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Olympia in München vor 50 Jahren: Zwei Waldecker und der Terroranschlag

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„The Games musst go on“: Zwei Tage nach diesen historischen Worten des damaligen IOC-Präsidenten und vier Tage nach dem Terroranschlag von München mit 16 Toten startete Hermann Köhler (ganz rechts in der Bahn) in der 4x400-Meter-Staffel. Hier übergibt der Nordwaldecker an Karl Honz.
„The Games must go on“: Zwei Tage nach diesen historischen Worten des damaligen IOC-Präsidenten und vier Tage nach dem Terroranschlag von München mit 16 Toten startete Hermann Köhler (ganz rechts in der Bahn) in der 4x400-Meter-Staffel. Hier übergibt der Nordwaldecker an Karl Honz. © imago/Pressefoto Baumann

50 Jahre sind die Spiele in München her. Und es ging nicht nur um Sport. Zwei Waldecker erlebten auch die Schattenseiten von Olympia 1972.

München – Gerade jetzt, wo im Münchener Olympiastadion wieder ein Großereignis in der Leichtathletik – die Europameisterschaft – stattfindet, tritt vielen Menschen die in diesem Jahr wegen des Jahrestages ohnehin gegenwärtige Erinnerung noch deutlicher ins Gedächtnis: Tote bei Olympia, die lange Zeit des Hoffens auf einen guten Ausgang und die selten öffentlich geäußerte Hoffnung vieler Athleten, trotzdem ihren olympischen Traum weiterleben zu dürfen –zwischen dieser Gemengelage bewegte sich das Geschehen vor 50 Jahren, an das wir in Teil zwei unserer kleinen Serie erinnern.

Zwei Waldeckern bleibt der 5. September 1972 in ganz besonderer Erinnerung. Dieser Tag des folgenschweren Attentats palästinensischer Terroristen auf Israels Olympiamannschaft gehört für die älteren von uns, wie die Mondlandung oder 9/11 in New York zu den Ereignissen, von denen man noch genau weiß, wo man davon erfahren hat. Auch Waldecks damals einziger Olympia-Teilnehmer Hermann Köhler. Und Werner Rabe, heute Wahl-Münchner, damals WLZ-Redakteur in München.

Olympia 1972 in München: WLZ-Team wartete in der „Krone“

Obwohl die Bilanz des Schreckens nach einer falschen Entwarnung erst weit nach Mitternacht feststand, erfuhren die Leser der Waldeckischen Landeszeitung schon am frühen Morgen des 6. Septembers nahezu exklusiv von den tragischen Ereignissen und den Olympia-Toten. „Schreckensnachricht um 3.20 Uhr – 16 Tote überschatten Olympia“, lautete die Schlagzeile der WLZ an diesem Tag.

Außerhalb Münchens war die Heimatzeitung einige der ganz wenigen Tageszeitungen, die auf Grund eines möglichen späten Andrucks noch ganz aktuell auf die nächtlichen Ereignisse eingehen konnte. Die Redakteure und Schriftsetzer warteten bei einem späten Feierabendbier geduldig im Gasthaus „Zur Krone“ gegenüber dem Druckhaus in der Lengefelder Straße auf die neuesten Entwicklungen, nachdem der damalige WLZ-Redakteur Werner Rabe gegen Mitternacht telefonisch vorgewarnt hatte, dass die Entwarnung von Regierungssprecher Conrad Ahlers, die Aktion sei „glücklich und gut verlaufen“, wohl doch voreilig gewesen sei.

Nach den dramatischen Ereignissen des ganzen Tages, die auch die WLZ vor Ort am Zaun des Olympischen Dorfes, im Pressezentrum und im Fernsehen verfolgt hatte, waren es befreundete Kollegen des Redakteurs aus Korbach, die aus Quellen direkt am Flughafen in Fürstenfeldbruck erfahren haben wollten, dass die wenig professionelle Aktion eben doch dramatisch, blutig und mit vielen Toten verlaufen war.

Erst um halb vier morgens wurde die WLZ vom 6. September 1972 gedruckt. Repro: BE
Nachtschicht mit Schreckensmeldung: Erst um halb vier morgens wurde die WLZ vom 6. September 1972 gedruckt. © Repro: be

Schon tagsüber hatte sich gezeigt, dass München, ja die Bundesrepublik Deutschland, auf einen Terroranschlag mit dieser bisher ungekannten Brutalität nicht eingestellt und vorbereitet war, obwohl es entsprechende Warnungen gegeben hatte. Die dramatischen Szenen in der Conollystraße wurden unverständlicherweise auch noch live im Fernsehen übertragen – Reality-TV auch für die Terroristen, die am Tatort ebenfalls vor dem Bildschirm saßen und auf diese Art und Weise immer bestens informiert waren.

Terror bei Olympia 1972: Wettkämpfe hatten schon begonnen – aber sollten sie auch weitergehen?

Zu Beginn des Tages hatten schon die ersten Wettbewerbe begonnen, lief schon der Trainingsbetrieb, ehe die bis dahin so heiteren und fröhlichen Spiele unterbrochen wurden. Je mehr vom tragischen Geschehen um Israels Olympia-Mannschaft durchsickerte, umso mehr wurde diskutiert, ob dieser Anschlag das Ende der Spiele, ja vielleicht sogar das Ende der olympischen Begegnung bedeuten könnte. Kann es weiter gehen, wenn es Tote gibt?

In der WLZ-Redaktion wartete der kürzlich verstorbene Hans-Heinrich Strippel auf neue Meldungen der Nachrichtenagenturen und auf telefonische Infos von Werner Rabe aus dem Pressezentrum. Um 3.20 Uhr folgte die Gewissheit, konnte auch in Korbach die Schlagzeile formuliert werden. Und die Heimatzeitung wurde mit der traurigen Nachricht durch die fleißigen Zusteller morgens früh an die Frau und den Mann gebracht.

So wie am 7. September 1972 auch das „The games must go on“ bei der Trauerfeier von IOC-Präsident Avery Brundage. Dabei waren der Amerikaner und auch Willi Daume eher skeptisch gewesen, was die Fortsetzung der Spiele betraf. Doch es waren, wie das spätere IOC-Mitglied Walther Tröger im Nachhinein bestätigt hat, gerade die Israelis, die darauf drängten, dass man sich dem Terrorismus nicht beugen dürfe.

Anschlag bei Olympia: Waldecker Leichtathlet erlebte ihn in seinem Zimmer im Olympiadorf

Nur ganz wenige Athleten kehrten den Spielen freiwillig den Rücken. Der Helmighäuser Leichtathlet Hermann Köhler, der als Schlussläufer der Europameister-Staffel von 1971 noch auf seinen Einsatz im medaillenträchtigen deutschen 4x400-Meter-Quartett wartete, hatte von dem Anschlag in seinem Zimmer des Olympischen Dorfes erfahren. „Bei aller Solidarität haben wir gehofft, dass es weitergehen würde und wir die Staffel noch laufen konnten“, sagt er auf Anfrage.

Immerhin hatte Köhler wegen des Staffelrennens auf einen Einsatz über 400 Meter flach verzichtet. Die emotionale Trauerfeier machte Mut. „Wir Athleten mussten alle stehen. Das ging alles nicht nur ans Gemüt, sondern auch ganz schön in die Beine. Für den folgenden Wettkampf war das sicherlich nicht förderlich“, sagt Köhler.

Ob es daran lag? Jedenfalls übergab Köhler später beim Wettkampf mit drei Sekunden Vorsprung an Schlussläufer Karl Honz, der aber nach furiosen 200 Metern einbrach. Platz vier für das deutsche Quartett. Keine Medaille, aber angesichts der tragischen Ereignisse auch keine Tragödie. (Werner Rabe)

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