Am besten ohne nachzudenken, sagt Angelika Göbel, seit elf Jahren Kampfrichterin

Wie gehen Haltungsnoten beim Skispringen?

In exklusiver Gesellschaft: Punktrichterin Angelika Göbel aus Willingen.

Willingen. Am Sonntag in Zakopane war er wieder da, dieser Eindruck. Stephan Leyhe setzt eine sehr ordentliche Landung – ganz der Telemark.

Wenige Minuten später eiert der nach dem ersten Durchgang führende Stefan Hula seine Landung in den Schnee; mit wackligen Armen und Mini-Ausfallschritt. In den Haltungsnoten spiegelt sich das nicht wieder. Der Willinger Leyhe hat es besser gemacht, steht aber einen halben bis ganzen Punkt schlechter da. „Typisch“, denkt der Fan. „So ist es ja immer.“

Was bewertet wird

Ist es nicht, sagt Angelika Göbel. Sie muss es wissen; seit elf Jahren ist sie Kampfrichterin mit Fis-Lizenz. Und sie weiß: „Es kommt nicht allein auf die Haltung an. Es zählt der ganze Sprung.“ Die Willingerin, die zuletzt beim Frauen-Weltcupspringen in Slowenien war und insgesamt rund 20 Einsätze hatte bisher, kennt freilich den Sprungstil ihres Upländer „Landsmannes“. „Stephan springt immer schön. Aber ihm fehlt oft die Weite, wie zum Beispiel beim Skifliegen.“ Göbel sagt das nicht ohne Grund, denn fehlende Weite hat meist mit fehlender Dynamik zu tun. „Und die ist neben einer ruhigen Flugphase auch entscheidend für eine sehr gute Note. Es müssen eben alle Mini-Bauteilchen zusammen passen.“

Wo die Tücken liegen

Und dann gibt es eine 20,0? Nicht unbedingt. Die Höchstnote wird äußerst selten ins Tableau getippt, weiß Angelika Göbel. „Wenn sich doch mal einer traut, ist er der Held. Und die Kollegen ärgern sich, warum sie nicht die 20 gedrückt haben“, so die 52-Jährige.

Okay. Theorie beiseite. Wie sieht die Praxis im Sprungrichterturm aus? Sie ist im Grunde auch ein Kräfte zehrender „Sport“. Wetter und Sicht sind mitunter schlecht. Und viel Zeit, sich für die passende Note zu entscheiden, haben die fünf Kampfrichter nicht, von deren Noten jeweils die beste und schlechteste eines Sprunges gestrichen und die drei übrigen zur Weite addiert werden.

Wie wenig Zeit man hat

Beim Werten selber wird nicht subtrahiert. Sondern abgezogen. Ausgehend von der 20,0 zieht der Kampfrichter pro Auffälligkeit 0,5 bis 1,0 Punkte ab. Ein Sturz beim Ausfahren beispielsweise schlägt immer mit einem Minus von 7,0 Punkten zu Buche. „Wenn der Springer ausgefahren ist, muss die Note im Grund schon stehen“, erklärt Göbel. Zwar gebe es einen Monitor, auf den man sich Teile des Sprungs noch einmal ansehen kann. „Aber wenn man damit begonnen hat, piept es meistens schon“, so die Willingerin, die wie ihre Kollegen per Signal darauf hingewiesen wird, bitte die Eingabe abzuschließen. Sich ablenken lassen ist tabu. Für Göbel auch kein Thema. „Ich bin wie im Tunnel, kriege meist gar nicht mit, wer da gerade überhaupt springt.“

Warum man oft irre wird

Stellt sich somit die Frage nach der Parteilichkeit gar nicht? Angelika Göbel kann das Lied andersherum singen. Ausgerechnet Stephan Leyhe sah sie 2016 in Lahti einen ganzen Punkt schlechter als ihre Jury-Kollegen. „Ich sollte eigentlich gar nicht darüber nachdenken, ob meine Wertung korrekt ist. Und auch nicht beachten, ob ein Springer den Ruf hat, gut oder schlecht zu landen“, sagt die Kampfrichterin. Es sei besser, wenn man sich auf sich selbst verlasse. Denn: „Manchmal wirst du irre und denkst: ‘Das kann doch nicht sein, dass immer deine Note gestrichen wird.’ Oder wenn du überlegst, ob es richtig war, dass du bei fünf Springern in Folge immer je 1,0 Punkte abgezogen hast. Weil es ja eigentlich nicht sein kann, dass fünf Sprünge genau gleich aussahen.“ Deshalb lautet Göbels Motto: „Konzentrieren und Hirn ausschalten.“

Was schief gehen kann

Und wenn doch eine Wertung schief geht? „Dann könnte man an einen Trainer geraten“, so Göbel. Oder man kann einen Fehler melden, wenn man sich vertippt hat bei der Eingabe. Aber auch für die Korrektur bleibt nur wenig Zeit.“ Eine so genannte Videogruppe – freiwillig engagierte Fis-Sprungrichter – wertet im übrigen vor dem Fernseher die Notengebung aus. Denn auch die Kampfrichter müssen ihre Qualität beweisen, die Leistung wird jährlich überprüft. Zu viele Fehlurteile können sie sich nicht leisten. „Der Computer lügt nicht. Wenn ich zu gut werte, bekomme ich vielleicht im folgenden Jahr keinen Einsatz“, erklärt die Upländerin.

Heute ist Angelika Göbel wieder in ihrem zweiten Zuhause, im Kampfrichterturm. Sie wertet aber nicht, sondern hat anders zu tun. „Ich kümmere mich um Shuttletransfer, besorge Akkreditierungen, koche Kaffee.“ Und wir schauen auf die Landung von Leyhe und Hula.

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