Vasbecker erfüllt sich mit dem Start  bei  der Darts-Pro-Tour einen Jugendtraum

Christian Bunse an derselben Scheibe wie Weltmeister van Gerwen

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So ist die Dartswelt in Ordnung: Christian Bunse vor dem Board mit drei Pfeilen in der Triple 20.

Vasbeck. Christian Bunse hat sich neue Hosen  bestellt. Das Paar im Schrank reicht nicht mehr, wenn er demnächst aufbricht in ein neues Leben.

Er wird die Bahn nach Berlin nehmen, in Schönefeld in ein Flugzeug nach Manchester steigen und am Morgen des 9. Februar im Robin Park Tennis Centre der englischen Stadt Wigan mit Pfeilen in der Hand vor 2,37 Meter entfernten Scheiben stehen.

Vielleicht wird er cool bleiben. Vielleicht wird er aufgeregt sein, die Hände ein wenig feucht. Es wäre nur normal. Der 9. Februar wird schließlich sein erster Arbeitstag als Halbprofi im Darts sein. Christian Bunse, 24, zu Hause in Vasbeck, gehört als einer von fünf Deutschen erstmals zu den weltweit 128 Spielern, die auf der Pro Tour der PDC, der Professionell Darts Corporation, starten – der vorläufige Höhepunkt einer frühen Karriere mit Pfeil und Dartsboard.

Die Tourcard, sie läuft über zwei Jahre, ergatterte Bunse Anfang Januar in Hildesheim. Bei der sogenannten Qualifying School (Q-School) der PDC gewann er das dritte Turnier. „So richtig glauben kann ich es wohl erst, wenn ich in Wigan stehe und Michael van Gerwen und Gary Anderson laufen vor den gleichen Boards rum“, sagt er. Die zwei Herren, das für alle Dartsfernen, sind die Weltmeister der Jahre 2014 bis 2018.

Der Kauf neuer Hosen, wie die PDC sie vorschreibt, war natürlich nicht Bunses wichtigste Entscheidung nach dem plötzlichen Durchbruch. Zuerst führte ihn sein Weg zum Arbeitgeber, Continental in Korbach. Die Pro Tour ist mit einer 40-Stunden-Woche nicht vereinbar. Bunse kann reduzieren, sein neuer Arbeitsvertrag sieht 27 Wochenstunden vor. „Dafür bin ich Conti sehr dankbar.“

Die Anfänge

Für Bunse erfüllt sich nun ein Lebenstraum. Buchstäblich. Als er mit 17 die MPS Adorf verließ, die Mittlere Reife in der Tasche, notierte er in der Abschlusszeitung unter dem Stichwort Traum: „Pro Tour spielen.“

Vater des Gedankens war damals eher der Wunsch als die Möglichkeit. Bunse spielte Fußball, von klein auf und noch als Senior bei der SG Vasbeck/Adorf im Tor. Steeldarts war für ihn ein netter Zeitvertreib für daheim. Das vor allem in Kneipen verbreitete Automatendarts findet zwar seine Sympathie, gespielt hat er es eher selten.

Die entscheidende Wende nahm das Hobby ausgerechnet in einer Zeit besonderer beruflicher Beanspruchung. Anfang 2017 begann Bunse einen Intensivkurs zum Industriemeister Metall, für den er für fünf Monate nach Hameln umzog. Hameln ist die Heimat eines der ältesten deutschen Dartsclubs (DC 79). Bunse, auf der Suche nach einem Ausgleich zum Alltag auf der Meisterschule, schloss sich dem Verein an. Nach einem Monat spielte er in der A-Mannschaft. „Ich hatte da jede Woche Training auf hohem Niveau. Das macht einen ja nicht schlechter“, erzählt er.

Den Sponsor kennengelernt

Das Hameln-Gastspiel endete mit einer besonderen Pointe. Weil der Mietvertrag für sein Zimmer über den Tag der Abschlussprüfung hinaus lief, nutzte der junge Industriemeister die Gelegenheit, Ende Mai 2017 ohne Reisestress bei einem PDC-Turnier im nur einen Katzensprung entfernten Hildesheim anzutreten. Er verdiente sein erstes Preisgeld von 50 Pfund.

Christian Bunse im Interview nach seinem Sieg bei der Q-School

Viel wichtiger: Er fiel Ioannis Selachoglou von der Berliner Firma Dartspool auf, die auch Sportmanagement betreibt. Selachoglou bot ihm einen Vertrag an, der etwa die Übernahme aller Reisekosten und Startgelder umfasst. „Ein unfassbares Glück“, sagt Bunse: „Bei meiner PDC-Karriere waren meine Kosten vom ersten Moment an gedeckt.“ Umgekehrt erhält der Sponsor die Hälfte aller Preisgelder, die Bunse einspielt.

Dartspool betreut auch die aktuelle deutsche Nummer zwei der PDC-Rangliste, Martin Schindler. Meist reisen Sponsor und Spieler gemeinsam zu den Turnieren, häufigste Adresse: England, Mutterland des Darts. Es ist ein freundschaftliches Miteinander; Konkurrenten sind Bunse und Schindler nur vor dem Board. Der Vasbecker braucht dieses gute Verhältnis. „Sonst hält man den Touralltag nicht aus.“

Das Talent

Bunse brachte seinerzeit bereits eine Menge Talent mit nach Hameln. „Mir wird nachgesagt, dass ich schon immer eine gute Grundtechnik hatte.“ Unbewusst hielt er zum Beispiel den Wurfarm gerade. Diese Haltung gewinnt zusätzliche Relevanz, wenn der Darter den Pfeil einen Sekundenbruchteil zu spät oder zu früh loslässt. Dann landet der Stahl statt in der Triple 20, dem punkteträchtigsten und am häufigsten anvisierten Rechteck auf dem Board, vielleicht in der einfachen 20, jedenfalls nicht gleich in der direkten Nachbarschaft von 5 oder 1.

Bunse selbst scheint von seiner Begabung gar nicht so sehr überzeugt zu sein. Diese selbstkritische Einschätzung wirkt positiv – auf Ehrgeiz und Trainingseifer. Er sagt: „Wenn man nicht unbedingt glaubt, dass man Talent hat, arbeitet man umso mehr. Ich denke, das war mein größtes Plus in den letzten Jahren.“ 

Trainingspensum wächst

Christian Bunse trainiert bisher täglich zwei Stunden. Der Umfang wird wachsen. Darts ist jetzt sein Zweitjob, mit dem er Geld verdienen will. Er trainiert weiter zu Hause. Ein Board hängt im Wohnzimmer, ein zweites in der Werkstatt des Elternhauses. 

Christian, der Profi, wurde zwischen Werkbank und Kompressor gemacht. Er versucht, nichts dem Zufall zu überlassen. Im Boden ist ein kleines Blech fixiert, 2,37 Meter von der Scheibe entfernt. 

Bunse nimmt beim Wurf Fußkontakt auf – genau wie bei jeder Aufnahme (drei Pfeile) im Wettkampf mit der „Oche“ genannten Dartsmatte. Müsste er immer erst schauen, wo er hintritt, er geriete aus dem Rhythmus. Sinn und Ziel des Übens ist ein perfekt automatisierter Bewegungsablauf. 

„Je mehr man den Kopf ausgeschaltet hat, umso besser. Aber man kann ihn nicht immer abschalten, grade wenn einen etwas beeindruckt oder man erstmals vor Zuschauern spielt.“ 

"Mentaltraining ist, wenn man Spiele gewinnt"

Es braucht folglich mentale Strategien, um sich aus einer Drucksituation zu befreien. Im Halbfinale der Q-School erlebte Bunse einen solchen Moment. Er lag mit 0:3 Legs zurück, das Aus drohte. „Ich habe mir gesagt, du machst das jeden Tag, jetzt wirf die Pfeile einfach ein paarmal weg und guck, was dabei rumkommt.“ Er gewann. 

An ein extra Mentaltraining hat Bunse, wie er sagt, noch keinen Gedanken verschwendet. In der Branche ist es ein Thema, er findet: „Das beste Mentaltraining ist, wenn man Spiele gewinnt. Und Spiele gewinnt man, wenn man vorher viel trainiert.“ 

Unbedingt dazu gehörten aber der Glaube an die eigene Stärke und eine positive Grundeinstellung. Christian Bunse macht den Eindruck, als habe er viel davon.

30 Turniere auf der Profi-Tour

Zur Q-School, bei der sich Bunse für die Pro Tour der PDC qualifizierte, war der Vasbecker vor allem aus einem Grund gefahren: Wer teilnimmt, bekommt die Eintrittskarte für alle Qualifikationsturniere, bei denen Plätze für die Events der European Tour ausgespielt werden.

 Ohne Q-School erlaubt die PDC nur zwei Starts. Bunse wird die „Qualifier“ zusätzlich zur Pro Tour spielen, auch die Super League Germany steht im Terminkalender. Seinen Wettkampf-Rhythmus bestimmt aber die Profi-Tour. Sie ist mit 30 Turnieren (Players Championships) der Maschinenraum eines sich stark professionalisierenden Präzisionssports, der unter dem geschickten Marketing der PDC in Deutschland und anderswo boomt. 

Auf der Pro Tour stehen Millionäre neben gestandenen Berufsspielern und Teilzeitprofis. „Das ist das täglich Brot der Dartsprofis. Über diese Turniere qualifiziert man sich für die TV-Turniere“, sagt Bunse. 

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Zu diesen TV- oder auch Major-Turnieren zählt als populärstes Ereignis die WM in London. Die Atmosphäre vor laufenden Kameras und feierwütigen Zuschauern kennt Bunse. Viermal stand er bereits auf einer Darts-Bühne, das erste Mal im Juli 2017 bei den European Darts Open in Leverkusen, zuletzt bei der European Darts Trophy in Göttingen. Anders als Dragutin Horvat aus Kassel, bisher Nordhessens bekanntester Darter, schaffte er die Qualifikation. 

Bei der Pro Tour findet das dumpfe Ploppen von Spitzen aus Stahl, die in Sisalfasern stechen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Keine Fernsehkameras, keine Bühne, nur Board an Board. Das reine Darts. Und bei nur einer Niederlage ist man raus. Der Stress ist groß.

„Es gibt Spiele, bei denen man einfach durchgeht, doch das werden für mich auf der Tour die wenigsten sein. In jedem Leg fängt das Herz neu an, schnell zu klopfen. Wenn man das drei Tage hintereinander hat: das schlaucht richtig“, sagt Bunse. 

Für den Erfolg gibt es Geld, gutes Geld. Der Sprung in die zweite Runde bringt 500 Pfund, das Halbfinale 3000 Pfund, der Sieg 10 000. Daran denkt Bunse (noch) nicht. 

Sein Debüt gibt er mit gedämpften Erwartungen. „Auf diesem Niveau werden keine Fehler verziehen“, weiß er. „Ich erwarte, dass ich durch die vermutlich vielen Niederlagen viel lerne.“

 

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