Henry Lettermann aus Eifa ist Hessenmeister und hat beim Internationen Deutschen Turnfest gewonnen

Beim Turnen dank missglückter Radfahrt

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Eifa - Irgendwann einmal will er bei den Olympischen Spielen dabei sein - wie sein berühmter Vereinskamerad Fabian Hambüchen. Henry Lettermann ist auf einem guten Weg dahin: Der elfjährige Eifaer ist einer der besten Turner seines Alters in Deutschland.

Keine drei Jahre alt ist Henry, als ihm sein Vater Radfahren beibringen will. Dieter Lettermann lässt Sohn und Rad für einen Moment allein, um die noch fehlenden Stützräder zu holen. Als er zurückkommt, sind Junge und Zweirad weg. Henry ist losgefahren. Einfach so, ohne Stützräder. Alles klappt bestens, bis ein Scheunentor seine Tour unsanft bremst. Denn wie das mit dem Bremsen funktioniert, das weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Heute ist Henry elf Jahre alt. An diese erste kleine Radtour kann er sich nicht mehr erinnern, sein Vater aber schon: „Es war unglaublich. Er konnte das einfach so.“ Inzwischen weiß der Schüler natürlich auch, wo die Bremsen am Fahrrad sind. Noch wichtiger aber: Seinen außergewöhnlichen Gleichgewichtssinn hat er behalten. Und der ist in seinem Sport sehr nützlich: Der Eifaer ist der beste Kunstturner seines Alters in Hessen - und hat sich auch gegen die nationale Konkurrenz bereits behauptet.

Auf den ersten Triumph folgt ein weiterer Sieg

Ende April feierte Henry in Frankfurt seinen ersten großen Triumph. Dort, im neuen Sportzentrum der Eintracht am Riederwald, gewann er den Hessenmeistertitel im Mehrkampf in seiner Riege. „Es hat gleich super begonnen“, sagt Henry. Am Reck, dem ersten Gerät, erreichte er die höchste Punktzahl. Das gab ihm Auftrieb. „Danach lief es weiter ganz gut“, erzählt er. Dass die Ergebnisse von zwei Geräten gestrichen wurden, kam ihm entgegen: Gerade an den Ringen lief es nicht perfekt. Henry rechnete stets mit, wusste daher, dass er gut im Rennen liegt: „Ich dachte, dass ich Zweiter oder Dritter bin.“

Als dann nach dem Wettkampf Platz drei und anschließend Platz zwei aufgerufen wurden, wusste er nicht so recht, was er davon halten sollte: Entweder war er nicht auf dem Podest - oder eben Sieger. Als sein Name dann genannt wurde, war er trotzdem überrascht. „Ich hatte das nicht erwartet“, gibt Henry zu. „Ich habe mich riesig gefreut.“Und es ging weiter: Offizielle deutsche Meisterschaften gibt es bei den Schülern A zwar noch nicht, erst in höheren Altersklassen. Überregionale Wettkämpfe stehen für Henry nun dennoch auf dem Plan, wie zuletzt der Mehrkampf beim Internationalen Deutschen Turnfest in der Rhein-Neckar-Region. In Heidelberg setzte er sich mit den besten Turnern seines Alters aus der gesamten Bundesrepublik auseinander, insgesamt waren es knapp zwei Dutzend Konkurrenten. Am Ende wurde wieder ein Platzierter nach dem anderen aufgerufen - und Henry kam als Allerletzter dran. „Das war ein geiles Gefühl“, beschreibt er den Moment, in dem er als Sieger genannt wurde.

An den Ringen hatte Henry erneut etwas Probleme. „Ich mag zwar alle Geräte, die Ringe aber am wenigsten“, sagt er. Diesmal gab es keine Streich­ergebnisse, umso beachtlicher ist seine Leistung: An Reck, Boden, Seitpferd, Sprung und Barren musste er deshalb insgesamt etwas mehr Punkte holen als seine Konkurrenten.

Vereinskamerad von Fabian Hambüchen

Die Erfolge geben Henry Selbstvertrauen. Er blickt optimistisch nach vorn, bleibt aber auf dem Teppich: Seine guten Leistungen möchte er bestätigen. Wozu es dann reicht? Mal schauen. Um weiter in die Zukunft zu schauen: Einmal bei den Olympischen Spielen zu starten, das wäre schon was. Und dort eine Medaille zu holen - träumen ist schließlich erlaubt.

Mit Fabian Hambüchen hat Henry einen Vereinskameraden, der einst denselben Traum hatte. Erfüllt hat ihn sich der Wetzlarer, der für die KTV Obere Lahn in der Bundesliga turnt, längst: 2008 gewann er in Peking Bronze am Reck, vier Jahre später in London am gleichen Gerät sogar Silber. „Klar, Fabian ist mein großes Vorbild“, sagt Henry, der auch bei den Ligawettkämpfen in Biedenkopf mitfiebert: „Wenn’s knapp wird, bin ich auch richtig nervös.“

Zweimal wurde es in dieser Saison schon richtig eng: in den Heimwettkämpfen gegen Vizemeister Straubenhardt und gegen Stuttgart. Beide Male gewannen die Biedenkopfer, die zuvor schon in Buttenwiesen gesiegt hatten, knapp. Zur Hälfte der Saison sind sie damit unbesiegt, gehen als Spitzenreiter in die verbleibenden Wettkämpfe, die im Herbst ausgetragen werden. Einen großen Anteil daran hatte auch Andrey Li­khovitskiy, der wertvolle Punkte für die KTV holte. Der trainiert Henry Lettermann und die übrigen Nachwuchsturner im Verein gemeinsam mit Philipp Wiemers. „Er kann zwar nicht so gut Deutsch, aber wir verstehen alle, was er uns beibringen will. Er ist ein sehr guter Trainer“, sagt Henry über den Weißrussen.

Fünfmal drei Stunden Training pro Woche

Als Henry vier war, begann er mit dem Turnen. Ein Bekannter hörte von der missglückten Radfahrt, wurde so auf den Gleichgewichtssinn aufmerksam. „Er meinte, wir könnten ihn ja mal zum Kunstturnen bringen“, erzählt Dieter Lettermann. „Das haben wir dann gemacht. Dann haben sie ihn gleich dabehalten.“ Erst zweimal, später dann vier- und nun fünfmal pro Woche wurde und wird trainiert. Eine Einheit geht über drei Stunden: „Erst machen wir uns warm, dann geht es richtig los.“ An jedem Tag wird an drei von sechs Geräten gearbeitet. „Wenn’s an einem schlechter läuft“, erklärt Henry, „dann wird an dem etwas mehr getan.“

Praktisch für den Fünftklässler: Das Training ist in einer Halle der Lahntalschule, dem Biedenkopfer Gymnasium, an dem der Elfjährige seit Sommer auch Schüler ist. „Manchmal kann ich direkt nach dem Unterricht oder einer AG zum Training gehen“, erklärt er. Ansonsten macht sein Vater eben den Taxifahrer - und das gern: „Er kriegt jede Unterstützung, solange ihm das Turnen Spaß macht und er das auch wirklich will.“ Daran gibt es derzeit keinen Zweifel. Eine Phase habe es gegeben, da habe sein Sohn mit dem Turnen aufhören wollen, erzählt Dieter Lettermann. Aber Henry entdeckte die Freude am Sport schnell wieder.

Und wenn er Zeit hat, fährt Henry gerne eine Runde mit dem Rad. Inzwischen weiß er auch, wie das mit dem Bremsen klappt.

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