Gesundheitsaspekte spielen eine immer größere Rolle 

Fitnessstudios sehen sich als systemrelevant

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Leere im Maschinenraum: Hermann Schaffer steht seit einigen Wochen allein in  seinem Fitnessstudios. 

Du fehlst mir! Dies ist vermutlich einer der meist gesagten Sätze in dieser coronaischen Stillstandszeit, die einsam oder zweisam, aber vorerst nicht gemeinsam verlaufen darf.

Korbach – So manch einer spricht diesen Satz auch aus, weil ihm seit sechs Wochen der Sport mit anderen Menschen fehlt, sei es im Verein oder im Fitnessstudio.

Beide Anbieter von Bewegung hoffen, dass sie ihren Mitgliedern so schnell wie möglich wieder ihre Pforten zum Studio, zur Halle oder zum Sportplatz öffnen dürfen und dass bis dahin niemand der Pleite zum Opfer fällt.

Der DSSV, Arbeitgeberverband der deutschen Fitness- und Gesundheitsanlagen, hat vor einigen Tagen ein Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben und betont, dass die Studiobetreiber Hygieneauflagen mindestens genauso gut erfüllen könnten, wie Geschäfte, Baumärkte und Gartencenter. 

Dieser Aussage stimmen auch die heimischen Studiobetreiber Sebastian Schulz (La Corpa/ Bad Wildungen), Oliver Hintschich (Arofit/(Bad Arolsen) und Hermann Schaffer (Pro Body/Korbach) zu. Sie betonen, dass auch schon vor Corona Hygiene- und Gesundheitsaspekte zu ihrem beruflichen Alltag gehörten. Daher seien gesundheitsorientierte Studios unbedingt systemrelevant. Hygienische Anpassungen an die neuen Bedingungen, sollten für die Betreiber kein Problem sein.

Hoffnung liegt  in der Loyalität der Mitglieder

Der Bundesverband empfindet es daher als ungerecht, dass die Sportstudios noch nicht wieder öffnen dürfen. „Wir können Umkleideräume, Duschen und Saunen sperren, kontaktlose Zugangskontrollen, Hygienemaßnahmen anbieten und darauf achten, dass Mindestabstände zwischen den Stationen für Kraft- und Cardiotraining eingehalten werden“, schreibt der DSSV.

Doch noch heißt es warten für die bundesweit rund 10 000 Fitness-Studiobetreiber und ihre rund zwölf Millionen Mitglieder. Die drei Waldecker Unternehmer rechnen aber damit, dass sie nach der morgigen Sitzung von der Politik zumindest einen Zeitpunkt gesagt bekommen, wann es für sie wieder losgehen kann.

Wer nun denkt, die Fitnessstudiobetreiber liegen seit sechs Wochen auf der faulen Haut, der irrt. Schulz, Schaffer und Hintschich haben sogar das Gefühl, dass sie mehr arbeiten als zuvor, aber für ihre Beschäftigen meldeten sie teilweise Kurzarbeit an. Es gab trotzdem einiges zu tun: Da waren die Anträge auf staatliche Hilfe auszufüllen und es mussten auf die Schnelle Alternativlösungen aus dem Hut gezaubert werden, wie es betrieblich weitergeht. Sie informierten ihre Mitglieder über die Schließung und mussten damit rechnen, dass die ihre Beiträge zurückverlangen würden.

Dann stand täglich die Frage im Raum, wie kann man weiter Kosten senken, vielleicht auch durch Gespräche mit der Bank, dem Studiovermieter oder mit Lieferanten, ob Zahlungen gestundet werden können.

Pleite nicht in Sicht

Nah am Abgrund Konkurs stehe aber derzeit keiner von ihnen, beteuern die drei heimischen Betreiber. Sie sind alle dankbar für die schnelle und unbürokratische finanzielle Hilfe vom Staat, aber mit diesem Geld könne man maximal einen Monat überbrücken. Und dann? Die Hoffnung liegt vor allem in der Loyalität der Mitglieder. Wenn sie ihre Beiträge aus Solidarität weiter zahlen, ist das Schlimmste abgewendet.

Sebastian Schulz ist überwältigt von der Treue seiner Mitglieder, denn er hat bisher keinen Zahlungsausfall. „Das macht uns stolz und wir werden uns dafür bei allen ganz besonders revanchieren, wenn das hier alles vorbei ist.“

Allerdings lebt ein Fitnessstudio wirtschaftlich nicht nur von den Mitgliedsbeiträgen sondern auch von vielen anderen Dienstleistungen, die zusätzlich angeboten werden, wodurch trotz der Solidarität der Mitglieder Umsatzeinbußen entstehen.

„Jeder sollte jetzt einen Schritt zurück gehen“ 

Hintschichs Kunden reagierten unterschiedlich auf die Schließung. Die Mehrheit unterstützt das Studio weiter, es gibt aber auch andere, die ihr Geld zurückfordern, einige sogar recht radikal. „In Krisenzeiten lernt man die ganze Bandbreite der menschlichen Wesenszüge kennen und es ist gut mal zu sehen, wie jeder einzelne reagiert“, sagt Hintschich. 

Rund 75 Prozent seiner Mitglieder hielten ihm die Treue. „Sie reagieren so, wie man es sich im Sport wünscht, loyal, fair und auch den Blick für das miteinander nicht verlieren.“ Das Verhalten jener Mitglieder, die ihre Beiträge so vehement zurückgefordert hätten, sei auch der zunehmend individualisierten Gesellschaft geschuldet, meint Hintschich. „Jeder schaut sofort darauf, wo bleibe ich selbst.“ 

Der Bad Arolser hat aber auch Verständnis für die, die ihr Geld zurückfordern. „Vor dem Hintergrund der Kurzarbeit oder sogar der Entlassung mit Arbeitslosigkeit, ist es normal, dass jeder versucht die Dinge zusammenzuhalten und da ist der Sport natürlich nicht an erster Stelle.“ Er bietet jenen Kunden, die ihr Abo jetzt weiter laufen lassen, Gratis-Training zu einem späteren Zeitpunkt an.

Hermann Schaffer schrieb mit der Schließung all seine Kunden an. „30 Prozent haben sofort gesagt, ich zahle weiter, einige wollten aber auch ihr Geld wieder haben. Die restlichen Mitglieder sind ihm treu, aber finanziell freigestellt. Schaffer bietet nun verstärkt Gutscheine an.

 Und welche Erfahrung hat das Trio mit jenen gemacht, denen sie Geld überweisen müssen? Schulz erhielt auch auf dieser Seite positive Reaktionen: „Von der Bank haben wir eine Stundung der Tilgung für drei Monate bekommen, das haben die sofort gemacht, da genügte ein Anruf.“ 

Hintschich ist Eigentümer seines neugebauten Studios in Bad Arolsen, das er 2018 eröffnete. Kredite laufen dafür bei der Bank. Das Geldhaus sei aber nicht von sich aus aktiv geworden, betont er. Empathie sei derzeit wichtig, nicht nur in der Fitnessbranche, betont Hintschich, „Wenn jeder in dieser Krise einen Schritt zurück geht, dann kommen wir da gemeinsam auch gut dadurch.“ 

Physiotherapie weiterhin möglich

Diese Ansicht vertritt zwar auch Schaffer, aber er versucht, seinen Verbindlichkeiten auch jetzt nachzukommen. „Es gibt Angebote von der Bank und vom Vermieter, aber wenn ich jetzt keine Miete zahle, dann muss ich zwei Mieten im nächsten Monat zahlen und vielleicht zahlen dann auch weniger Kunden, es wird doch alles nur aufgeschoben. Deshalb versuchen wir, unsere Lieferketten aufrecht zu halten.

Der Arbeitstag in Corona-Zeiten sieht für die drei Studiobetreiber aus Bad Wildungen, Korbach und Bad Arolsen recht ähnlich aus. Morgens im Büro, E-Mails und Post bearbeiten, Renovierungs- und Wartungsarbeiten im Studio, Kurse optimieren und den Online-Auftritt verbessern, denn vor allem Schulz und Schaffer bieten nun vermehrt ihre Kurse im Internet an.

Hintschich hatte auch diese Überlegung, aber er ist wieder davon abgekommen, weil sein Betrieb im Rehabilitationssport stark aufgestellt ist, den vor allem ältere Menschen betreiben. „Wir haben in Absprache mit anderen Anbietern festgestellt, dass nur zehn Prozent der Reha-Sportteilnehmer in der Lage sind, Online-Angebote zu nutzen. Allerdings wird es von jüngeren Kunden vermehrt gefordert.“ 

Da die Physiotherapie teilweise weiterlaufen darf, ist Hintschich auch hier beschäftigt. Diesen Zusatzweg schlägt Schulz nun auch ein. Der gelernte Physiotherapeut hat sein Studio ein wenig ausgebaut, und startet in dieser Woche dieses Angebot, vorerst nur für Privatpatienten.

Diese Leere macht traurig

Der Wildunger hatte genau wie Schaffer schon vor dieser Krise eine App angeboten. Beide haben diese in der Krise erweitert und für alle Kunden freigeschaltet. Sie finden nun im Internet eine Kommunikationsplattform sowie Trainings- und Ernährungspläne und anderes mehr. Schulz hat zusätzlich Online-Fitnesskurse eingekauft, darunter auch Yoga, und einen Online-Ernährungskurs eingerichtet, der von der Krankenkasse bezuschusst wird. 

Auch wenn sie wegen Corona neue Wege im Internet für sich gefunden haben, die sich in Zukunft möglicherweise auch noch für sie auszahlen werden, hat diese Krise dem Betreiber-Trio noch einmal deutlich gemacht, dass der Sport erst in der Gemeinschaft seine ganze Kraft entfalten kann. 

Und Schulz spricht mit einem Satz aus, was derzeit vermutlich alle Studiobetreiber denken: „Jeden Tag gehe ich ins Studio und diese Leere macht mich schon sehr traurig." (rsm)

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