bullenhalle hat uns nicht abgeschreckt. Auch nicht, dass wir uns mal im Kornfeld umziehen mussten beim Auswärtsspiel.
Sportheime gab es noch nicht.
Es gab Sportheime, aber eben nicht überall. Ich erinnere mich, dass wir uns mal in der Waschküche eines Privathauses umgezogen haben.
Spielte der Wunsch nach mehr Gleichstellung mit den Männern eine Rolle?
Ja, wir wollten und konnten nicht einsehen, dass dieser Sport nur den Männern vorbehalten war. Wir Frauen konnten das doch auch. Und durch die Aufhebung des Spielverbots hatten die Männer auch keine Gründe mehr, den Frauen diesen Sport zu vermiesen. Wir waren schon die Pionierinnen.
Wie haben Sie die Reaktionen der Männer auf die ersten Fußball spielenden Frauen erlebt?
Natürlich hat die Männer zunächst Neugier zum Frauenfußball getrieben. Ihre Wunschvorstellung war, den Trikottausch nach dem Spiel zu sehen. Zu ihrer Enttäuschung hat dieser nie stattgefunden. Aber so ernst haben sie das nicht gemeint. Wir sind immer freundlich behandelt worden, anfangs ein wenig belächelnd und nachsichtig. Das hat sich mit der Zeit geändert. Die Männer mussten einsehen, dass auch Frauen guten Fußball spielen können, technisch versiert waren und es bei Foulspiels keine Schauspielerei gab.
Die Einschätzung, dass Frauen kaum Schwalben produzieren, ist oft zu hören. Warum ist das so?
Eine wirklich Erklärung habe ich nicht. Vielleicht sind Frauen ehrlicher. Sie finden beim Frauenfußball ja auch dieses Gemeckere und Gemaule nicht.
War Sexismus ein Thema?
Nein. Aber vor 50 Jahren war das Thema ganz anders beziehungsweise gar nicht besetzt.
Sie sind beruflich 1973 als Finanzbeamtin nach Frankfurt gegangen und haben bei den Offenbacher Kickers gespielt. Was war im Vergleich zu Korbach anders?
Die Trainingsbedingungen waren etwas besser und intensiver, die Förderung durch den großen Verein war gegeben. Wir waren aber auch schon drei Jahre weiter in der Entwicklung und spielten ganz passabel Fußball. Einmal durften wir das Vorspiel vor dem Bundesligaspiel Kickers Offenbach gegen den 1. FC Köln bestreiten. Vor über 20 000 Zuschauern und vor Wolfgang Overath, der neben meinem Tor stand und uns aufmerksam beobachtete.
1983 war Schluss beim OFC, 1998 tauchen Sie als Gründungsmitglied des 1. FFC Frankfurt in den Annalen auf, unter anderem zusammen mit Monika Staab, der ersten Trainerin. Was lag dazwischen?
Die Mannschaft von Kickers Offenbach löste sich auf. Ich hatte keine Lust mehr in einem anderen Verein zu spielen und hing die Fußballschuhe an den berühmten Nagel.
Der FFC war eine Ausgründung aus der SG Praunheim: War die Zeit reif für einen reinen Frauenfußballverein und mehr Professionalität?
Mit Monika Staab habe ich viele Jahre zusammen Fußball gespielt. Wir haben uns nie aus den Augen verloren. Als es darum ging, sich von Praunheim zu lösen und einen eigenen Verein zu gründen, fragte sie mich, ob ich als Schatzmeisterin mitmache. Ich habe sofort zugesagt. Bei der SG Praunheim spielten die Frauen in der Bundesliga, die Männer unterklassig. Aber die Männer hatten im Verein das Sagen, auch beim Geld, das auch die Frauen reingeholt hatten. Um den Frauenfußball zu professionalisieren, musste eine Abspaltung her.
Sie war sehr erfolgreich.
Ohne diesen Schritt würden die Frauen heute noch in der Kreisliga dümpeln. Ein Glücksfall, dass der langjährige Manager und Investor des 1. FFC Frankfurt, Siggi Dietrich, mit von der Partie war. Auch unter seiner Regie lernte der Verein laufen und konnte sowohl sportlich als auch wirtschaftlich erfolgreich sein. Bis heute.
Sie waren Schatzmeisterin des Vereins, zweite Vorsitzende, Verantwortliche für den Nachwuchs, eigentlich eine Art Mädchen für alles. Das liest sich beinahe wie ein Fulltimejob.
Tja für einen Fulltimejob hat es nicht gelangt. Aber ohne Ehrenamtler geht gar nichts. Das war auch beim 1. FFC Frankfurt so und unterscheidet sich nicht von anderen Vereinen. Es hat viele, viele Stunden Freizeit abends und am Wochenende gekostet, die aber Spaß gemacht haben, wenn man sieht, was aus dem 1. FFC Frankfurt geworden ist.
Ein Bild aus den Anfängen: Annelie Hauptvogel (stehend, 3. v. links) mit dem Team des SV 09 Korbach (1971 oder 1972).

Zur Person

Annelie Hauptvogel (71), in Adorf aufgewachsen, gehörte zu den frühen Fußballerinnen des SV 09 Korbach. Nach ihrer Ausbildung am Finanzamt der Kreisstadt wechselte sie 1973 ans Finanzamt Offenbach, später Frankfurt, wo sie bis heute wohnt. Mit den Offenbacher Kickers wurde sie als Torhüterin Hessenpokalsiegerin und Hessenmeisterin. 1998 gründete sie den 1. FFC Frankfurt mit, für den sie in verschiedenen Funktionen arbeitete - vielen galt sie als Seele des Erfolgsclubs. Für ihr ehrenamtliches Wirken im Verein und bei der Deutschen Steuergewerkschaft erhielt sie 2012 das Bundesverdienstkreuz. Die pensioniert Oberamtsrätin hat ihren Zweitwohnsitz in Adorf und nie aufgehört, sich als Waldeckerin zu fühlen. Regelmäßig besucht sie die alte Heimat und Ihre 93 Jahre alte Mutter in Flechtdorf. (mn)

Sie hatten mit Größen wie Birgit Prinz, Steffi Jones oder Nia Künzer zu tun, um nur einige zu nennen: Wie haben Sie diese Stars des Frauenfußballs erlebt?
Hautnah sozusagen. Sie haben viele Jahre bei uns gespielt, genauso wie Saskia Bartusiak, Kerstin Garefrekes und viele andere frühere Nationalspielerinnen. Da kennt man sich und die Wege kreuzen sich immer wieder. Das Verhältnis ist heute noch gut. Es ist immer Zeit für ein Schwätzchen – falls wir uns sehen. Nia Künzer etwa ist sehr häufig am Brentanobad. Es war eine Generation, die den Frauenfußball in Deutschland zu einem modernen beliebten Sport und auch gesellschaftsfähig gemacht hat. Uns verbinden natürlich auch viele gemeinsame Erlebnisse.
Zum Beispiel?
Der erste Flug zu einem Auswärtsspiel in der Champions League. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, nachdem wir uns zu Anfang noch im Kornfeld umziehen mussten. Da hatte ich schon Tränen in den Augen. Ich war zehnmal mit dem 1. FFC beim Pokalendspiel in Berlin, zweimal hat uns Kanzlerin Angela Merkel nach dem Gewinn des UEFA-Pokals den „Pott“ überreicht. Es gab aber auch Unschönes: In Montpellier mussten wir schnell in den Bus steigen, weil wir tätlich angegriffen wurden, und in Nordschweden in Umea sind wir fast erfroren.
Das müssen Sie uns erklären.
(lacht). Es war extrem kalt, wir haben ohne Ende gefroren. Der Schnee lag meterhoch, der Wind hat derart gepfiffen, dass der Ball fast in der Luft stehen blieb. Martina Knief vom Hessischen Rundfunk hat damals ihre erste Livereportage fürs Radio gemacht, und wir haben verzweifelt nach einem Stecker gesucht. Es war unglaublich.
Der erste FFC ist eine Art Bayern München des Frauenfußballs und hat zum Beispiel in der Saison 2000/01 alles gewonnen, was es in Deutschland und Europa zu gewinnen gab.
Der 1. FFC Frankfurt ist bis heute der erfolgreichste Frauenfußball-Club in Europa. 2001 war der Anfang. Der Höhepunkt war wohl die Saison 2007/2008. Durch einen 3:2-Sieg in der Commerzbank-Arena vor 27 640 Zuschauern, damals Europarekord, haben wir in der Champions League gegen Umea mit der fünffachen Weltfußballerin Marta das Triple klar gemacht. Das war ein Highlight. Aber es gab auch viele andere Highlights – mit unseren anderen Mannschaften. Es gab natürlich auch Tiefen. Wie in jedem Verein.
Was hat Sie angetrieben?
Wenn ich einmal ein Amt übernehme, dann muss ich es auch ausfüllen. Es hat Spaß gemacht, in eine Welt einzutauchen, die mit dem Beruf nichts zu tun hat. Die gestellten Aufgaben waren vielfältig, eine Herausforderung, die es galt zu meistern – um dann zu sehen, dass es Frauen und Mädchen Freude bereitete, für diesen gut aufgestellten Club zu spielen; dass die Eltern mit den Trainings- und anderen Bedingungen zufrieden waren und ihre Kinder – auch in der Mädchenfußballschule – gut aufgehoben wussten.
Sie haben kürzlich den Fusionsvertrag zwischen dem FFC und der Eintracht mit unterschrieben: Ein trauriger Moment für Sie? Oder ein notwendiger Schritt?
Es war für mich ein kleiner trauriger Moment, mit Wehmut und Sentimentalität. 20 Titel in 22 Jahren stehen zu Buche. Aber es wurde Zeit, den aktuellen Trend zu nutzen und ein wichtiges Signal für die Wettbewerbsattraktivität in der Liga und in den Pokalwettbewerben zu senden. Die Kooperation mit einem Verein wie der Eintracht ist grundsätzlich sinnvoll, um den Frauenfußball dort unterzubringen, wo die besten Strukturen und Möglichkeiten bestehen. Das zeigen mittlerweile prominente Beispiele nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Frankreich und Spanien. Wir bleiben in derselben Stadt, im selben Stadion mit neuem Vornamen. Die Sportstadt Frankfurt ist in der privilegierten Situation, die Synergien zweier Top-Vereine zu nutzen, um den Fußball-Standort zu sichern und weiter auszubauen.
Auf welcher Stufe sehen Sie den Frauenfußball heute im Vergleich zum Männerfußball?
Man kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Ich bin froh, dass Frauen- und Mädchenfußball jetzt einen gewissen Stellenwert hat. Mannschaften wie damals der SV 09 Korbach oder TV Friedrichstein haben erheblich dazu beigetragen. Wenn man heute den Mädels aus der Anfangszeit erzählt, glauben die, wir kämen vom anderen Stern.
Alle rufen Sie beim FFC „Shorty“: Können Sie uns erklären, warum?
Als ich zum ersten Mal zum Training in die Kabine bei den Offenbacher Kickers kam, rief jemand: Du bist aber (körperlich) groß! Alle lachten. Von dem Moment an wurde ich „Shorty“ gerufen. Viele Menschen im Verein wussten eigentlich nicht meinen richtigen Namen.

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