Der Hessische Schützenverband ein Jahr nach dem Umbruch

Hessens Schützen läuft nicht nur sportlich die Zeit davon - die Präsidentin zieht Bilanz

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Zu Besuch im Bezirk Waldecker Land: Zum 100-jährigen Jubiläum des SV Arolsen überrichte Tanja Frank die Ehrenscheibe des Hessischen Schützenverbandes  an den Vorsitzenden Wolfgang Fromm. (Foto: ah)

Das erste Jahr ihrer „Regentschaft“ ist vorüber: Tanja Frank hat es vor allem für intensive Gespräche genutzt. Das zweite Jahr ist bei Hessens Schützen geprägt von der Corona-Krise.

Anfang April 2019, beim hessischen Schützentag in Willingen, wurde Tanja Frank  zur neuen Präsidentin des Hessischen Schützenverbandes gewählt. Die Vereine an der Basis verbanden viel Hoffnung mit der Wahl der ersten Frau an die HSV-Spitze, denn diese hat unter anderem mehr Miteinander angekündigt.

Was hat sich getan in den ersten knapp 400 Tagen nach dem Umbruch? Und was kann die Nordhessin aus Baunatal im zweiten Amtsjahr bewirken, das von der Corona-Pandemie geprägt ist? Tanja Frank spricht im Interview über ihre Kontaktfreudigkeit zu den Vereinen und über zukünftige Meilensteine wie den ins Stocken geratenen Umbau des Landesleistungszentrums.

Keine Königs- sondern eine Präsidenten-Kette: Tanja Frank, s eit rund einem Jahr an der Spitze des Hessischen Schützenverbandes. Foto: Vöckel/Archiv

Ein Jahr ist seit Ihrem Amtsantritt vergangen. Mit welchen Worten würden Sie es beschreiben?

Sehr interessant. Es hat Spaß gemacht. Ich habe ein tolles Team, dessen Zusammenarbeit prima funktioniert, auch wenn nicht alle Diskussionen einstimmig verlaufen. Ich habe es nicht bereut, diesen Schritt gegangen zu sein.

Was haben Sie bisher schon erreicht?

Wir haben das erste Jahr genutzt, um uns vieles anzuschauen, wir haben überall mit vielen Menschen gesprochen, waren in vielen Sitzungen, haben viele Kontakte geknüpft, unter anderem zum Hessischen Ministerium des Inneren und für Sport, zum Landessportbund Hessen sowie zum Deutschen Schützenbund. Wir haben also „nur“ Bestandsaufnahme gemacht. Konkreter wäre es erst in diesem Jahr geworden. Aber dieses Jahr, diese Zeit fehlt uns jetzt, nachdem am 13. März alles herunter gefahren werden musste wegen der Corona-Krise.

Aber auch Bestandsaufnahme ist nicht unwichtig, zumal Sie angekündigt hatten, oft und offen auf die Vereine zuzugehen. Und das Kennenlernen ging teilweise recht weit, wie man hört. Bei vielen Veranstaltungen ist es oft nicht bei einem kurzen Grußwort geblieben.

Wir haben es uns als Präsidium auf die Fahne geschrieben, viel Kontakt zu halten zu den Vereinen und möglichst viele kennenzulernen. Aber es waren viele dann doch überrascht, dass wir auch zu Festen und Bezirkstagungen erschienen sind. Manchmal haben wir auch das Wohnmobil in der Nähe geparkt und sind über Nacht geblieben. Als dann gefragt wurde, wann wir los müssen, haben wir nur gesagt: „Wir haben das Hotel dabei, wir wollen noch ein paar Gläschen mittrinken und ein bisschen tanzen.

Wie geht die Basis mit der neuen HSV-Spitze um, die zugänglicher und kontaktfreudiger ist als die vorige?

Man ruft mich gerne an, man schreibt mir auch gerne, so ist mein Eindruck. Ich habe das Gefühl, dass die Hemmschwelle weg ist – wobei ich nicht beurteilen kann, wie groß sie vorher war. Aber man ruft mich auch bei Kleinigkeiten an und fragt nach meiner Meinung. Ich habe viele tolle Leute kennengelernt, viele gute Ideen. Das meiste ist handelbar. Es ist ein ganz gutes Miteinander.

Offenbar zahlt sich Ihre direkte, offene Art schon aus. Oder ist Ihnen, zum Beispiel von altgedienten Funktionären, übel nachgetragen worden, dass Sie im Vorfeld des Landesschützentages 2019 alle Bezirks-Schützenmeister angerufen haben, obwohl Ihnen untersagt worden war, sich schon vor der Delegiertentagung vorzustellen?

Vielleicht gab es den einen oder anderen, dem das nicht gefallen hat. Da muss jeder selbst mit klar kommen. Ich beschäftige mich nicht mit dem, was vor meiner Zeit im Präsidium los war. Von denen, die ich angerufen haben, hatte ich nur positive Rückmeldung bekommen. Bis heute, so scheint es mir, freuen sich die Ansprechpartner in den Bezirken, dass ich Kontakt halte.

Landesleistungszentrum: Umbau auf Eis gelegt

Es ist das sportlich wichtigste Projekt und eine der ersten großen Investitionen in Ihrer Ära: die Modernisierung des Schießstands im Landesleistungszentrum. Rund 450 000 Euro soll der Umbau kosten, bei dem in der großen Schießhalle in Schwanheim die Stände in elektronische Schießanlagen umgebaut werden sollen. Beim Landesschützentag 2019 wurden die Pläne des HSV aber jäh gestoppt – zu einer Abstimmung zur Satzungsänderung, die zur Mitfinanzierung eine Umlage der Vereine vorsah, war es nicht gekommen. Wie sehr ist die Umsetzung des Umbaus damit ins Stocken geraten? 

Nach unserer Wahl habe ich mich sofort in die Spur gesetzt, habe mich beim hessischen Innen- und Sportministerium vorgestellt und um Unterstützung gebeten. Dort haben unsere Pläne überzeugt, die zuständigen Herren haben Förderungen in Aussicht gestellt. Gleiches gilt für die Stadt Frankfurt. Das alles wollten wir auf dem Hessischen Schützentag vorstellen. Aber das ist jetzt alles auf Eis gelegt. Und wir wissen nicht, ob und wann wir diesen Delegiertentag nachholen können. Im schlimmsten Fall wird er 2021 im April stattfinden. Das heißt: Wir verlören bei dieser Aktion ein ganzes Jahr. 

Reichlich Schnüre sind noch gespannt im Landesleistungszentrum der Schützen in Frankfurt. Ein Teil der Anlagen soll auf elektronische Erfassung umgerüstet werden.

Braucht denn Hessen überhaupt diesen Schießstandumbau? 

Man hört solche Einwände immer wieder bei den Vereinen. Sie sagen: Wir nutzen das gar nicht, wir haben selbst gute Anlagen; wir haben andere Probleme, zum Beispiel bei der Nachwuchsgewinnung und der Besetzung von Ämtern. Diese Menschen denken eher an die eigenen Belange. Das finde ich auch nicht schlimm. Nur: Wenn wir kein angemessenes Leistungszentrum haben, dann brauchen wir auch keine Wettkämpfe ausrichten. 

Andererseits stießen die Pläne aber auch auf Verständnis, nachdem wir mehr Details vorgestellt und aufgezeigt haben, was so alles noch dran hängt. Zum Beispiel bessere Voraussetzungen für die Sportler zu schaffen, die auf der nächsten Meisterschaftsebene auf elektronischen Anlagen schießen oder aber auch den Trend nicht zu verpassen, dass in Zukunft viele Wettkämpfe auf Zehntelwertung ausgeschrieben werden. Als Landesleistungszentrum für Luftgewehr/Luftpistole ist dieser Umbau längst überfällig.

Die Corona-Krise und ihre Auswirkungen auf die Schützen

Den Schützen in Hessen ergeht es in diesen Zeiten der Corona-Pandemie nicht anders als anderen Vereinen. Der Betrieb ruht, beliebte Feste müssen abgesagt werden, an Wettkämpfe ist vorerst nicht zu denken. „Diese Krise trifft uns zu einer Zeit, in der wir einiges Neues hätten umsetzen können“, bedauert Tanja Frank. 

Und die Präsidentin des HSV ergänzt: „Es tut mir in der Seele weh, dass wir unseren Schießsport so auf Null herunterfahren mussten“, sagt Frank, die noch selbst aktiv schießt und beim Sommerbiathlon mitmacht. Sie betont aber auch: Alleingänge machen überhaupt keinen Sinn. „Eigeninitiative ist sicher gut gemeint, aber das hilft uns nicht weiter.“

So schrieb es die HSV-Präsidentin auch vor wenigen Tagen in einem Brief an die Vereine, der auch in den Onlinemedien des Verbandes abgedruckt ist. „Wir sind nicht berechtigt dazu, das wieder freizugeben“, so Frank weiter. „Klar ist es denkbar, dass wir zum Schießbetrieb zurückkehren. Bei zehn Schießständen sind Abstandsregeln sicher einzuhalten. Aber wir dürfen es nicht.“ 

Einer der letzten sportlichen Einsätze Tanja Franks: die Siegerehrung bei der hessischen Hallenmeisterschaften der Bogenschützen. Weitere Meisterschaften werden in diesem Jahr wohl keine mehr stattfinden. (Foto: pr)

Wie es weitergehen könnte – dazu hat der Deutsche Schützenbund (DSB) Schutz- und Hygieneregeln entwickelt. Wann es weitergeht, entscheidet die Politik. Die an diesem Mittwoch bekannt gegebenen Entscheidungen von Bundes- und Landesregierung haben die Hoffnungen der Schützen nur teilweise erfüllt. Denn: Alles, was drin stattfindet, ist weiterhin nicht erlaubt. 

Bei der Rückkehr zum Schießbetrieb werde sich Hessen an den Vorgaben des DSB orientierten, versichert Frank. Sie hofft, dass mit dem Beginn der Saison der Luftgewehr-Rundenwettkämpfe Ende September zur Normalität zurückgekehrt werden könne. Die Aufstiegskämpfe werden je nach Lage möglicherweise dann kurz vor Rundenbeginn angesetzt. 

Dagegen wird in Sachen Meisterschaften wohl nichts gehen – die Hessischen wie auch die Deutschen finden in diesem Jahr nicht stattfinden. „Dafür gibt es auch keinen Plan B“, sagt Tanja Frank. Franks Hoffnung ruht darauf, dass der Verzicht, den die Menschen ob der Pandemie üben müssen, etwas Positives mit sich bringt. „Vielleicht kommt das Thema Vereinsleben wieder mehr zur Geltung, weil man merkt, dass soziale Kontakte, sprich regelmäßige Treffen, doch gebraucht werden. Vielleicht hilft uns das, neue Mitglieder zu gewinnen." (schä)

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