Biathlon-Weltcup startet am Wochenende ohne die Ottlarerin

Karolin Horchler: Verletzung als Denkanstoß

Biathletin Karolin Horchler in der Abfahrtshocke vor Alpenkulisse; Weltcup in Antholz 2020
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Mehr in sich ruhen: Das Verletzungspech verzögert den Saisonstart für Karolin Horchler, aber die Biathletin hat in dieser Zeit auch viel über sich selbst gelernt.

Upland statt Finnland: Karolin Horchler fehlt am Samstag beim Weltcup-Auftakt der Biathletinnen in Kontiolahti, stattdessen weilte sie ein paar Tage bei ihrer Familie in Ottlar.

Ottlar - Das Jahr 2020 hatte für die 31-Jährige mit Silber in der WM-Staffel so gut begonnen und es endet für sie mit einer Vielzahl von Krankentagen. Einige davon waren geplant, etwa die Operation im April, mit der sie ihr langjähriges Schienbein-Problem aus der Welt schaffen wollte. Doch dann brach sie sich im Juni während des Krafttrainings eine Rippe. Der Bruch wurde nicht sofort diagnostiziert. Sie trainierte weiter, aber der Schmerz blieb, erst eine weitere Untersuchung brachte Gewissheit.

Ein Rippenbruch ist eine der wenigen Verletzungen, die kein Arzt, Physiotherapeut oder ein Medikament heilen kann, sondern nur die Ruhe. Aber das sportliche Nichtstun fällt Horchler schwer. Sie schaffte nur fünf, sechs Ausruhtage, dann musste sie ihren Körper wieder bewegen. Mitte Juli nahm sie am Lehrgang mit der deutschen Mannschaft auf 2300 Höhemetern teil und war dort anfangs auch schmerzfrei. „Aber in der zweiten Wochen habe ich gemerkt, dass die Belastung zu stark war und dann ist der Schmerz auch wieder wie ein Messer in mich reingeschossen.“ Die zehnte Rippe war wieder gebrochen. Ihr falscher Ehrgeiz auch.

Nun gab sie tatsächlich der Ruhe den Vorzug, fing erst nach einigen Wochen wieder an mit Walken, im September und Oktober trainierte sie viele Stunden ohne Rollerski, nur zu Fuß, ohne Stöcke und ohne Intensität. Nun ist sie seit drei Wochen wieder mit Stöcken unterwegs und hat ihre Trainingseinheit aber nur leicht intensiviert. „Ich horche jeden Tag in mich hinein, was macht die Rippe.“

In der Zeit der eingeschränkten Kontakte viel gelernt

Horchler ist dankbar für diesen Lernprozess und hat mittlerweile ein anderes Bewusstsein für ihren Körper entwickelt. „Ich glaube, als Leistungssportler nimmt man Schmerz anders wahr und verdrängt ihn vielleicht auch mehr.“ Die Biathletin steht zwar ständig in Kontakt mit Trainern, Ärzten und Physios des deutschen Teams, aber durch Corona und die Kontaktsperren war und ist sie viel auf sich allein gestellt. Was sich zunächst negativ anhört, hat seine positiven Seiten, Stichwort: Mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen.

„Ich habe in dieser Zeit viel gelernt“, sagt die 31-Jährige. „Es ist wichtig, nicht einfach eine Vorgabe abzuarbeiten, sondern mehr für sich selbst einzustehen, sich zu fragen, wie geht es mir heute, was verkraftet mein Körper heute. Das hatte ich so auch noch nie.“ Bei der Persönlichkeitsentwicklung wurde sie auch von ihren Trainern unterstützt. „Wir können nicht in dich hineinhorchen“, sagten sie ihr. Deshalb mache ein Trainingsplan keinen Sinn. „Ich weiß aber trotzdem, was ich trainieren muss“, betont Horchler.

Karolin Horchler

Sie will frühestens im Januar in die Saison einsteigen und „wenn es Februar wird, ist das auch in Ordnung“. Dieser Satz wäre der ehrgeizigen Biathletin vor einem Jahr vermutlich nur schwer über die Lippen gekommen. Doch die Bereitschaft für mehr Selbstverantwortung hilft ihr auch, realistischere Gedanken zu fassen. „Das wichtigste ist, dass die Rippe gut heilt und ich werde nur an den Start gehen, wenn ich hundertprozentig fit und belastbar bin.“

Horchler rechnet mit einem Aufbautraining von sechs bis acht Wochen. „Das Gute ist, dass ich bereits viele Stunden trainiert habe, zwar nur im ruhigen Bereich, das heißt aber, die Grundlagen sind schon da, dann geht nur noch darum, dass meine Muskel wieder lernen müssen, Gas zu geben.“

Karolin Horchler weiß, dass niemand im Weltcup sehnsüchtig auf sie warten wird. „Natürlich wird der Weg für mich erst einmal über den IBU-Cup gehen.“ Doch sie weiß auch, dass die Bundestrainer Kristian Mehringer und Florian Steirer auf sie setzen und nicht wie ihre Vorgänger sie als Notnagel sehen. Von ihren Coaches hört die 31-Jährige nämlich Sätze wie diese: „Karo, wir brauchen dich“. Dieses Lob rührt auch aus Horchlers bislang bester Weltcup-Saison mit Gesamtplatz 37, WM-Silber und als klare Nummer vier in Deutschland.

Das vierte Rad am Wagen zu sein, habe heute einen höheren Stellenwert als noch vor zehn Jahren, betont Horchler, die für den WSV Clausthal-Zellerfeld startet. Es sei schon enorm, was in den letzten drei, vier Jahren im Biathlon leistungsmäßig passiert sei, so viele Nationen wie nie zuvor hätten nun Athletinnen, die in die Top Zehn laufen könnten.

„Wir leben im Winter immer wie in Corona-Zeiten“

Horchler dämpft daher auch die Erwartungen der Biathlon-Fans, die auf die Nachfolgerin von Magdalene Neuner oder Laura Dahlmeier warten. „Ich glaube, sie wird nicht kommen, weil es heute fast nicht mehr möglich ist als Juniorin hoch zu kommen und schwuppdiwupp gleich vorn im Weltcup mitzulaufen, denn das Niveau ist unglaublich hoch.“ Sie erzählt von guten Athletinnen, die vor fünf, sechs Jahren ihre Karriere beendeten, die sagen, dass sie mit ihrer Leistung von damals heute nicht mehr unter die Top 30 laufen würden. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die Leistung von Horchler noch höher einzuordnen.

„Dieses große Vertrauen seitens der Trainer hatte ich so auch noch nie“, freut sich die gebürtige Ottlarerin, die jetzt in Ruhpolding zu Hause ist. Sie bemerke auch selbst, dass „die Leute mich jetzt registriert haben“. Auch aus der Mannschaft kommen positive WhatsApp-Botschaften, wie etwa „Mensch Karo, wir freuen uns, wenn du bald wieder dabei bist.“ Das Dabeisein wird aber anders aussehen als jemals zuvor. Corona wirbelt natürlich auch die Saison der Biathletinnen durcheinander. „Wir wissen alle nicht, was da auf uns zukommt“, sagt Horchler.

Sie hat auch schon selbst Erfahrungen gesammelt. Nach einem Hotelaufenthalt in der Ramsau habe sie erfahren, dass dort zur gleichen Zeit zwei positive getestete Sportler gewesen seien. „Ich bin dann auch zum Test gegangen, er war negativ.“

Hygienekonzepte des Verbandes verändern gewohnte Abläufe. „Es sollen in der Mannschaft nun kleine Teams gebildet werden, Trainer, der Techniker und der Sportler. Abstand halten zu Teamkollegen, bedeute auch Einzel- statt Doppelzimmer. Vielleicht auch mehr Einsamkeit als Miteinander.

Die Umstellungen seien für das Team aber nicht ganz so groß, betont Horchler. „Denn wir leben im Winter eigentlich immer so, wie jetzt in Corona-Zeiten. Wir benutzen Desinfektionsmittel, gehen dann nicht mehr ins Kino, in Restaurants oder Bars, weil wir uns in dieser Zeit keinen Menschenmassen hingeben wollen, damit wir nicht krank werden.“ Sie vermutet, dass die Pandemie die Sportler vermutlich am meisten durch die Bürokratie behindere, vor allem beim Reisen, Papiere ausfüllen, testen vorher, testen nachher. Horchler glaubt auch, nicht alle Profis würden sich darüber freuen, dass sie weiterhin ihren Sport ausüben dürfen. Die Angst der Sportler werde nicht thematisiert.

„Niemand weiß bisher genau, wie die Nachwirkungen der Krankheit verlaufen. Organe von Hochleistungssportlern arbeiten intensiver als die eines Nichtsportlers und wenn das Herz oder die Lunge einmal angegriffen sind, weiß niemand, ob man wieder Leistungssport treiben kann.“

Ihr Ziel für diese Saison lautet: „Noch Wettkämpfe laufen.“ Sie fügt aber noch ein weiteres hinzu: „Und wieder bei der WM dabei sein.“ Sie weiß, dass dieses Vorhaben vermessen klingt, aber Horchler weiß auch, sie braucht dieses hohe Ziel – genau jetzt.

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