Training trotz Corona:

Eiko Berlitz - ein Kletterer auf zwei Rädern

Eiko Berlitz. Radfahren , MT Melsungen
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Tempo mit eigener Kraft erzeugen: Eiko Berlitz (Mitte) spürt ein Unabhängigkeitsgefühl, wenn er auf dem Fahrrad sitzt. Der gebürtige Gellershäuser ist einer der besten hessischen U23-Straßenfahrer.

Alle Fahrradrennen bis auf weiteres abgesagt und die Radfahrer haben derzeit bessere Trainingsbedingungen, denn je. Dahinter steckt der coronaische Irrsinn! Auch Eiko Berlitz (22) ist von diesem Virus genervt.

Bad Wildungen/Melsungen – Dem gebürtigen Gellershäuser wurde der Saisonhöhepunkt gestrichen, bevor die Saison überhaupt begonnen hatte. Er visierte in seiner letzten U23-Saison die Triple-Hessenmeisterschaft an: Straßenrennen, Zeit- und Bergzeitfahren. Die Titelkämpfe hat der hessische Verband auf unbestimmte Zeit verschoben. Obwohl ihm die Saisonziele abhanden gekommen sind, bleibt der 22-Jährige hartnäckig im Sattel. „Ich kann aktuell sehr gut trainieren, da die Straßen merklich weniger befahren sind und ich kann es mit ruhigerem Gewissen machen, weil ich sowieso nicht in die Uni-Bibliothek darf.“ Berlitz studiert Mathematik und Sport auf Lehramt in Bayreuth.

Er startet für das Team der MT Melsungen. Der Zufall hatte ihn vor fünf Jahren zu dieser Mannschaft geführt. Seine Hauptsportart war damals noch Triathlon beim CJD Oberurff und Berlitz hatte sich ohne Hintergedanken für die Bezirksmeisterschaft im Bergzeitfahren in Melsungen angemeldet. Er fuhr Streckenrekord und wurde überraschend Dritter. „Da waren die alle erst einmal baff“, erinnert sich Berlitz und Dieter Vaupel, sportlicher Leiter des MT-Teams, sicherte sich sofort die Dienste des Talents, der mit seinen Eltern mittlerweile nach Reinhardshausen umgezogen war. Dass dieses Rennen keine Eintagsfliege war, bewies Berlitz nur ein paar Wochen später. Das Greenhorn wurde auf Anhieb Hessenmeister im Straßenrennen der Junioren. „Von da an war ich angefixt für den Radsport“, sagt er und seither betreibt er Triathlon nur noch als Nebensportart.

Vielleicht ist seine Karriere auf zwei Rädern etwas zu spät ins Rollen gekommen, denn seinen Traum als Profi einmal die Tour de France zu fahren, wird wohl unerfüllt bleiben.

Dabei spürte er schon als Kind ein besonderes Gefühl, wenn er mit dem Kettcar und dem Drahtesel unterwegs war. „Radfahren bedeutet für mich seit Kindheitstagen Freiheit. Ich konnte dann immer entscheiden wohin, wie schnell und wie weit ich fahre.“ Dieses Unabhängigkeitsgefühl gepaart mit einer bestimmten Geschwindigkeit liebt Berlitz bis heute am Radfahren. #

Natürlich gibt es auch Dinge an dieser Sportart, die er nicht so mag. So findet er es nervig, sich die Beine zu rasieren. Warum lässt er es dann nicht? „Das gehört schon dazu. Radfahrer sind eitel, man wird im Team darauf angesprochen, wenn jemand irgendwelche Sockenlängenregelungen nicht befolgt oder eben unrasiert zum Rennen kommt. Ich habe mich mittlerweile von den anderen anstecken lassen und bin selbst sehr eitel geworden.“ Sportlich hätten haarlose Beine und Arme aber kaum einen Wert, erzählt der 22-Jährige. Es gebe Untersuchungen, dass eine Beinrasur beim Einzelzeitfahren nur eine Sekunde auf 40 Kilometer bringe.

„Der Berg ist ehrlich.“

Wenn sich eine steil ansteigenden Erhebung vor Radfahrern auftut, sagen viele von ihnen: „Oh nein, der Berg“ – Berlitz sagt: „Endlich, der Berg.“ Er liebt das Klettern auf zwei Rädern und hat dafür eine einfache Erklärung: „Der Berg ist ehrlich.“ Bei einem Rennen auf flacher Strecke müsse man stets taktieren, achtsam sein, sich gut im Feld positionieren und am Ende gut sprinten können.

 „Beim Berg kommt es nur darauf an, wer die besten Beine hat und wer sich am besten quälen kann.“ Und wenn der Gipfel endlich erklommen ist, freut sich der Freizeitfahrer, der Rennfahrer Berlitz fürchtet hingegen, den am Berg gut gemachten Boden bei der Abfahrt wieder zu verlieren. Er erinnert sich noch an den Kellerwald-Bike-Marathon. „Bergauf war ich in der Spitzengruppe und dann haben sich die anderen fast schon geisteskrank in die Abfahrt gestürzt. Das habe ich mich nicht getraut und verlor bergab viel Zeit.“

Wer Berge auf Zeit hochfährt, sollte die Fähigkeit besitzen, seinen inneren Schweinehund zu überwinden, sich zu quälen. Berlitz kann das, aber hilft ihm dieser Charakterzug auch außerhalb des Sports? Er muss darüber eine Weile nachdenken. „Puh, das weiß ich gar nicht, so richtig verbissen bin ich eigentlich nicht.“ Radfahren mache ihm Spaß, aber Tätigkeiten die ihm weniger Spaß machten, dafür könne er sich auch nicht quälen. „Ich tue mich beim Lernen für eine Matheklausur schon auch schwer.“ 

Durch den Sport habe er allerdings gelernt, sich gut zu strukturieren und zu disziplinieren. Berlitz möchte nie den Spaß am Radfahren verlieren, aber er weiß, dass die Momente der Abneigung vermehrt kommen würden, wenn er sein Hobby zum Beruf machen würde. 

Er trainiert im Schnitt zehn Stunden pro Woche – im Sommer mehr. Dabei ist er meist allein, nur in den Semesterferien trainiert er mit den Teamkollegen. 

Deutschlandtour durchaus ein Ziel

Als Sportstudent weiß er natürlich, dass der Kopf genauso gut für den Wettkampf trainiert werden sollte wie die Beine. Er habe sich im vergangenen Jahr beim Rennen um die südwestdeutsche Meisterschaft im Kopf einen Rennplan erarbeitet und sich darin im Detail alle möglichen Szenarien vorgestellt. „Ich habe dadurch im Rennen keinen Gedanken mehr darauf verschwendet, ob ich schwere Beine habe oder nicht, sondern mich nur darauf konzentriert, genau diesem Plan zu folgen.“ 

Nachdem Berlitz im vergangenen Jahr bei der hessischen Meisterschaft den U23-Titel im Bergzeitfahren und Rang zwei im Einzelzeitfahren gewann, hat er für sich die Tür zu den Profis noch einen Spalt offen gelassen. Er kann seine Leistungsfähigkeit gut einschätzen. „Was Weltklassefahrer leisten ist schon unfassbar. Wenn der Tour-Sieger Chris Froome eine Stunde lang einen Berg hochfährt, könnte ich vielleicht nur fünf bis zehn Minuten mitfahren, mehr nicht.“ 

Es gebe bei den Profis aber drei Leistungskategorien und er kann sich durchaus vorstellen, auf der untersten Stufe (Continentalteam) mitzuhalten. Auch hier läuft ihm aber die Zeit davon, denn die Profiteams verpflichten in der untersten Kategorie bevorzugt U23-Fahrer für die Bundesliga. Diese Altersklasse verlässt Berlitz im kommenden Jahr. 

Aber mit etwas mehr Training, vor allem im Winter, traut er sich schon noch den Eintritt in einen Profistall zu. Realistisches Rennen wäre dann auch die Deutschlandtour, die mitunter auch durch Waldeck-Frankenberg führt. Und in Berlitz’ Kopf rattert schon der Rennplan: „Das wäre cool, wenn meine Kumpels dann am Straßenrand stehen würden

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