Erinnerungen an den Boykott vor 40 Jahren

Olympia 1980 in Moskau: Jassmann muss zuschauen, Grebe und Rabe ausgesperrt

Ein Schwarz-Weiß-Foto vom deutschen Boxteam für den Länderkampf mit den USA im Juli 1980 – v. links: Dietmar Stadtmüller, Mario Gruben, Rene Weller, Werner Schäfer, Harald Wildanger, Reinhard Jassmann, Manfred Jassmann.
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Länderkampf statt Olympia: Das deutsche Boxteam für den Vergleich mit den USA im Juli 1980 – v. links: Dietmar Stadtmüller, Mario Gruben, Rene Weller, Werner Schäfer, Harald Wildanger, Reinhard Jassmann, Manfred Jassmann.

Am 19. Juli 1980 begannen die Olympischen Sommerspiele in Moskau. Deutsche Sportler waren nicht dabei – aber zwei Waldeck-Frankenberger von medizinischem und journalistischem Fache.

Der deutsche Sport boykottierte wie viele westliche Staaten die Spiele in der UdSSR – eine umstrittene Reaktion des Westens auf den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan. Zwei Waldeck-Frankenberger waren dennoch vor Ort: Der 1999 verstorbene Frankenberger Internist Prof. Hans Grebe, damals „Chefarzt“ des Weltboxverbands AIBA, und der aus Korbach stammende Sportjournalist Werner Rabe. Sie verband ein besonderes Erlebnis.

Sportlich qualifiziert für Moskau hatte sich der Korbacher Boxer Manfred Jassmann. Er musste wie sein Bruder Reinhard mit den beiden Olympia-Ersatzländerkämpfen gegen die USA in Berlin und Korbach (siehe Artikel unten) sowie einer Kenia-Turnierreise vorlieb nehmen. Die Sportler blieben meist zähneknirschend auf Beschluss der Politik zuhause, die Medien übten Solidarität, zumindest teilweise und anfangs.

Olympia in Moskau: Türen für Waldeck-Frankenberger verschlossen

Die Nachrichtenagentur sid, zu der ich 1978 von der WLZ gewechselt war, fuhr in die damalige Sowjetunion, weil – so ihr Gründer und Chef Alfons Gerz – „Olympia eben Olympia ist.“ Ich saß beim olympischen Boxturnier am Ring und war zudem für Kunstturnen verantwortlich. Ohne Hussing, Weller, Jassmann & Co. und natürlich auch Eberhard Gienger am Reck ein schwieriges und eher internationales Unterfangen. Schwierig, weil uns nicht jeder Zutritt zu allen Wettkämpfen und Veranstaltungen erlaubt war. „Ihr Land hat ja keine Mannschaft am Start“, hieß es immer wieder zur Begründung.

Da fiel mir Hans Grebe ein. Schon im Vorfeld der Spiele hatten wir entsprechende Kontakte verabredet. So waren wir am Tag der Auslosung am Medieneingang des olympischen Dorfs verabredet. Der ranghohe AIBA-Offizielle hatte mir bei vielen internationalen Wettkämpfen, aber auch am Korbacher Bundesliga-Seilgeviert schon hilfreich mit seinen Kontakten zur Seite gestanden und so manche Tür geöffnet. Nicht so 1980 in Moskau.

Der Frankenberger Internist Prof. Dr. Hans Grebe (rechts) im Jahre 1980 in seiner damaligen Funktion als „Chefarzt“ des Weltboxverbandes AIBA.

Zwar erschien Grebe pünktlich am ausgemachten Ort, doch als er mit mir an der Seite wieder ins Olympische Dorf und zu seinem eigentlichen und nur für kurze Zeit unterbrochenen Job, der Aufsicht bei den Untersuchungen der Boxer und dem anschließenden Auslosungs-Verfahren zurückkehren wollte, hieß es schlicht, aber bestimmend: „Njet!“.

Nach längeren und heftigen Diskussionen wurde auch eine Begründung nachgereicht: Grebe habe zwar mit einer offiziellen Delegation, sprich: seinen Kollegen, das Dorf betreten können, es aber nicht zwischenzeitlich, auch nicht kurz, sondern nur auch wieder mit seiner „delegatsiya“ verlassen dürfen.

Rabe und Grebe: Kaffee auf dem Roten Platz

Professor Grebe verwies einem hinzugezogenen Dolmetscher gegenüber immer wieder auf die Tatsache, dass die Zeremonie laut Reglement und olympischer Charta ohne ihn gar nicht stattfinden dürfe – doch seine gestenreich vorgetragenen Worte blieben ohne Echo. Von mir und meiner Teilnahme war trotz einer immerhin gültigen Medienakkreditierung erst gar keine Rede, der Eintritt in die heiligen Hallen für das gestrenge Wachpersonal keine Sekunde lang auch nur eine Überlegung wert.

Auch der weitgereiste Mediziner, der auch im Sport schon viel erlebt hatte, gab schließlich auf und fragte mich: „Waren Sie schon auf dem Roten Platz?“ Ich verneinte. „Dann fahren wir jetzt dorthin und trinken einen Kaffee.“ Gesagt getan – und so wird das Moskauer Boxturnier 1980 wohl hoffentlich das einzige olympische bleiben, bei dem die sportlichen (und medizinischen) Regeln schon vor dem ersten Gong nicht hundertprozentig eingehalten werden konnten.

Kubas Boxer gewannen übrigens sechs Mal Gold, die DDR mit Rudi Fink einmal. Der spätere Sauerland-Profi John Mugabi holte Silber für Uganda, Valentin Silaghi, langjähriger Jassmann-Rivale und später deutscher Bundestrainer, Bronze für Rumänien.

Als US-Präsident Carter Korbachs Boxern dankte

Der Boykott der Olympischen Sommerspiele in Moskau durch den Westen brachte auch Manfred Jassmann um sein großes Ziel Olympia. Der Korbacher hatte beim Akropolisturnier in Athen Silber gewonnen. Der Boykott verschaffte ihm und vor allem der neuen Boxhochburg Korbach eine besondere Ehre. Als Olympia-Ersatzmaßnahmen organisierte der Boxverband neben einer Kenia-Reise zwei Ersatzländerkämpfe gegen die starken US-Boys – in Berlin und in Korbach.

US-Präsident Jimmy Carter richtete seinen Dank dafür in einem Telegramm an Bürgermeister Wolfgang Bonhage aus, dass dieser stolz dem Publikum in der Arena präsentierte. Reinhard und Manfred Jassmann verloren ihre Kämpfe gegen Andrew Scott und Charles Carter, auch der Korbacher Bundesligaboxer Mario Gruben unterlag. Dagegen verließ Rene Weller (Bayer Leverkusen) nach dem Duell in Berlin als einziger Doppelsieger den Ring.

Nachgeprägte Olympiamedaillen für Korbachs Boxer

Sportwart Heinz Birkle war sicher, „dass der DABV mit den Leistungen seiner Aktiven mit zu den Besten der Welt zählt“, wenn es auch in einigen Gewichtsklassen Lücken geben würde. Zur weiteren Motivation erhielten die vorgesehenen Olympiastarter um Jassmann, der 1978 bei der WM in Belgrad und 1979 bei der EM in Köln in den Ring geklettert war, nachgeprägte Olympiamedaillen als Erinnerung. Sie reisten nach dem Länderkampf in der Kreisstadt außerdem zum besagten Turnier in Kenia – von den USA finanziert, diente es als offizieller Ausgleich für Olympia.

Korbachs Trainer Hans Hillmann war mächtig stolz darauf, mit seinen Aushängeschildern noch einmal ein Stückchen Olympia erleben zu können. Der Sportamtsleiter des Landkreises kam sogar als Bundestrainer ins Gespräch, nachdem in der Korbacher Staffel weitere Topleute wie Manfred König, Vitalish Bhege, John Odhiambo oder auch Muhammad Marhum Abbas für Furore sorgten. Manni Jassmann wurde Profi, Reinhard blieb auch als Trainer den Amateuren treu, ehe sein Sohn Mario zu den Berufsboxern wechselte.

Von Werner Rabe

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