Haftung im Sport

Vom Fußballplatz in den Gerichtssaal?

- Waldeck-Frankenberg. Yücel Kocak bereut seinen Tritt ins Gesicht von Boris Aschenbrücker. Mit der Entschuldigung aber ist es nicht getan, der Korbacher Fußballer muss sich nicht nur vor dem Sportgericht verantworten, ihm droht auch ein Zivilprozess – Aschenbrücker will klagen.

Treten, schubsen, spucken, schlagen, beleidigen – bei Fußballspielen und auch in anderen Sportarten geht es bekanntlich manchmal über das gesunde Maß der Fairness weit hinaus. „Im Vergleich zu den 70er, 80er und 90er Jahren ist die Zahl der Sportler gestiegen, die nach Fouls Prozesse gegen ihre Kontrahenten anstrengen“, sagt Florian Hofmann vom Lehrstuhl für Sportrecht der Universität Bayreuth. „Grundvoraussetzung für eine Zivilklage ist aber zunächst das Vorliegen eines Regelverstoßes“, so Hofmann. Sei dieser erfolgt, müsse es zudem zu „einer nicht mehr zu rechtfertigenden Härte während des Spiels kommen“. Im Klartext – ein überhartes Vorgehen gegen einen Kontrahenten, das die „erlaubte Unfairness“ weit überschreitet. Boris Aschenbrücker sieht diesen Tatbestand als gegeben an. Der Petersberger Stürmer zog sich bei Kocaks Tritt nach neuen Angaben seines Trainers Karl-Josef Müller neben verschieden Risswunden einen Bruch der Kieferaußenwand zu, außerdem sei ein Band in der Nasennebenhöhle gerissen. Kocak beruft sich auf eine Affekthandlung. Das erste Wort hat nun das Sportgericht – wann ist noch offen, denn der zuständige Sportgerichts-Vorsitzende Horst-Günther Konlé hatte den Fall bis gestern nachmittag noch nicht auf dem Tisch. Das zweite Wort spricht möglicherweise eine Zivilkammer. Der Bundesgerichtshof hat schon 1974 entschieden, dass Sportplätze keine rechtsfreien Räume sind. Jeder Spieler nehme „grundsätzlich Verletzungen, die auch bei regelgerechtem Spiel nicht zu vermeiden sind, in Kauf“. Doch wenn ein nicht regelgerechtes Verhalten nachweisbar sei, gebe es Schadensersatzansprüche gegenüber dem Mitspieler. Zumindest strafrechtliche Schritte wegen Körperverletzung werden dem Korbacher Kocak wohl erspart bleiben. „Die Staatsanwaltschaft verfolgt dieses Delikt nur auf Antrag, oder wenn das öffentliche Interesse besonders groß ist“, erklärt Fachmann Florian Hofmann. Auch müsste der Täter vorsätzlich gehandelt haben – was der Kläger beweisen muss. Welche Strafe der TSV Korbach intern verhängen wird, ist noch offen. Nach Auskunft von Abteilungsleiter Rolf Osterhold ist der Vorstand dabei, Spieler, Trainer und Obleute zu befragen, um sich ein Meinungsbild zu machen. Obmann Andreas Penzenstadtler hatte sich in erster Erregung gegen einen Verbleib des Übeltäters im Verein ausgesprochen. Osterhold wollte zwar einer Entscheidung nicht vorgreifen, sagte aber, er sei immer dafür, jemandem eine „zweite Chance“ zu geben. (mas/mn)

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