Biathletin im Interview über WM-Silber, das deutsche Team und die Corona-Krise

Karolin Horchlers Saisonbilanz: „Ich habe meine Chance genutzt“

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Mit Silber die Saison vergoldet: Karolin Horchler (rechts) als Teil der WM-Staffel neben (von links) Denise Herrmann, Franziska Preuß und Vanessa Hi

Die Vorbereitung war sehr gut, der September mit dem Titel bei der Deutschen Meisterschaft sehr erfolgreich. Dann kam der Winter, mit schwachem Start und Happy end in Silber - Karolin Horchler und ihre Saisonbilanz.

Die Frage nach gut oder schlecht stellt sich eigentlich nicht. Karolin Horchler hat Silber bei der Biathlon-WM gewonnen. Ihr größter Erfolg nach einer Saison, wie sie die gebürtige Upländerinkennt: mal auf, mal ab, Kämpfen angesagt. Beim Blick auf die Saison wird klar: es war nicht alles gut, aber es wurde alles gut.

Im Interview mit der WLZ spricht die in Ruhpolding lebende Waldeckerin über schnelles Schießen, entschleunigtes Leben durch Corona und über den Teamgeist der deutschen Frauen.

2020 ist noch jung, hat aber schon einen Meilenstein gebracht: Silbermedaille in der Staffel bei der Weltmeisterschaft. Hat die Medaille schon einen schönen Platz zu Hause bekommen?

Zugegeben. Sie liegt hier noch so herum. Irgendwie ein bisschen schade, dass wir noch nicht so richtig feiern konnten. Nach der WM ging’s gleich im Weltcup weiter. Und die Weltcupsaison musste dann ja Knall auf Fall beendet werden. Aber das Feiern holen wir nach.

Saison-Glanzstück: Karolin Horchler mit WM-Silber um den Hals. Foto: AFP

Wird Ihnen der Triumph aber allmählich bewusst?

Ja, nach für nach. Gerade beim Abschiedsrennen meiner Schwester Nadine, als wir viele alte Bilder durchgeschaut haben, wird einem bewusst, wie lange man schon Biathlon betreibt und von so einer Medaille träumt. Und wenn dich dein alter Trainer aus Willingen anruft und kaum sprechen kann, weil er vor Freude weint, dann denkt man schon: Wow, es hat sich gelohnt, über die Jahre immer dran zu bleiben und jetzt eine der besten Vier in Deutschland zu sein. Wenn mir das vor Jahren einer gesagt hätte...

Und wer hätte das im Dezember geglaubt, als Karolin Horchler aus dem Weltcupteam flog?

Ja, der Saisonstart war ein bisserl schwierig. Als im Kader Athletinnen ausgetauscht wurden und ich zurück in den IBU-Cup musste, da dachte ich erst einmal: „verdammt!“ Aber: Es ist Leistungssport, die Trainer mussten einfach so handeln in dem Moment. Ich denke, mit den Rennen ab Januar kann ich richtig zufrieden sein.

Sind Sie der Typ, der Motivation aus solchen „Rückstufungen“ zieht oder hemmt Sie das eher?

Ich glaube, dass hat mich stärker zurückgebracht. Ich kenne dieses Auf und Ab aus meiner langen Karriere. Mich hat es getroffen, wie die Hälfte der Mannschaft – zurecht, weil meine Leistung in den Einzelrennen einfach nicht da war. Aber ich habe meine Chance noch genutzt und gezeigt, dass ich zum Weltcupteam dazugehöre.

Horchler und das Schießen: zurück zu den Basics

Wussten Sie zu dem Zeitpunkt im Dezember, woran Sie noch arbeiten müssen?

Es hat einfach die Komplexleistung noch nicht gepasst. Läuferisch war ich noch nicht in Form, und dann wird es auch beim Schießen oft schwieriger. Ich wusste, ich muss an beiden Stellschrauben noch drehen. Gerade im Schießen habe ich mich dann darauf besonnen, zu den Basics zurückzukehren.

Das heißt, eigentlich war im Schießen etwas Neues angepeilt?

Ja. Es war eigentlich mein Ziel, zwei Sekunden schneller zu schießen bei jedem Anschlag, um der Weltspitze in Sachen Schießzeit etwas näher zu kommen. Aber das habe ich im Dezember unter Wettkampfbelastung nicht rübergebracht. Also habe ich mir gesagt, okay, einfach wieder zurückrudern, etwas mehr Zeit lassen und mich auf meine Stärke verlassen. Und dann hat es auch wieder geklappt, aber ich musste erst diese Erfahrung machen.

Schießen ist doch sowieso Kopfsache...

Ja war es auch ein bisserl in diesem Fall. Beispielsweise beim Weltcup-Sprint in Ruhpolding, da habe ich mir gesagt, ich mache einfach das, was ich schon immer kann. Gefühlt habe ich dann meinen Rhythmus geschossen, aber von der Zeit her war das nur knapp eine Sekunden langsamer als es ursprünglich mal angepeilt war. Im Kopf wusste ich danach: Einfach keinen Stress machen, sondern meinen normalen Ablauf durchziehen.

Der Tiefpunkt: Karo Horchler Mitte Dezember beim Weltcup in Hochfilzen.

Am schnellsten zieht Dorothea Wierer durch, die Gesamtweltcupsiegerin. Haben Sie mal versucht, so schnell zu schießen wie die Italienerin?

Die macht das schon immer so. Als Schnellschützin muss aber auch sie Wind und Schnee oft Tribut zollen und kommt nicht immer mit null Fehlern durch. Es immer eine Frage dessen, wieviel Risiko ich eingehe. Von Typ her ist da jede anders. Franziska Preuß ist ein ähnlicher Typ. Sie sagt: Je länger ich stehe, umso schlimmer wird es.

Sie hatten sich für die WM qualifiziert, ohne die vom DSV vorgegebene Norm (zweimal unter den besten 15) zu erfüllen. Ist Ihnen das egal oder hätten Sie gern die Platzierungen erreicht, um den Kritikern kein Futter zu geben, die sagen, Sie wären nur zur WM gefahren, weil andere zu schlecht waren?

Ich habe mich nicht als Notnagel gefühlt, denn ich bin ja nicht als sechst- oder siebtbeste im Team mit nach Antholz gefahren. Ich war die viertbeste Deutsche aufgrund der Weltcup-Resultate. Und manchmal waren es nur zwei, drei Sekunden, die zu Platz 15 gefehlt haben. Trotzdem stimmte die Leistung, was auch die Trainer so gesehen haben. Und naja: Vorige Saison hatte ich ganz schnell meine Quali in der Tasche, bin aber bei der WM kein Rennen gelaufen. Also was ist jetzt besser oder schlechter?

Apropos schlechter: Den deutschen Frauen hatten viele Kritiker eine horrend schwache Saison vorhergesagt, spätestens nach Platz 12 in der Staffel Anfang Dezember.

Im Dezember war die extreme Kritik zum Teil gerechtfertigt. Aber als Team haben wir danach allen gezeigt, dass man die deutschen Frauen nicht abschreiben sollte.

Horchler und das Team: "Es geht nur miteinander"

Wie sehr musste sich das Team dafür zusammenraufen? Jeder hat ja vor allem eigene Ziele im Blick.

Wir haben uns als Team extrem gut geformt. Das habe ich so in meiner Laufbahn noch nie erlebt. Wir hatten gemerkt: In vielen Jahren zuvor gab es bei jedem Großereignis ausgerechnet im Teamwettbewerb keine Medaille. So haben wir uns alle gesagt: Es geht nur miteinander, es funktioniert nur im Team. Die Medaille war dann die Belohnung dafür, dass wir bis zum Schluss an uns geglaubt haben. Und der Teamgeist kam auch nach außen deutlich an, glaube ich.

Was tun in Corona-Zeiten? Karolin Horchler kraxelte auf dem Hochfelln nahe ihrer Wahlheimat Ruhpolding – da bestand keine Gefahr einer „Kontaktaufnahme.

Über die Ziele für die kommende Saison müssen Sie sich ja dann keine Gedanken machen: Auf den Status als Nummer vier lässt sich aufbauen.

Ja.

Oder denken Sie schon über „Ruhestand“ nach?

Nee, nee. Jetzt noch nicht, Ich mache das sicher keine Ewigkeit mehr. Aber ein Ziel bleibt – Olympia. Und so will ich weiter dabei sein.

Horchler und Corona: "Eine Chance für die Welt"

Die weltweite Pandemie trifft die Wintersportler ausgerechnet kurz vor dem Urlaubsmonat April. Statt Strandfeeling setzt Horchler wegen der Corona-Virus-Ausbreitung und ihren Folgen auf „Naherholung“. Vor wenigen Tagen hat sie eine Tour auf den Hochfelln unternommen. „Neue Herausforderungen: im Schnee, nur mit Turnschuhen, alleine bei minus 8 Grad oben", schrieb Horchler auf ihrer Instagram-Seite.

Dort oben in den Chiemgauer Alpen ist es leicht, Kontakte zu anderen zu vermeiden. Andernorts nicht. Wie reagieren Sie ansonsten auf die Folgen der Corona-Krise? 

Meinen Urlaub habe ich storniert, ich wollte mit meiner Schwester Nadine verreisen. Auf die Reise in die Heimat im Waldecker Land verzichte ich auch, aus Rücksicht auf meine Mutter und meine Oma. Es muss das Ziel sein, dass so wenig wie möglich passiert. Das heißt auch, dass wir jungen, gesunden Menschen Rücksicht nehmen müssen auf die älteren und schwächeren.

Wie geht es für Sie beim Biathlon weiter?

In der letzten April-Woche starten wir jeder für sich – wieder mit dem Grundlagentraining. Ob es planmäßig ab Mitte Mai mit Gruppentraining weiter geht? Fraglich nach Lage der Dinge. Ich muss abwarten und auf Stand by bleiben. Das Gute ist: Ich kann draußen mein Training machen und muss nicht unter geschlossenen Hallen und Schwimmbädern leiden.

Wie sehen Sie das Leben durch die Corona-Brille? 

Irgendwie denke ich, es ist eine Chance für die ganze Welt. Die Natur kommt zur Ruhe, es fliegen zum Beispiel kaum noch Flugzeuge. Für irgendwas muss es ja gut sein. Alles sind zu Hause und nehmen sich Zeit für sich.

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