Zuschauer beim Boxen in der „Vitalfarm“ nicht zugelassen

Profi Mario Jassmann kehrt in den Ring zurück

Mario Jassmann (links) im Ring beim Kampf gegen Ericles Torres Marin.
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Mehr als ein Jahr her: Mario Jassmann (links) weicht im Kampf um den Interkontinentaltitel der linken Geraden von Ericles Torres Marin aus.

Mario Jassmann wird an diesem Samstag 33 Jahre alt. Der Geburtstag wird keiner wie andere. Jassmann feiert nicht, er boxt. Der Kampf, der erste nach mehr als einem Jahr der Zwangspause, ist sein größtes Geschenk.

Korbach - „Und ein K.o.-Sieg wäre die Torte!“, sagt der Berufsboxer aus Korbach. Der lockere Spruch passt nur bedingt zu Jassmanns wahrer Gemütsverfassung. Schon der Rahmen für seinen Auftritt am Samstag ist für einen wie ihn, der die Nähe zum Publikum sucht und braucht, ein Schlag. Der 21. Profi-Kampf des Mittelgewichtlers – sein Gegner ist der Bosnier Aleksandar Kuvac – findet unter Coronaregeln ohne Zuschauer in der „Fitness Vitalfarm“ am Südring statt. Das Fitnessstudio dient der Boxabteilung des TSV Korbach als Domizil und verfügt über einen genügend großen Raum mit Platz für einen abgenommenen Ring und was ein Boxevent sonst noch so braucht.

Vom „Geisterboxen in der Vitalfarm“ spricht Enrico Schütze, Jassmanns Promoter, leicht ironisch eine Schlagzeile anbietend. Aber es stimmt ja. In anderen Zeiten wäre Jassmann unter den sieben Paarungen, die Schütze zusammenstellen will, Hauptdarsteller eines Unterhaltungsprogramms mit Ringsport. Jetzt zählt nur eins: der Kampf an und für sich.

„Es ist ist schade, dass das alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet“, sagt Jassmann. Doch er sagt auch: „Ich bin so froh, wenn ich wieder kämpfen kann.“ Man kann das verstehen. Seit er sich am 9. November 2019 in Meineringhausen gegen den Kubaner Ericles Torres Marin den Titel als Interkontinental-Meister nach Version der World Boxing-Federation (WBF) holte, ist er ohne Wettkampf. Drei Anläufe zu kämpfen hatte er seither schon unternommen, zuverlässig bremste ihn die Pandemie aus. „Das war eine Katastrophe“, sagt Jassmann.

Herausforderer-Status nicht gefährden

Er trainierte regelmäßig, empfand die Monate der vergeblichen Vorbereitung auf das nächste Duell aber mehr und mehr als zermürbend. „Du kannst nicht immer das Gewicht bringen und die ganze Zeit Diät halten.“ Dazu die Unsicherheit. In den Wochen vor einem Kampf stehen normalerweise weder Kraft noch Ausdauer auf dem Trainingsplan. Trotzdem einbauen? „Du weißt es halt nicht, du weißt nicht, was kommt.“

Die sich verschlechternde Motivationslage war das eine. Vor allem hat Jassmanns Wunsch, wieder im Ring zu stehen, eine sportlich-praktische Seite. Er drohte seinen Status als Pflichtherausforderer im Ranking der European Boxing Union (EBU) für einen möglicherweise lukrativen Titelkampf um die EU-Meisterschaft zu verlieren. Diese Option hat sich Jassmann in 20 gewonnenen Profikämpfen gesichert und wollte sie nicht durch erzwungene Tatenlosigkeit aufs Spiel setzen.

„Ich habe zu Enrico gesagt: Lass uns am besten morgen boxen, weil du nicht weißt, was in zwei Wochen ist“, erzählt Jassmann und bekennt: „Ich habe immer noch Angst, dass was dazwischenkommt.“ Die Terminwahl war von dieser Sorge bestimmt. Schütze und sein Boxer haben so spekuliert: Falls die Bund-Länder-Konferenz am Mittwoch noch schärfere Corona-Einschränkungen beschlossen hätte, würden sie hoffentlich nicht sofort inkraft treten.

Reichlich Kosten, aber keine Einnahmen

Denn eigentlich, sagt Enrico Schütze, habe er auf ein Boxen wie am Samstag in Korbach „keinen Bock“. Wie auch. Der Chef der Agentur PSP Boxing mit Sitz in Lüchow hat Kosten, aber keine Einnahmen, eben weil Zuschauer nicht zugelassen sind und der Nachmittag bei Sponsoren schwer zu vermarkten wäre.

Auch die übrigen Kämpfe (sie gehen alle über vier Runden) steigen vor allem deshalb, weil Jassmanns Kollegen sie ebenfalls für ihren Platz in den Ranglisten brauchen. „Du fliegst normal nach einem Jahr ohne Kampf aus dem Ranking“, sagt der Korbacher. In Coronazeiten hätten die Verbände die Frist zwar etwas verlängert, aber nicht alle Boxer hätten bisher die Möglichkeit gehabt zu kämpfen. „Alle sind sie froh, dass sie boxen dürfen“, sagt er..

Keine leichten Zeiten: Promoter Enrico Schütze

Auf die „Vitalfarm“ als Ort des Turniers kam PSP Boxing, weil in Waldeck-Frankenberg alle öffentlichen Räume wie Sport- oder Mehrzweckhallen aus Gründen des Infektionsschutzes geschlossen sind. Zuschauer bei Sportveranstaltungen hat der Landkreis bereits seit Anfang November untersagt, auch im Profibereich.

Das Hygienekonzept für das Event am Samstag habe er mit dem Gesundheitsamt besprochen, die Veranstaltung sei genehmigt, sagt Schütze. Pflicht ist etwa das Tragen einer Maske für Trainer, Kampfrichter, Ringarzt oder Sanitäter. Der Coronaschutz kostet, das vorgeschriebene Organisationspersonal auch. Es muss ebenso bezahlt werden wie der Ring und die Gastboxer. Jassmann und Kollegen klettern dagegen ohne Börse in den Ring, sie müssen sich eher noch an den Kosten beteiligen. „Es ist eine Drauflege-Veranstaltung“, sagt Jassmann.

Die Finanzen diktierten auch die Verpflichtung der Gegner aus Bosnien-Herzegowina im Paket. Jassmann hätte gern einem starken Ungarn gegenüber gestanden. Das scheiterte daran, dass PSP Boxing dem Mann und seinen Mitreisenden zusätzlich eine für Besucher aus Ungarn vorgeschriebene einwöchige Quarantäne in Korbach hätte bezahlen müssen.

Kampf für Jassmann eine „Pflichtaufgabe“

Die Bosnier sind günstiger zu haben. Sie müssten für den Grenzübertritt einen höchstens 48 Stunden alten negativen Coronatest vorlegen, sagt Schütze. Auch würden sie die 1400 Kilometer weite Tour von Sarajevo nach Korbach gemeinsam in einem Bus antreten. Die offizielle Einladung dafür musste der Bund Deutscher Berufsboxer aussprechen.

Beim Gegner durfte Jassmann also nicht wählerisch sein. Weil fast ganz Europa mittlerweile Corona-Risikogebiet ist, schied die sonst übliche Verpflichtung von Gastboxern aus unterschiedlichen Staaten aus. Es gibt sie nur im nationalen Paket, deshalb kommen am Samstag die sogenannten Aufbaugegner ausschließlich aus Bosnien-Herzegowina.

Jassmanns Kontrahent Aleksandar Kucvac kommt nicht gerade mit einem angsteinflößenden Kampfrekord (13 Siege/66 Niederlagen). Der 35-Jährige aus Derventa, bereits drei Mal in Korbach im Ring, habe aber auch schon mal überrascht und einen höher eingeschätzten Gegner k.o. geschlagen, sagt Jassmann. „Du musst halt aufpassen, aber das ist für mich eine Pflichtaufgabe.“ Ohnehin schaue er nicht nach dem Gegner. „Ich bin fit und weiß, was ich kann.“

(Vom Boxen in Korbach wird ein Video gedreht. Es soll ab Sonntag auf Mario Jassmanns Youtube-Kanal zu sehen sein. )

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