100 Jahre Handball TSV Korbach Teil II: Mit der Kreissporthalle begann der sportliche Erfolg

Offene Oberliga-Tür oft selbst zugeschlagen

Die Anfangsformation: Mit dieser Mannschaft kam beim TV Korbach der Hallenhandball der Frauen 1970 wieder ins Rollen. Das Bild zeigt (hinten von links): Trainer Lothar Müller, Ursula Hellwig (Bittner), Rosi Müller (Brüne), Ina Kant (Frederking), Bärbel Fritze, Renate Klar, Gisela Roesen, Betreuer Werner Hellwig; vorn von links: Monika Rampelt., Annemarie Schreiber, Gisela Demand, Gisela Comtesse (Wolf).
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Die Anfangsformation: Mit dieser Mannschaft kam beim TV Korbach der Hallenhandball der Frauen 1970 wieder ins Rollen. Das Bild zeigt (hinten von links): Trainer Lothar Müller, Ursula Hellwig (Bittner), Rosi Müller (Brüne), Ina Kant (Frederking), Bärbel Fritze, Renate Klar, Gisela Roesen, Betreuer Werner Hellwig; vorn von links: Monika Rampelt., Annemarie Schreiber, Gisela Demand, Gisela Comtesse (Wolf).

Der Handball in Korbach wird in diesem Jahr hundert Jahre alt. Der TSV Korbach wollte den Geburtstag im August feiern, aber Corona durchkreuzte dieses Vorhaben. Der Rückblick Teil II beschäftigt sich mit den Anfängen des Hallenhandballs in der Kreisstadt, Goldenen Generationen und dem Start des Frauenhandballs.

Korbach - Endlich ein echtes Heimspiel. Für die Handballer in Korbach hatte der Einzug in die neu gebaute Kreissporthalle im Jahr 1971 fast schon einen existenziellen Wert. Diese vier Wände mit Dach machte die Spieler der Vereine TV und SV 09 wieder konkurrenzfähig gegenüber den Clubs aus dem Kasseler Raum. Da sie vom Handballverband recht kurzfristig vom Feld in die Halle gedrängt worden waren, mussten Waldecker Vereine Anfang der 70er-Jahre vorübergehend in Kassel ihre Heimspiele austragen.

Die eigene Halle habe damals vor allem der Nachwuchsarbeit einen Schub gegeben, meint Manfred Buchloh (81). Er trägt einen Nachnamen, der in Korbach eng mit dem Handball verbunden ist, als Spieler, Trainer und Funktionär. Davon gibt es noch mehr, wie etwa Müller, Ochmann, Radloff oder Spohr. In diesen Familien scheint der Handball vererbbar zu sein.

Mit der Aussicht auf eine Halle bekamen aber auch die Frauen in der Kreisstadt wieder Lust, sich den Ball zuzuwerfen. Der Damenhandball in Korbach war nach dem Krieg nicht wieder auf die Beine gekommen, und es musste erst eine Frau aus Bad Hildesheim kommen, um ihn 1970 wiederzubeleben: Ina Frederking.

Namhafter Gegner: Das Bild zeigt den Korbacher Matthias Beil beim Torwurf im Testspiel 1985 gegen Zweitligist TSV Milbertshofen.

Nachdem sie die Stelle als Lehrerin an der Marker-Breite-Schule angenommen hatte, legte sie los mit dem Mannschaftsbau beim TV Korbach. Werner Steuber und Lothar Müller waren die ersten Übungsleiter. Müller saß 27 Jahre auf dieser Trainerbank.

„Die Handballfrauen hatten nicht so einen schweren Start wie die Fußballerinnen, wir wurden von den Männern nicht belächelt“, sagt Rosi Müller. Sie kam damals über ein Freundin zu dieser Sportart, war 18 Jahre Spielerin, dann 22 Jahre Trainerin und sechs Jahre Abteilungsleiterin beim TV Korbach, der nach der Handballfusion mit dem SV 09 im Jahr 1982 zur HSG verschmolz. Acht Jahre später schlossen sich beide Vereine zum TSV zusammen. Ina Fredeking brachte nicht nur Schwung in die Abteilung, sondern auch neue Ideen mit. „Sie hatte schon Harz dabei“, erinnert sich Rosi Müller. Das wird auf die Hände geschmiert und schon ist Handball ein anderes Spiel, weil der Ball durch den Klebeeffekt besser kontrolliert werden kann.

Das Harzen kam dann groß auf, jeder tat es, aber das Reinigen der Hallen wurde dadurch schwieriger. Als dann die Bälle kleiner und damit griffiger wurden, hat der Verband das Harzen zumindest für die Amateure wieder verboten. Doch die Forderung, dieses Verbot wieder aufzuheben flammt immer mal wieder auf. Die bislang erfolgreichste Korbacher Handballerin ist Silke Müller, Tochter von Rosi und Lothar Müller. Sie schaffte es mit Eintracht Baunatal bis in die 2. Bundesliga. Heute spielen die Korbacher Frauen in der Bezirksliga A, aber die Früchte der mittlerweile gemeinsamen Jugendarbeit mit der HSG Twistetal sind sichtbar, denn immer wieder gelingt es Mannschaften, sich für die Oberliga zu qualifizieren.

Talentschmiede für den Handball

Durch den Umzug ins „eigene Wohnzimmer“ und eine bessere Zusammenarbeit mit den Schulen, entstand in Korbach eine kleine Handball-Talentschmiede. Bereits Anfang der 70er-Jahre schimmerte in der C-Jugend die erste Goldene Generation durch.

Mit Spielern wie etwa Jürgen Ochmann, Axel Wilke, Walter Wille, Frank Schmittmann, Henning Schütt, Rainer Kesper, Thomas und Gerhard Radloff. Im Tor stand Thomas Buchloh, der aber den Sprung ins Korbacher Seniorenteam verpasste, weil er bereits als 18-Jähriger zwischen den Pfosten des Bundesligisten TSV Gensungen stand. Er war in der hundertjährigen Korbacher Handballgeschichte sportlich der erfolgreichste Spieler.

Der ehemalige Jugendnationalspieler wechselte 1985 zu Tusem Essen. Buchloh wurde mit diesem Team deutscher Meister und 1986 mit der deutschen Mannschaft Militär-Weltmeister.

Nach der Rückkehr 1987 zum TSV Gensungen in die dritte Liga, startete Buchloh zwei Jahre später noch mal einen Ausflug in die Bundesliga beim VfL Fredenbeck. Danach wechselte der Verwaltungsangestellte zur SG Flensburg-Handewitt. Der Club war der einzige Verein, bei dem Buchloh zumindest ein Jahr als Vollprofi gespielt hat. Wie hoch sein Vertrag in den drei Jahren dotiert war, will er nicht verraten, und er wisse auch nicht, ob und in welcher Höhe eine Ablösesumme bei seinen Vereinswechseln gezahlt worden sei.

Buchloh und die Goldene Generation

Während sich Thomas Buchloh in der großen Handball-Welt bewegte, sorgte sein Vater zur gleichen Zeit mit dieser Goldenen Korbacher Generation in der mittelgroßen Handballwelt für Furore. Nach acht Jahren als Trainer der Senioren hatte der ehemalige Torwart 1976 die A-Jugend übernommen. Damit begann die bislang erfolgreichste Zeit für den Korbacher Handball. Sie spielten in der Oberliga, der höchsten deutschen Jugendklasse und sammelte dort Erfahrungen gegen Nachwuchsteams von Bundesligisten wie etwa Hüttenberg oder Großwallstadt.

Buchloh gerät bei den Erinnerungen an diese Mannschaft noch heute ins Schwärmen. „Das waren alles gute Jungs – auf und neben dem Spielfeld“, sagt der 81-Jährige, der dieses Team auch nach der A-Jugend trainierte.

Sie wechselten nahezu geschlossen zu den Senioren und das klappte, obwohl viele Spieler mittlerweile die Stadt wegen eines Studium verlassen hatten. Das Team stieg in der Saison 1983/84 in die 1. Bezirksliga (heutige Landesliga) auf und klopfte dort mehrmals ans Tor zur Oberliga. Doch das öffnete sich weder für diese noch für spätere TSV-Mannschaften. Meist spielten die Nerven den Spielern einen Streich.

„Damals hat uns nur ein Punkt dazu gefehlt“, erinnert sich Buchloh an die Niederlage in den Schlusssekunden in Calden und dann das Remis gegen Melsungen II. „Ich habe mich schon sehr darüber geärgert, dass der Aufstieg mit dieser Mannschaft nicht geklappt hat, dadurch fehlt ihr der letzte Schritt.“

Dieses Golden-Generation-Team der 80er-Jahre hat noch einen Rekord inne, der nur schwer zu brechen ist: Es blieb zweieinhalb Jahre in eigener Halle unbesiegt. Dennoch bleibt an ihr auch das Unvollkommene hängen. Was hätte man besser machen können? Manfred Buchloh muss für diese Antwort lange überlegen, dann sagt er nur vier Worte: „Vielleicht noch besser trainieren.“

Der beste Korbacher Handballer in einem Jahrhundert: Torwart Thomas Buchloh brachte es bis in die Bundesliga.

Die Buchlohs haben in diesen erfolgreichen Zeiten auch einige Bundesligavereine für Testspiele an Land gezogen, es kamen der TSV Milbertshofen, Tusem Essen oder der VfL Gummersbach.

Das waren schon sportliche Sehenswürdigkeiten für das Korbacher Publikum, denn die Handball-Bundesliga fand damals wie heute nur selten einen Sendeplatz im Fernsehen. Die Korbacher Spieler sammelten auch international Erfahrung bei Turnieren etwa in den Niederlanden oder Frankreich. Aber statt Oberliga folgte in der Saison 1989/90 der Abstieg in die 2. Bezirksliga..

In der Spielzeit 1996/97 klappte es zwar nochmal mit dem Aufstieg, aber das Team der Trainer Thomas und Manfred Buchloh stieg sofort wieder ab. Und es sollte 14 Jahre bis zur nächsten Meisterfeier dauern. Die Mannschaft stieg unter dem bereits verstorbenen Trainer Andreas Streller in der Saison 2012/13 auf und holte für die Landesliga spielstarke Korbacher Jungs zurück. Florian Ochmann und Mark Potthof. Sie waren einst ausgezogen, um Handball in der zweiten oder dritten Liga für Gensungen und Eintracht Baunatal zu spielen. Auch hier war die gute Nachwuchsarbeit die Basis. Die A-Jugend spielte ebenfalls in der Oberliga. Und was zuvor die Buchlohs waren, waren nun die Ochmanns. Vater Horst war der Trainer und Sohn Florian das Zugpferd. Wieder ein starkes Korbacher Team, aber einmal mehr nicht stark genug für den Oberliga-Aufstieg. Es fehlte in der Saison 2015/16 wieder ein Punkt, um dieses Klassenziel zu erreichen. Die Mannschaft fiel auseinander. Ochmann und Potthof zogen sich zurück, Jan Pollmer ging und auch Vince Schmidt und Lukas Voß zog es zur ESG Gensungen/Felsberg in die 3. Liga.

Zukunftsvision: Fusion mit Twistetal 

Durch diesen personellen Aderlass war der Abstieg 2016/17 in die Bezirksoberliga nicht zu verhindern, aber in der vergangenen Saison verpassten sie den Aufstieg in die Landesliga – erneut um einen Punkt. Auch wenn Manfred Buchloh die nähere Zukunft der TSV-Handballer nicht so rosig sieht, ist und bleibt Korbach für ihn eine Handballstadt. Der 81-Jährige macht diese Aussage nicht nur von der sportlichen Leistung abhängig, sondern auch und vor allem vom Umfeld. Nicht nur Buchloh, sondern auch Lothar und Rosi Müller finden, dass das Publikum, der heimliche Star im Korbacher Handball ist. „Von unseren Zuschauerzahlen konnten die Fußballer immer nur träumen“, erzählt Müller.

Manfred Buchloh, der Mann für alle Fälle beim TSV Korbach.

„Wenn da mal nur 200 kamen, waren wir schon fast beleidigt“, fügt Buchloh hinzu. In guten Zeiten seien im Schnitt 400 Zuschauer gekommen. Die Anhänger unterstützten die Mannschaft auch oder gerade dann, wenn es mal nicht so gut lief.

Wenn Müller und Buchloh den Handball in Korbach im Jahr 2030 voraussagen sollen, fällt beiden als erstes eine Spielgemeinschaft mit der HSG Twistetal ein.

In einem Team mit dem alten Rivalen, der den Korbachern schon so viele spannende Derbys geliefert hat. Die würden fehlen, aber aus sportlicher und personeller Sicht wäre dieser Schritt sinnvoll. Vielleicht gehen den Korbachern dann eines Tages doch diese Worte über die Lippen: Endlich Oberliga! (rsm)

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