Weltcup-Qualifikation

Freunds 144,5 m lassen Willingen jubeln

- Willingen (mn). Der Mühlenkopf ist bereit für eine neue Skisause. Shootingstar Severin Freund weckte in der Qualifikation den Glauben an deutsche Höhenflüge – und versetzte 6200 Fans in Partystimmung.

In Willingen werden die Skispringer bei ihrem Flug ins Tal seit jeher mit irgendwie passender Musik begleitet. Das ist mitunter klischeehaft, manchmal peinlich, manchmal witzig und unterhaltsam. Wenn Severin Freund oben auf der Schanze in die Knie geht, wird ein Lied der „Comedian Harmonists“ eingespielt: „Ein Freund, ein guter Freund...“ Gestern, in der Qualifikation für den Einzelweltcup am Sonntag, gleichzeitig interne Ausscheidung für das Teamspringen heute, passte der gute alte Ohrwurm. Freund war gut. Der Beste der Welt ist er vielleicht (noch) nicht, aber ziemlich nah dran. Beim weitesten seiner drei Flüge setzte er nach 144,5 Meter auf – so weit kam, das Training mitgerechnet, nur noch Qualifikationsgewinner Gregor Schlierenzauer. Der Österreicher entschied die Konkurrenz der nicht vorqualifizierten Springer vor den beiden Norwegern Anders Bardal und Johan Remen Evensen (beide 138,5 m) für sich und meldete nachhaltig Ansprüche auf die Wiederholung seines Vorjahrestriumphs an. Seit gestern traut man aber auch Freund die ersten deutschen Siegerflüge seit Sven Hannawald 2003 zu. „Ich habe die Schanze schon in den ganzen Jahren gemocht. Das ist heute richtig gut losgegangen“, sagte der 22-Jährige aus Rastbüchl, der sich den Mühen der Quali hätte entziehen können, weil er als Gesamtsiebter des Weltcups gesetzt ist. Aber das Springen an diesem frostigen Freitag schien ihm eine Lust zu sein: „Es ist richtig schön, (...) die Euphorie und Begeisterung spüren zu können“, befand er (siehe Interview unten). Die erste Aufgabe stellt sich heute zum Start der mit 100 000 Euro dotierten Team-Tour. Bundestrainer Werner Schuster selbst weckte Erwartungen. „Wir haben zwei heiße Eisen im Feuer. Einen optimalen Wettkampfverlauf vorausgesetzt, können unsere Aktiven aus eigener Kraft auf dem Podest landen“, verkündete er zuversichtlich. Wen er mit dem zweiten „heißen Eisen“ meinte? Vielleicht Michael Neumayer, der mit 134,5 Metern den zweitbesten Quali-Sprung des sechsköpfigen deutschen Aufgebots stand und im Auslauf mit geballten Fäusten zum Ausgang fuhr. „Ich bin zufrieden, dass ich dabei bin. Die Trainingssprünge haben mich nicht so positiv gestimmt“, verriet der Berchtesgadener. Neumayer verwies auf die nicht einfachen Bedingungen. Seitenwinde zwangen die Jury wiederholt zu Pausen, und nach dem (offenbar glimpflich ausgegangenen) Sturz des Finnen Anssi Koivuranta schickte sie noch einmal einen Vorspringer zu Tal. „Das schaut zwar hier unten alles so friedlich aus, aber der Wind wechselte schon gewaltig“, sagte Neumayer. Der 32-Jährige wird als dritter deutscher Springer in den Teamwettbewerb gehen. An eins setzte Werner Schuster seinen zweitältesten Mann: Michael Uhrmann wurde mit 121,5 Metern zwar nur 21. der Qualifikation, hatte aber bei seinem besten Trainingssatz von 139,5 Metern späte Landemöglichkeiten angedeutet. „Ich habe eigentlich nur den zweiten Trainingssprung richtig gut hingebracht“, sagte er: „Aber das ist okay. Ein bisschen steigern kann ich mich auf jeden Fall.“ Nach Uhrmann springt Martin Schmitt, dem der Bundestrainer den Vorzug vor Pascal Bodmer (128,5 m) und Stephan Hocke (123,5 m) gab, die sich im internen Wettbewerb um die WM-Plätze für Oslo nun nur im Einzel zeigen können. Schmitt, der in der Qualifikation 129,0 Meter erreichte, kann damit springend seinen 33. Geburtstag feiern. Seinen Wunsch für sein persönliches Schanzenfest formulierte er so: „Ich hoffe, dass wir auf dem Podest stehen.“ Bundestrainer Schuster äußerte ähnliche Wünsche und erinnerte an die in Willingen regelmäßig überschwappende Begeisterung. „Das hat uns im Vorjahr einen Schub gegeben, um bei Olympia gut in Form zu sein. Diese tolle Wertschätzung ist eine Verpflichtung, den Wettkampf ernst zu nehmen und mit dem besten Team an den Start zu gehen. Da gibt es keine Abstriche und keine taktischen Überlegungen“, sagte Schuster.Er will auf der Team-Tour die Favoriten Österreich und Norwegen zumindest ärgern: „Nach dem schwierigen Saisonstart in Kuusamo wollen wir jetzt zeigen, dass wir uns im Verlauf des Winters zu Recht auf Platz drei der Nationenwertung vorgekämpft haben.“ Weltcup-Spitzenreiter Thomas Morgenstern aus Österreich sieht die DSV-Springer sogar als ernsthafte Konkurrenz im Kampf um den Gesamtsieg. „Mein Geheimtipp wäre die deutsche Mannschaft, die zeigen ganz klar eine positive Entwicklung.“ (mit dpa)

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