Lange Fahrten für den Vereinssport

Carla Beckmann: Studium in Wien, Tischtennis in Adorf

Carla Beckmann vom VfL Adorf mit Schläger am Tischtennistisch.
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Sie fährt meilenweit für ein Tischtennisspiel in Adorf: Carla Beckmann studiert in Wien und scheut keinen Aufwand, weiterhin für den VfL Tischtennis zu spielen.

Wien – Adorf. Kein Katzensprung. Aber probieren geht über studieren. Das sagte sich Carla Beckmann, als sie sich an einer Universität in der österreichischen Hauptstadt einschrieb und trotzdem weiter Tischtennis für ihren Heimatverein VfL Adorf spielen wollte.

Adorf - So ein Irrsinn, sagen nun die einen, Hut ab, vor so viel Vereinstreue, loben die anderen. Klar, muss die 20-Jährige den einen oder anderen Spieltag ausfallen lassen, weil die Uni vorgeht. Aber wenn es sich irgendwie machen lässt, sitzt sie im Zug nach Kassel, um dort umzusteigen oder sich abholen zu lassen.

Zehn Stunden Fahrt für ein Tischtennisspiel. Ist es das wert? Auf diese Frage kommt ein klares Ja zurück: „Es ist mir wichtig, weiterhin in Adorf Tischtennis zu spielen.“ Punkt! Tiefgründiger muss diese Entscheidung, die sie mit Beginn des Studiums Anfang des Jahres traf, auch nicht sein.

Beckmann war acht Jahre alt, als sie beim VfL mit Tischtennis begonnen hat, ihre Mutter Claudia ist nicht nur die Vereinsvorsitzende, sie spielt auch in der Mannschaft mit. Im Doppel bilden Mutter und Tochter normalerweise ein Paar, aber in Corona-Zeiten sind nur Einzel erlaubt.

Die Bezirksliga mit nur sechs Mannschaften hilft Beckmann auch, ihrem Adorfer Team die Treue zu halten. Die Saison ist überschaubar: Zwei Monate Vorrunde, sechs Wochen Pause, zwei Monate Rückrunde.

In Wien spielt sie Fußball

Allerdings trainiert sie sehr wenig mit ihren Teamkolleginnen, aber vermutlich hat sie sich in Wien einer Trainingsgruppe angeschlossen. Das sollte ja kein Problem sein, auch wenn Österreich nicht gerade als eine Tischtennisnation gilt. Doch Beckmanns Antwort verblüfft ein wenig: „Tatsächlich ist es recht schwierig, in Wien einen Verein zu finden, in dem auch jüngere Leute spielen, meistens spielen dort ältere Herren so ab 60 und älter. Ich spiele daher in Wien Fußball und halte mich so fit.“

Die 20-Jährige weist aber darauf hin, dass auch in Deutschland viele Tischtennisvereine Nachwuchsprobleme und immer weniger Jugendteams stellten. Nicht viel anders erging es Beckmann während ihres Studiums in Florida (USA), wo sie Luft- und Raumfahrttechnik studierte. Auch die Amis nehmen diesen Ballsport am Tisch nicht sonderlich ernst.

Dennoch hatte Beckmann dort ein besonders Erfolgserlebnis: „Wir haben den ersten Tischtennisverein der Universität gegründet und in Orlando bei einem Verein trainiert. Tischtennis hatte dann in kurzer Zeit eine recht große Community.“

Auch wenn die Wiener Tischtennis-Muffel sind, kommt der Schläger stets mit in die österreichische Hauptstadt, denn Beckmann weiß, dass die Form im Tischtennis auch vom Ballgefühl und dem Gefühl zum Schläger abhängt und wenn man beides länger nicht in der Hand hat, wirke sich das negativ aus.

„Es gibt in Wien Hallen, wo ich für einige Stunden eine Tischtennisplatte mieten kann.“ Dort spiele ich meist gegen meinen WG-Mitbewohner.

Vorurteile gegen Tischtennis verbreitet

Wenn Carla Beckmann in Wiener Studentenkreisen weilt und erzählt, dass sie Tischtennis spielt, erntet sie meist skeptische oder gar verächtliche Blicke. „Es ist heutzutage schon eine Sportart, bei der man komisch angeguckt wird, und jeder sagt, das kann ich auch.“

Oft müsse sie Vorurteile wie diese gerade rücken: Tischtennis ist eine Sportart für Senioren oder dabei muss man sich ja kaum bewegen. „Ich spiele Fußball, war früher Leistungsschwimmerin und Tischtennis ist nicht weniger anstrengend“, betont die Adorferin.

Hinzu kämen Vorurteile aus den männlichen Reihen. „Die sagen oft, Tischtennis kann ich auch, lass uns mal eine Runde spielen, dann zeige ich dir wie es geht.“

Beckmann liebt die Sportart mit dem kleinen weißen Zelluloidball, weil Tischtennis eine Menge Konzentration erfordere. Es sei enorm wichtig, sich nicht ablenken zu lassen und stets bei der Sache zu bleiben. „Beim Schwimmerin konnte ich bei Wettkämpfen den Kopf abschalten und einfach meine Bahnen ziehen, beim Fußball ist es ähnlich, beim Tischtennis ist es tagesformabhängig und man muss an diesem Tag konzentriert und gut drauf sein.“

Die Kunst bestehe in dem Spagat, sein eigenes Spiel durchzuziehen und sich auf das Spiel des Gegners einzustellen. „Häufig ist es beim Tischtennis auch so, dass man seine eigenen Fehler nicht so gut sieht, daher ist wichtig, einen Spielpartner zu haben. Für Beckmann fängt ein Tischtennisspiel nicht mit der ersten Angabe an. „Es beginnt schon damit, wie man dem Gegner begegnet, wie man mit ihm umgeht und wie man ihn lesen kann.“

Sie weist daraufhin, dass diese Einschätzung auch etwas mit ihrem späteren Beruf zu tun habe, denn sie studiere in Wien Psychologie und Kriminologie. Dadurch habe sie ihren Horizont auf dieses Spiel nochmal erweitert und sie beobachte ihre Gegenspielerinnen nun anders. „Wie reagieren sie auf mein Spiel“ Die Nähe zum Gegner sei ähnlich wie im Kampfsport, sodass man einiges erkennen könne. „Wie reagiert die Rivalin, wenn sie einen Punkt verliert oder gewinnt und wie sicher fühlt sie sich bei einem großen Vorsprung. „Auch bei einem 2:9-Rückstand ist beim Tischtennis noch nichts verloren, weil die mentale Stärke gerade hinten heraus sehr wichtig ist.“

Sie lerne in ihrem Studium viel über mentale Stärke und lerne, auch in stressigen Situationen ruhig zu bleiben. Ein geschultes Auge könne auch die Nervosität des Gegners leichter erkennen.

Die 20-Jährige bleibt noch ein bis zwei Jahre in Wien, dann könnte ihr beruflicher Weg wieder in die Vereinigten Staaten führen. USA - Adorf. Auch kein Katzensprung. Aber probieren geht ja über studieren...

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