„Bomber der Nation“ wird 75 Jahre alt

Star ohne Starallüren: Bad Arolser Reiner Ingrisch kam Gerd Müller recht nahe

Reiner Ingrisch (rechts) ,  Gerd Müller
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Zeiten ohne Selfie: Fotos mit Promis waren damals nicht so angesagt wie heute: Reiner Ingrisch (rechts.) hat nur zwei Bilder auf denen er mit Gerd Müller abgelichtet ist.

Vermutlich jeder Fußballfan jenseits der 50 kann sich an mindestens ein Tor von Gerd Müller erinnern. Auch Reiner Ingrisch aus Bad Arolsen fällt das nicht schwer.

Bad Arolsen – Der 61-Jährige kann sogar den Karriereverlauf des bis heute erfolgreichsten deutschen Bundesliga-Torjägers anhand von Müllers Unterschrift nachvollziehen, die sich im Laufe der Jahre stetig verändert hat.

Ingrisch wurde als Teenager ein Autogrammjäger und zu seinem Lieblingsspieler Gerd Müller entwickelte er ein besonderes Verhältnis.

Der ehemalige Mittelstürmer des FC Bayern München und der Nationalelf wird am heutigen Dienstag 75 Jahre alt, aber vermutlich weiß er nicht, dass er Geburtstag hat, denn er ist seit fünf Jahren demenzkrank und lebt in einem Pflegeheim nahe München.

Ingrisch wird heute keinen Sekt aufmachen und im Geiste mit Müller anstoßen. „Ich werde an ihn denken und bin einfach nur traurig, dass er dieses Leid tragen muss.“

Rund 60 Autogramme hat er sich von Müller geholt, auf Karten, Postern oder in Büchern. Der Bad Arolser behauptet von sich, er könne erkennen, ob es sich um eine Originalunterschrift des Torjägers handelt oder um eine gefälschte. „Müller war einige der wenigen, die ihr Autogramm stets mit Vor- und Nachnamen geschrieben haben“, sagte Ingrisch. Für ihn ist es erst dann ein Autogramm komplett.

Die Bande des Profikickers mit dem gelernten Kaufmann aus Nordhessen knüpfte unbewusst Ingrischs Tante. Sie wohnte in München und als ihr Neffe 15, 16 Jahre alt war, nutzte er oft die Schulferien für einen Abstecher dorthin. „Willst du wieder zum Müller?“, fragte die Tante ihn schon bei seiner Ankunft.

Es gab damals kaum etwas Schöneres für ihn als in die Säberner Straße zu fahren und den FCB-Profikickern beim Training zuzuschauen und dabei nach Autogrammen zu jagen.

Aber es dauerte Jahre, bis der Torjäger Müller erstmals zu Ingrisch sagte: „Na, du bist ja auch mal wieder da.“ Das war wie ein Ritterschlag für Ingrisch. Wieder ein Schritt näher an die große FC-Bayern-Familie herangerückt. Doch zum Duzen hat es nicht gereicht. „Das habe ich mich auch nicht getraut, ich konnte einfach nicht Gerd sagen, er war ja für mich immer ein Vorbild.“ Allerdings nutzte der Fan die hinzugewonnene Nähe zu Müller auch, um Autogramme von den anderen Kickern zu erhaschen.

„Herr Müller, wissen Sie ob der Franz da ist?“ Gemeint war natürlich Franz Beckenbauer. Müllers Antwort: „Pass auf, wenn der Mercedes dort drüben an der Ecke steht, dann ist der Franz da.“ Und auch der Unterschrift von Georg Schwarzenbeck ging ein Tipp von Müller voraus.

Die Treffen der beiden fanden aber fast immer nur auf dem Trainingsplatz statt. Privates kam so gut wie nie zur Sprache. „Da war Müller auch vorsichtig, manchmal hat er mir kleine Dinge erzählt, etwa, wo er im Urlaub war“, erinnert sich Ingrisch. Sein Idol hat ihm aber seine Flugangst anvertraut und er würde öfters Geld spenden, wenn er wieder heil gelandet sei.

Einmal ist der Fan aus Arolsen seinem Idol sogar hinterhergeflogen, nachdem Müller seine Karriere bei einem US-Verein in Florida ausklingen ließ. „Ich habe ihn in seinem Steakhaus in Fort Lauderdale besucht. Er stand am Tresen und plauderte dort locker mit jedem.“

Ingrisch hatte Müller auch schon anders gesehen. „Er war ein scheuer Mensch.“ Sobald er bemerkt habe, dass zu viele Fans etwas von ihm wollten, sagte er, er habe keine Zeit.

Ingrisch ist auch aufgefallen, dass Müller Probleme hatte, ungezwungen mit Medien umzugehen. „Sobald eine Kamera auf ihn gerichtet war, gab er sich eher wortkarg.“ Dabei habe er auch einen anderen Gerd Müller auf dem Trainingsplatz gesehen, der mit Kollegen geflachst und gelacht habe, da sei er manchmal richtig redselig gewesen.

Ingrisch ist ebenfalls aufgefallen, dass sich Müller über jedes Tor gefreut hat, sogar über die Treffer im Training. Er sei schon auch fußballverrückt gewesen. „Der sportliche Erfolg war ihm wichtig, aber all den Nebenschauplätze, die auch dazu gehörten, konnte er nichts abgewinnen.“ Ob er richtige Freunde in der Mannschaft gehabt habe, weiß der Bad Arolser hingegen nicht. „Im Training haben sie immer nur Gerdchen zu ihm gesagt.“

Müller sei nicht nur menschlich, sondern auch fußballerisch gern unterschätzt worden. So habe er viel über Fußball, Zahlen und auch die Taktik gewusst, betont der Fan. Das habe Torwart Sepp Maier immer wieder bestätigt. Ingrisch ist davon überzeugt, dass es nicht nur die Tore sind, die Müller auch heute noch so populär machen: „Er war wie du und dich, hatte nie Starallüren.“ (rsm)

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