Ein Talent und seine neue „Familie“

Boxen: Abbas Mohammadi schafft bei Inter Korbach den Neustart

Ghulam Abbas Mohammadi schlägt im Training mit Hammer auf Traktorreifen ein.
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Ein Hammer-Typ: Ghulam Abbas Mohammadi beim Training des FC Inter in der Fitness-Vital-Farm. Seit 2015 ist der afghanische Flüchtling in Korbach zu Hause.

Ghulam Abbas Mohammadi verließ im Jahr 2015 seine alte Heimat Afghanistan. Seine neue Heimat ist Korbach. Sein Sport ist das Boxen.

Korbach – Ghulam Abbas Mohammadi trommelt seine Fäuste in blitzartigem Tempo auf den Sandsack. Endlose Sekunden lang. „Hey, hey, mach doch mal etwas ruhiger zwischendurch“, ruft Ghulam Suleimanzadah dazwischen. „Das ist eine Übung zum Runterkommen“, erklärt der Boxtrainer des FC Inter Korbach seinem Schützling. Und den Umstehenden erklärt er: „Der Junge will immer alles geben. weil er die Sache gut machen will.“

„Der Junge“ ist einer der talentierten Boxer im Inter-Stall – und einer, der mit seiner Persönlichkeit für das steht, was die Arbeit des Korbacher Vereins vor allem auszeichnet: gelungene und gelebte Integration. Dazu gehören freilich immer zwei Seiten Menschen: Die einen müssen sich integrieren wollen und die anderen müssen sich des Neulings annehmen. Beides funktioniert bestens, was Ghulam Abbas Mohammadi betrifft. Und dass er „nebenbei“ auch noch Erfolge im Sport verzeichnet, macht beide Seiten noch zufriedener.

2015 kehrte Mohammadi seiner Heimat Afghanistan den Rücken. Dort war Kampfsport bereits sein großes Hobby, als Kickboxer – die Sportart ist weit verbreitet in Afghanistan – bestritt er mehr als 50 Kämpfe und war auch international durchaus erfolgreich. Auch auf neuem Terrain wollte Mohammadi auf sein Hobby nicht verzichten; im hiesigen Flüchtlings-Camp hörte er sich bald nach Möglichkeiten in der Umgebung um – und landete beinahe zwangsläufig beim FC Inter Korbach. „Es ist eine zentrale Aufgabe für uns, dass wir uns um diese Zielgruppe kümmern“, sagt Lothar Junker, der für Training und Organisation beim FC Inter zuständig ist.

Schreiber: Kampfsport bietet gute Chancen zur Integration

Er zeigt sich dankbar dafür, in Peter Schreiber einen Förderer zu haben, der die Inter-Boxer schon 2015 zum einem der Stützpunktvereine für das Programm „Integration durch Sport“ der Sportjugend Hessen machte. „Kampfsport hat die Möglichkeit, sehr individuell auf jemanden einzugehen. Es war mit die erste Sportart, die auf die Flüchtlinge zugeht“, sagt Schreiber, der selbst gern beim Boxtraining ein wenig mitmacht. Für die Migranten sei zum Beispiel Boxtraining eine gute Gelegenheit, um „sich auszupoweren und mal für ein, zwei Stunden Alltag und Vergangenheit zu vergessen“.

Und Ghulam Abbas Mohammadi hat das Angebot des FC Inter dankend angenommen. Und ist zu einer Art Musterschüler geworden. Als fairen Sportsmann und vorbildlichen Mitbürger loben ihn Junker, Schreiber und auch sein Trainer Ghulam Suleimanzadah „Selten habe ich einen Sportler gesehen, das sich auch mal zurücknehmen kann, beim Sparring etwa, damit auch der Trainingspartner etwas davon hat“, so Schreiber. Kein Wunder, dass seine Mentoren sich den ehemaligen Kickboxer in Zukunft auch als Boxtrainer vorstellen können.

Boxtalent Ghulam Abbas Mohammadi (von links) und seine Förderer: Lothar Junker vom FC Inter Korbach, Trainer Ghulam Suleimanzadah und Peter Schreiber von der Sportjugend Hessen.

„Es geht weniger um Religion oder Nationalität oder darum, wie stark du boxt. Wir sagen gerade unseren neuen Mitgliedern: Zeig’ erstmal, dass du ein guter Mensch bist“, erklärt Suleimanzadah die Philosophie der integrativen Arbeit des Vereins – schließlich haben gut 80 Prozent seiner Mitglieder einen Migrations-Hintergrund.

Mohammadi hat das verinnerlicht. „Der Sport hat mir sehr geholfen, hier Fuß zu fassen. In Korbach habe ich neue Freundschaften geknüpft“, berichtet der 24-Jährige. Die Kampfsportler seien für ihn wie eine kleine Familie, erklärt er in ordentlichem Deutsch, während sein Trainer stellenweise übersetzt in Dari-Persisch, eine der beiden Amtssprachen in Afghanistan.

Pläne: Boxkämpfe und Kinder

Man versteht sich – Suleimanzadah, seit über 30 Jahren in Deutschland, hat ebenfalls afghanische Wurzeln. Beide wünschen sich wie auch die Sportkameraden vom FC Inter Korbach, dass bald wieder Normalität einkehrt und Boxen nicht nur aus Training mit Hygienekonzept besteht.

Auch dank seiner „kleinen Familie“ findet sich Abbas Mohammadi nach sechs Jahren in Korbach gut zurecht, hat sich etwas aufgebaut, auch durch den Ehrgeiz und den respektvollen Umgang, was ihn auch im Sport auszeichnet. Der 24-Jährige lebt in der eigenen Wohnung, verdient sein eigenes Geld, denn er hat bei der Firma Kraft in Rhena im Heizungs- und Sanitär-Handwerk einen Arbeitsplatz gefunden.

Darauf aufbauend will Mohammadi auch sportlich am Ball bleiben – nicht einfach in einer so langen Zeit der Pandemie. „Ghulam hatte gerade einen Lauf, schade, dass das Wettkampfgeschehen durch Corona weggebrochen ist“, sagt Lothar Junker über den (Halb-)Mittelgewichtler, dem er bescheinigt, bereits mehrere sehr gute Kämpfe gezeigt zu haben – beispielsweise bei der Hesenmeisterschaft 2017 gegen Artur Mamberger, der damals deutscher Jugendmeister und später Bundesligaboxer war. Er habe sein boxerisches Können definitiv bewiesen, urteilt Trainer Suleimanzadah über den „schnellen, eleganten, technisch sehr sauberen“ Boxer.

Und wo sieht sich Abbas Mohammadi in fünf Jahren? „Ich will ein guter Boxer werden, in Korbach bleiben und ein schönes Leben haben“, sagt er. Auf eigenen Füßen weiter gut stehen eben. Heiraten wäre auch schön, ergänzt er. Und Kinder? „Vielleicht auch, ja.“ (schä)

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