Ein gradliniges Farbquartett

Eine Helfergruppe hat beim Weltcup-Springen ihren eigenen, kleinen Wettkampf

Linientreu. Das Farbenteam (v.l.) Jannis Wilke, Volker Leyhe, Dennis Habermann und Florian Wilke bevorzugt Rot.

Willingen. Ihre Aufgabe klingt wie ein Kinderspiel. Zwei rote Linien in den Schnee malen. Ein Klacks! Ein Klecks! Doch so einfach ist die Arbeit von Dennis Habermann (Hemmighausen), den Brüdern Florian und Jannis Wilke (Eimelrod) sowie Volker Leyhe (Schwalefeld) beim Weltcup-Skispringen nicht.

Da Motorsäge und Fäustel dabei gebräuchlicher sind als der Pinsel ist ihr Schaffen mehr Hand- als Kunstwerk – gepaart mit Graffiti-Handgriffen.

Die Farbengruppe des SC Willingen steht an diesem Samstag rund zwei Stunden vor Wettkampfbeginn auf der Treppe an der Bande des Aufsprunghanges in Höhe der 130-Meter-Marke. Die Zahl 130 ist auf dem Hang in Rot wie ein Brandzeichen auf einer Kuhhaut auf den Schnee gedrückt.

Es ist ein Werk dieses Farbenquartetts, die Ziffern wurden mit einer Schablone gesprüht und dahinter schließt sich direkt die erste rote Linie an, etwas 20 Zentimeter breit und rund 40 Meter lang. Sie verläuft am Konstruktionspunkt (K-Punkt) der Mühlenkopfschanze und 15 Meter tiefer ist die zweite rote Linie mit den Buchstaben HS. Sie stehen für Hillsize. Hier sollte ein Springer allmählich zur Landung ansetzen, denn das Steilhangende naht.

Wenn ein Skispringen beginnt, sind viele Arbeiten der Farbengruppe abgeschlossen. Vorher ziehen sie eine Schnur parallel zum Aufsprunghang und sprühen an ihr entlang die zwei roten Linien auf den Schnee. Das ist noch Handarbeit. Was bisher mit einer Spraydose erledigt wurde, sieht in diesem Jahr erstmals so aus wie eine Pflanzenschutzaktion mit Handspritze. Die Farbe wird mit Wasser gemischt.

Erst die Mischung finden

„Wir mussten erst die richtige Mischung finden und auch Glykol dazu tun, damit die Düsen nicht zufrieren oder verstopfen“, erzählt Florian Wilke, der mittlerweile im bayerischen Bad Tölz wohnt und Urlaubstage für den Weltcup-Einsatz opfert. Die ganze Familie sei Weltcup infiziert, fügt sein Bruder Jannis hinzu. Die rote Linie soll natürlich gerade sein, ist sie bei näherer Betrachtung aber nicht, die minimalen Schlenker sind im Fernsehen nicht erkennbar. Zum Glück. Denn die Bilder gehen in die ganze Welt und da soll Willingen schließlich nicht in Schieflage geraten.

Die Vier von der Farbengruppe überprüfen ihre Gradlinigkeit immer mal wieder durch einen Blick auf die Videoleinwand. Für das gute Ansehen von Willingen hat sich das Farbenquartett auch die Rinne ausgedacht, die unterhalb der roten Linie gezogen wird. „Wenn es regnet, verläuft die Farbe nicht, weil sie in dieser Rinne aufgefangen wird“, erzählt Volker Leyhe, der bei diesem Springen unter besonderer Anspannung steht, denn er zieht diese roten Linien auch für seinen Sohn Stephan, der sie als Springer von oben sieht. Und wenn der Sohnemann angekündigt wird, spürt man, wie auch sein Puls steigt.

Der Mittfünfziger ist der Oldie im Farbenteam und überlässt in den zwei Pausen während des Probedurchgangs und den zwei Sprüngen, seinen Kollegen weitgehend das Feld. Denn hier muss alles schnell gehen. Kurz bevor die letzten Springer vom Bakken gehen, schnüren sie sich die Steigeisen an die Schuhe, die aussehen wie Gleitschuhe ohne Gleitfläche. Nur damit haben sie Halt im Steilhang.

Jetzt heißt es binnen weniger Minuten alle Arbeiten zu erledigen, Zahlen und Linien nachsprühen, die Tannenzweige abräumen oder wieder in den Boden stecken.

Die jeweilige Härte des Untergrunds bestimmt ihre Arbeit. „Manchmal ist der Hang so vereist, dass wir mit der Motorsäge einen Keil in die Schneeschicht sägen müssen und dort hinein die rote Linie ziehen“, erzählt Habermann. Jeder im Farben-Vierer ist mit einem Knopf im Ohr ausgestattet und per Funk untereinander und mit dem Wettkampfleiter verbunden.

Und dieser Herr macht ihnen Beine und Hände. „Noch vier Minuten, drei….“ Und der Beobachter spürt, dass diese Zeitvorgaben für das Quartett immer wieder ihr eigener, kleiner spannender Wettkampf sind.

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