Nachwuchsarbeit leidet am meisten

Corona: Hessen stuft Reiten als Individualsport ein und erlaubt Einzelunterricht

Zweit Reiterinnen 
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Zweisamkeit gegen Einsamkeit: Die neuen Corona-Regeln des Landes Hessen haben auch den Reitsport wieder erheblich eingeschränkt, aber die Pferde dürfen weiterhin auf den Sportanlagen bewegt werden.

Ist Reiten eine Individualsportart? Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, denn sie entscheidet, wie Pferde in diesem zweiten Corona-Lockdown bewegt werden dürfen.

Korbach – Die Reiterinnen und Reiter fühlten sich bei der ersten schriftlichen Fassung der Landesregierung vergessen. Da hieß es zunächst: „Freizeit- und Amateursport ist mit Ausnahme des Individualsports, der allein, zu zweit oder mit dem eigenen Hausstand betrieben wird, verboten.“

Der Pferdesportverband Hessen (HRV) wehrte sich mit einem Schreiben nach Wiesbaden gegen diese Formulierung. „Wir haben dargelegt, dass Reiten eine Individualsportart ist, die an der frischen Luft stattfindet und dass ein Abstand von zwei Pferdelängen schon aus Sicherheitsgründen eingehalten wird“, heißt es in dem Schreiben von Geschäftsführer Robert Kuypers.

Er wies darin zusätzlich darauf hin, dass Reitflächen in mehrere Teilflächen aufgeteilt werden könnten, um Schülergruppen nicht zu groß werden zu lassen und Reitunterricht in dieser Form zulässig sein sollte, wenn er von einem fachkundigen Reitlehrer geleitet werde.

Bewegen der Pferde auf Anlage erlaubt

Diese Klarstellung des Verbands schien aber zu verpuffen. Die Landesregierung ordnete zwar Reiten als Individualsportart ein, sprach aber dann ein Nutzungsverbot jeglicher Sportanlagen aus, also auch Reithallen und -plätze. Am vergangenen Donnerstag lockerte die Politik dieses Verbot wieder, nachdem Sportverbände und Landessportbund heftig protestiert hatten.

Nun gilt: Bis zum 30. November ist in Hessen Freizeit- und Amateursport auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen alleine, zu zweit oder mit den Angehörigen des eigenen Hausstandes gestattet. Damit passt sich Hessen den Regelungen der anderen Bundesländer an.

Schon beim kompletten Verbot hatte Kuypers die Vereine darauf hingewiesen, dass das Bewegen von Pferden vor dem Hintergrund des Tierwohlschutzes weiterhin auf der Sportanlage gestattet sei. Reiten sei auch in der Öffentlichkeit unter Einhaltung der sonstigen Kontaktbeschränkungen möglich.

Die Anzahl der Personen, die sich zum Bewegen, Pflegen oder Versorgen der Pferde auf einer Reitanlagen aufhalten dürften, sei nicht begrenzt, betonte der HRV, riet aber, die Zahl der Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Anwesenheitslisten müssten aber nicht geführt werden. Außerdem gebe es für die Flächen, auf denen die Pferde bewegt würden, diesmal keine Größenvorgaben.

„Mit dieser neuen Fassung der Corona-Bestimmungen sind aus unserer Sicht alle Unklarheiten für die Reitvereine vorerst beseitigt“, teilte Heidrun Weitz, die Pressesprecherin des Hessischen Reitverbands auf Anfrage mit. Niemand wisse aber, was dann nach dem 30 November auf die Reitvereine zukomme.

Verein wünscht sich unmissverständliche Vorgaben

Ist wirklich alles klar? Eher nein, meint Erik Rasner, Vorsitzender des Reitvereins St. Kilian Lelbach. Eher ja, sagt hingegen Daniel Erd vom Reitverein Bad Wildungen. Rasner vermisst klare verbandsübergeifende Aussagen zu neuen Regeln. „Je nach dem, wen man fragt, ob HRV oder Landessportbund, kann es sein, dass man unterschiedliche Antworten erhält, die Vorgaben der Landesregierung lassen teilweise auch unterschiedliche Auslegungen zu.“

„Bei uns ändert sich durch die neuen Regeln jetzt eigentlich nicht viel“, betont dagegen das Wildunger Vorstandsmitglied Erd. Das Reiten zu zweit in der Halle sei weiterhin möglich, zumal die Regel „200 Quadratmeter Fläche für ein Pferd“ diesmal nicht gelte. Das Training in der Voltigiergruppe habe der Verein seit dem ersten Lockdown nicht mehr aufgenommen, weil dabei kein Abstand gehalten werden könne, sagte Erd.

Allgemein erwecken die befragten heimischen Reitsportler beim zweiten Lockdown für ihre Sportart den Eindruck, dass sie ihn mit mehr Gelassenheit hinnehmen als im Frühjahr. Die Reaktion ist verständlich – vor einem halben Jahr standen die Vereine schließlich vor der Saison, hatten womöglich ein Turnier geplant, und diese größte Einnahmequelle des Jahres drohte auszufallen.

Der Tenor lautet nun eher: Natürlich ist es schade, dass wir dem Nachwuchs wieder so gut wie nichts anbieten dürfen. Immerhin können wir ansonsten weitgehend so weitermachen wie zuletzt auch. Der Blick der Vereine geht immer wieder in Richtung Gerechtigkeit, die man bei Corona-Regeln aber nie finden wird.

Auch der Reit- und Fahrverein Sachsenhausen habe die Nachwuchsarbeit vorerst wieder auf Eis gelegt, sagte der Vorsitzende Jörg Becker.

Einzelunterricht wieder gestattet 

Auch wenn viele Vereine Reitunterricht derzeit nicht mehr anbieten, ist er nach der jüngsten Corona-Verordnung der Landesregierung als Einzelunterricht durchaus möglich. So könne sich in einem Verein auch folgende Situation ergeben: Ein Vereinsmitglied engagiert einen Reitlehrer und der erteilt private Einzelreitstunden auf dem Vereinsgelände. Auch Terminabsprachen sind in Corona-Zeiten unter den Reitern wichtiger denn je. Wer ist wann mit wem in der Halle oder auf dem Reitplatz an der Reihe, sein Pferd zu bewegen. Diese Fragen löst bei den Sachsenhäusern eine App, die nach Angaben von Becker „sehr gut funktioniert“.

Auch die Kassenlage scheint bei den befragten Vereinen trotz des ersten Lockdowns nicht so klamm zu sein, dass eine akute Existenzbedrohung besteht.

„Finanziell könnte es zwar passieren, dass die Eltern den Beitrag für ihre Kinder nicht mehr zahlen möchten“, erklärte Bruno Reich, Vorsitzender des Reitervereins Waldeck. Aber er ist sehr zuversichtlich, dass „wir auch weiterhin alle gut zusammenhalten werden“. rsm

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