Pausenlose 4900 Kilometer bei Temperaturen von 2 bis 40 Grad

Race Across America: ein gnadenloses Radrennen – ein Willinger war dabei

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Allein auf weiter Flur. Ein Fahrer, der die Tortur des Race Across America auf sich nimmt, ist meist so mit sich beschäftigt, dass er die Schönheiten der Landschaften aus den Augen verliert.

4900 Kilometer in 9 Tagen: So etwas hat Mountainbiker Andreas Kramer noch nicht erlebt. Als Sportwissenschaftler begleitete der Willinger das größte Rad-Rennen quer durch Amerika.

Willingen –Das härteste Radrennen der Welt. Wem fällt jetzt nicht die Tour de France ein? Aber verdient die Frankreich-Rundfahrt diese Bezeichnung überhaupt? Der gebürtige Willinger Andreas Kramer hat da so seine Zweifel, seitdem er vor wenigen Tagen als Sportwissenschaftler beim Rennen quer durch die USA (Race Across America oder RAAM) dabei war.

Dieses Rund-um-die-Uhr-Radrennen führt von der Westküste zur Ostküste. Von Oceanside nach Annapolis. Von Kalifornien, Arizona, Utah, Colorado, Kansas, Missouri über Illinois, Indiana, Ohio, West Virginia nach Maryland. 

Dabei müssen Mannschaften (vier Fahrer) die rund 4900 Kilometer mit einer Gesamthöhendifferenz von etwa 52 000 Meter innerhalb von neun Tagen zurücklegen. Einzelfahrer haben dafür zwölf Tage und Nächte Zeit. Zum Vergleich, bei der Tour de France trampeln die Fahrer die rund 3500 Kilometer innerhalb von drei Wochen ab.

Gefährten: Andreas Kramer (rechts) mit dem Fahrer Julian Becker.

Kramer, der selbst Mountainbike-Marathons fährt, wusste vorher nicht, auf was er sich da eingelassen hatte. Und der 35-Jährige kam mit Eindrücken und Erkenntnissen zurück, die seinen Horizont als Sportwissenschaftler erweitert haben: „Unglaublich, was der Körper zu leisten vermag, wenn der Kopf die Willenskraft dafür liefert und es ist erstaunlich, mit wie wenig Schlaf der Mensch kurzfristig auskommen kann.“

Fahrer machten täglich nur drei bis fünf Stunden die Augen zu, Betreuer teilweise noch weniger. Kramer musste den Sportlern Empfehlungen geben, die man in keinem Buch nachlesen kann. Er musste instinktiv reagieren und auch improvisieren, was Ernährungs- und Erholungszeiten angeht.

An Bord eines schlafraubenden Unterfangens

Das Abenteuer RAAM begann für den gebürtigen Willinger bereits vor zweieinhalb Jahren. Kramer arbeitet in der Sportklinik Hellersen in Lüdenscheid (NRW) auf den Feldern der Leistungsdiagnostik und der Trainingssteuerung. Und eines Tages kamen die vier Radfahrer Markus Gärtner (Fitness-Trainer), Julian Becker (Autoverkäufer), Sven Dunker (Elektrotechniker) und Milivoje Nilovic (Orthopäde) zu ihm und fragten, ob er sie bei der Race-Across-America-Tour betreuen möchte. 

Kramers Chef erteilte die Erlaubnis und damit war er mit elf weiteren Betreuern an Bord der Ungewissheit, an Bord eines schlafraubenden Unterfangens. Hier hatten sich keine professionellen Sportskanonen zusammengetan, sondern ein Freundeskreis, der gern Rad fährt. Einzig Gärtner konnte eine sportlich hochklassige Urkunde aus Hawaii von der Ironman-Teilnahme vorweisen.

Fast hätte Kramer selbst ran gemusst

Es folgte harte Trainingsarbeit, pro Woche etwa 10 bis 15 Stunden. Da die Uhr bei diesem Rennen nie anhält, steht und fällt der sportliche Erfolg mit dessen Planung und Organisation. Dienst- und Schichtpläne wurden geschmiedet und bei drei Simulationen getestet. Eine führte von Flensburg nach Garmisch binnen zwei Tagen.

Dann fiel der Startschuss im kalifornischen Oceanside und bereits am ersten Abend waren schon viele Pläne des Kramer-Teams hinfällig. Milivoje Nilovic stürzte und brach sich das Schlüsselbein. Ausgerechnet der Orthopäde. Aus dem Quartett wurde ein Trio. Kramer war zwar als Ersatzfahrer gemeldet, aber da das Rennen schon lief, durfte er nicht mehr von Autositz auf den Radsattel wechseln.

Teamwork erfolgreich abgeschlossen: Die Mannschaft von Andreas Kramer, der auf diesem Bild verdeckt in der zweiten Reihe steht, freut sich über den dritten Platz beim Race Across America.

Das Team hatte vier Fahrzeuge gemietet, darunter ein Wohnmobil, in dem stets einer der Fahrer seinen Schlaf finden sollte. Seine beiden Kollegen waren während dieser Zeit im Einsatz. Der eine spulte mit dem Rad auf durchweg Asphaltstraßen seine rund 250 Kilometer ab und der andere stimmte sich im dahinter fahrenden Auto auf seinen Einsatz ein, der an einer vorher ausgemachten Wechselstelle stattfand.

Jeder im Team wusste um seine Aufgaben, aber als der Schlafmangel größer wurde, gerieten auch Pläne und Vorsätze ins Wanken und jeder Betreuer wurde zum „Mädchen für alles“. 

Es gab so viel zu tun: Täglich für die Gruppe einkaufen gehen, nahezu pausenlos Autofahren und nachts dem Fahrer Licht spenden, als Beifahrer den Kurs halten und den Verlauf stets dem Fahrer per Funk erklären, die acht Drahtesel – vier leichte Rennräder für Anstiege und vier Triathlon-Räder – säubern und warten, Mahlzeiten vorbereiten und, und, und…

Temperaturen zwischen 2 und 40 Grad

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Betreuer noch weniger Schlaf bekommen würden als die Fahrer“, sagt Kramer. Da lagen nicht selten die Nerven blank, es begann die hohe Kunst des Gutmiteinanderumgehens. „Das ist Dauerstress, bei dem man kaum Rückzugsmöglichkeiten hat.“

"Das ist Dauerstress, bei dem man kaum Rückzugsmöglichkeiten hat.“ So beschreibt Andreas Kramer das Zehren des Rennens an den Nerven der Beteiligten. Mitunter lagen sie blank im Team, es begann die hohe Kunst des Gutmiteinanderumgehens. 

Einen Streit auszufechten, das geht bei einem Rennen wie dem Race Across America nur zu hohen sozialen Kosten. Also sei jeder dazu angehalten, freundlich zu sein, so Kramer. 

Die rund 4900 Kilometer lange Strecke mutete den Fahrern klimatische Herausforderungen zu, die zwischen 40 Grad Hitze in der Wüste des Death Valley und ein paar Grad über Null mit Schneefeldern und Kälte in den Rocky Mountains lagen. Allerdings sahen Sportler und Betreuer wenig von der landschaftlichen Schönheit Amerikas. 

„Am Grand Canyon sind wir leider nachts vorbeigekommen“, erzählt Kramer. „Und in den Rocky Mountains waren wir zu beschäftigt, denn die Anstiege waren teilweise so steil, dass sich die Fahrer im letzten Gang gerade noch so hochgedrückt haben.“ 

Kramer war der Taktgeber der Sportler. Dafür lieferte ihm der Tacho Leistungsparameter. Die Selbstwahrnehmung spielt manchem einen Streich. „Der Fahrer sagt mir, ich fühle mich bombig, aber die Daten sagen etwas anderes.“ Kramer musste entscheiden, wie intensiv er jemanden noch belasten kann.

Platz vier verteidigt

Trotz des Sekundenschlafs beim Autofahren, mussten die Betreuer gegen Ende des Rennens noch mal richtig Gas geben, denn sie hatten nur acht Minuten Vorsprung auf den Viertplatzierten. Diesen Podestplatz galt es zu verteidigen. 

Vielleicht hätten die Deutschen mehr Betreuer mitnehmen sollen, denn ihren zwölf standen bei den siegreichen Österreichern 18 gegenüber. Schließlich blieb die Uhr für die Mannschaft um Kramer nach sechs Tagen, neun Stunden und vier Minuten stehen. Platz drei war geschafft, acht Stunden hinter einem Team aus Frankfurt. 

Das ganze Hab und Gut verkauft

Erst im Ziel erfuhren die Teilnehmer, welch große Dramen und Leistungen sich bei diesem Rennen abspielen. Da war dieses Frauenteam Ü 60, eine Radlerin mit amputiertem Unterschenkel, zwei fuhren im Rollstuhl und eine körperlich unversehrte 68-Jährige radelte. Oder dieser verzweifelte Mann mittleren Alters, der zum vierten Mal versuchte, diese Rennen durchzufahren, dafür all sein Hab und Gut verkauft hatte, aber wieder nicht ins Ziel kam. 

Kramer hat viel Respekt vor den Leistungen der Solofahrer. „Wir haben eine Frau auf der Strecke getroffen, die hat schon apathisch beim Essen da gesessen, danach wurde sie von Helfern wieder in den Sattel gesetzt, und die hat dann weiter gekurbelt, die konnte nur noch Fahrradfahren und nichts anderes.“ 

Das seien Leistungen vom Körper, die für ihn als Sportwissenschaftler nicht nachvollziehbar, aber möglich seien, erzählt Kramer und fügt hinzu: „Dennoch war für uns nicht mehr rauszuholen.“ 

In Kramers Team konnte sich direkt nach der Zielankunft aber keiner vorstellen, diese Tortur noch einmal über sich ergehen zu lassen. „Das sah aber nach ein paar Tagen schon wieder anders aus“, sagt Kramer und auch er hat schon wieder Lust auf diese Trampelei von der Westküste zur Ostküste. Am liebsten schon im nächsten Jahr – als Radfahrer. (rsm)

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