Lust und Leiden auf der Pro Tour Darts

Vasbecker Christian Bunse auf Tuchfühlung mit den Weltbesten an der Dartscheibe

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Unter den Augen der Öffentlichkeit: Christian Bunse auf der Bühne des German Darts Masters in Köln.

Christian Bunse aus Vasbeck spielt seit Anfang Februar auf der Pro Tour der Professional Dart Player Association professionell Darts. Er ist einer von fünf Deutschen, die überhaupt eine Tourcard besitzen. 

Nach einem halben Jahr und mehr als 40 Turnieren, davon die meisten auf der Tour in England, zieht er zufrieden Bilanz.

Christian Bunse gehört aktuell zu den acht besten deutschen Steeldartern. Zwar bezahlt der 24-Jährige auf seiner ersten Pro Tour mit den 128 weltbesten Spielern immer wieder Lehrgeld, weist aber auch erste Erfolge vor. 

Der August ist für ihn ein wichtiger Monat: In Hildesheim spielt er die Qualifikation für die Jugend-WM, in Darmstadt die German Super League und dann bei der European Tour in Wien, wo er auf die zweite Runde hofft. 

Neben der Pro Tour spielt Bunse eine weitere Serie: die German Super League Darts (GSLD), in der bis auf Max Hopp so ziemlich die 16 besten deutschen Dartspieler mitmischen. Sie geht über fünf Turniere, die besten acht erreichen das Finale. „In der ersten Saison ist es super, wenn man die Klasse überhaupt hält“, sagt der Vasbecker. 

Er hat nach drei Turnieren als Gesamtvierter alle Chancen aufs Finale; beim Einstand gewann er elf von 15 Partien. Zudem erfüllte er sich bei der GSLD einen Wunsch und holte sich einen von sechs Startplätzen für die German Masters im Juli in Köln. Super League, sagt er, sei bisher ein sehr positives Ding.

Auf dem Blauen Sofa der WLZ: Christian Bunse. 

Bunse ist ledig, er arbeitet als Industriemeister bei der Conti in Korbach. Im WLZ-Interview erzählt er von frustrierenden Erlebnissen und einem Respekt einflößenden Weltmeister ebenso wie von Siegen und Fortschritten.

Herr Bunse, Sie haben vor Ihrem ersten Auftritt auf der Pro Tour gesagt, dass Sie wahrscheinlich Lehrgeld bezahlen würden. Zahlen Sie?

Auf jeden Fall. Ich habe am ersten Wochenende einen gesetzten Spieler geschlagen, James Wilson, und bin in die zweite Runde eingezogen. Danach war zwar Endstation, aber das war schon mal was. Gemerkt habe ich das bei den folgenden Turnieren, da bin ich jeweils Samstag, Sonntag raus in Runde eins. Also drei Tage unterwegs, Flug von Berlin nach England, wo ja fast alle Pro Tour-Turniere stattfinden, zwei Spiele machen und dann zurück nach Hause – das ist schon ordentlich Lehrgeld zahlen.

Wie erklären Sie sich das?

Die Leistungsdichte ist unglaublich hoch. Außerdem kann man das Pech haben, gleich auf einen der 16 gesetzten Spieler zu treffen. Dann hat man es mit absoluter Weltklasse zu tun. Manchmal spielen sie so gut, dass man als Gegner quasi den besten Zuschauerplatz hat.

Sie standen gleich bei Ihrem zweiten Turnier am Board mit Weltmeister Michael van Gerwen und haben 2:6 verloren. Kann man was lernen in so einem Spiel?

Ja. In einem Leg gegen ihn, in dem er Anwurf hatte, habe ich mit 180 und 177 Punkten angefangen, also quasi sechs perfekte Darts, danach aber keinen Dart aufs Doppel bekommen. Er hat sich dagegen direkt mit zwölf Darts aus dem Leg verabschiedet – und lässt es mit seiner Körpersprache noch so aussehen, als wäre er unzufrieden. Das beeindruckt zusätzlich.

Als Neuling, oder geht es auch erfahreneren Dartern so?

Ich habe den Eindruck, dass wirklich jeder sehr viel Respekt vor seinem Spiel hat. Er gibt dir das Gefühl, dass er der Beste ist, dass er dich gleich vernichten möchte (lacht). Das macht er dann halt auch in aller Regel.

Sie haben nun auch Erfolge vorzuweisen: Mitte April in Barnsley standen Sie zweimal hintereinander in der dritten Runde.

Bis dahin hatte ich gedacht, die zweite Runde wäre das Maximum für mich. Dann habe ich gegen Adrian Lewis, zweimal schon Weltmeister, mit 6:1 gewonnen. Und am nächsten Tag Dave Chisnall geschlagen, ebenfalls ein gesetzter Spieler. Positive Erlebnisse. Gegen Chisnall habe ich gelernt, dass sich Dranbleiben lohnt. Er hatte losgelegt wie die Feuerwehr, und trotzdem habe ich mit 6:5 gewonnen.

Sie spielen jetzt ein halbes Jahr auf der Pro Tour: Haben Sie sich in dieser Zeit weiterentwickelt?

Ja. Beim Spiel kann man das an meinen Punktedurchschnitten sehen. Ich spiele nicht grundsätzlich zehn Punkte besser, aber ich spiele öfter zehn Punkte besser. Es gibt nach wie vor schlechte Spiele, deswegen gehe ich noch arbeiten (lacht), aber man wächst an der Herausforderung. Ich kann sagen: Mit dem Verlauf der Pro Tour bin ich im allgemeinen zufrieden.

Sie betreiben einen sehr großen Aufwand für Ihren Sport, Sie fliegen oft allein dreimal im Monat nach England, um dann trotzdem mitunter früh auszuscheiden. Wie gehen Sie damit um?

Viel Kontakt mit Freunden haben und nicht über Darts reden, ist ein gutes Mittel. Sich abzulenken, ist wichtig. Wenn ich zum Beispiel samstags sofort rausfliege und ins Hotel zurückkomme, hänge ich nicht rum. Ich versuche einen Video-Call nach Hause oder spiele Handyspiele, was ich vorher gar nicht mochte. 

Nicht lange über Niederlagen nachdenken ist wichtig, Abstand gewinnen – oft trainiere ich montags, wenn ich wieder zu Hause bin, deshalb gar nicht. Auch immer gut ist Zuspruch von meinem Sponsor, mit dem ich mittlerweile gut befreundet bin.

Der Deal besagt, dass Sie sich das Preisgeld mit Ihrem Sponsor teilen. Welche Rolle spielt das für Sie?

Keine. Ich bin ja nicht auf einen Verdienst durch Dart angewiesen. Wenn ich Spiele verliere, bin ich nicht sauer, weil mir Preisgeld entgeht, sondern aus sportlichen Gründen – wenn überhaupt, denn manchmal muss man anerkennen, dass der Gegner nicht schlagbar war.

Sie hatten sich für das German Masters im Juli in Köln qualifiziert, das im Gegensatz zu den Floorturnieren der Tour vor Publikum und TV-Kameras gespielt wird. Das Aus kam mit 2:6 gegen Daryl Guerney in Runde eins mit einem Durchschnitt von 92,82 Punkten für drei Darts. War das okay?

Ja. Ich habe zwar auf der European Tour schon vor laufenden Kameras gespielt, aber trotzdem war ich in Köln sehr nervös. Allein zu wissen, jetzt spiele ich im deutschen Free-TV, das ganze Drumherum und die extra angereisten Darts-Kumpel aus Wirmighausen, erzeugten eine besondere Gefühlslage. Dann über 90 Punkte zu spielen, damit war ich sehr zufrieden.

Mit Bühnenturnieren umzugehen, lernen Sie noch?

Ja, deshalb freue ich mich auf Wien, ein Turnier der European Tour, auf großer Bühne. Dass ich die Quali geschafft habe, ist für mich ein guter Erfolg, weil bei den Qualifiern nur sechs Startplätze an die europäischen Tour-Card-Inhaber vergeben werden.

Was entscheidet ein Darts-Spiel - mehr 180er oder die bessere Doppelquote?

Kann man pauschal nicht sagen. Es sind nur Statistiken, sie sagen am Ende nicht viel über ein Spiel aus. Ich würde pauschal sagen: Es entscheidet sich im Kopf, Darts ist ein Mentalsport. Ein Spiel zu gewinnen, in dem man am Anfang gnadenlos unterlegen war, das gibt einem ein viel besseres Gefühl für alle Spielanfänge danach. Und bin ich gut drauf, fühle ich mich wohl, kann ich auch einen 3:5-Rückstand drehen (Anmerkung d. Red.: Die Matchs werden meist nach dem Modus best of 11 gespielt).

Ist es sinnvoll, mit einem Mentaltrainer zusammenzuarbeiten? Einige Profis tun das.

Einige. aber nicht alle. Ich bleibe dabei, trotz aller Negativerlebnisse im letzten halben Jahr: Man braucht solche Hilfe nicht. Es ist eine Frage des Typs: bin ich eher positiv drauf oder eher negativ.

Die Dartsszene an der Weltspitze haben bisher meist Spieler im XXL-Format beherrscht, unkonventionelle Leute, nicht die klassischen Sportler. Gibt es da einen Zusammenhang?

Es ist Blödsinn zu sagen, wer dick ist, kann besser Darts spielen. Aber es gibt den Zusammenhang, dass man sich beim Dartspielen vor allem wohlfühlen muss. Und es gibt Menschen, die fühlen sich wohl, ohne dass sie Bewegungssport machen. Das viele Reisen und Leben im Hotel spielt auch eine Rolle. Selbst ich habe seit Jahresbeginn fünf, sechs Kilo draufgepackt. Es soll aber nicht weiter in diese Richtung gehen.

Woran müssen Sie noch arbeiten?

Ganz pauschal: Ich muss mehr trainieren, und das werde ich. Wichtig ist auch, aus jeder Niederlage was zu ziehen und nicht zu verzweifeln. Dann kommt vielleicht der berühmte Moment, der alles verändert. Über Michael van Gerwen sagen die Leute, er wäre bei Floor-Turnieren, also ohne Öffentlichkeit, schon immer ein guter Spieler gewesen. Dann hat er ein Bühnenturnier gewonnen und seitdem dominiert er den Sport. Es ist ein Frage des Selbstvertrauens. Es sich zu holen, ist der Knackpunkt. (mn)

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