Sportkreis-Vorsitzender im Interview zur Situation nach den Einschränkungen durch die Corona-Ausbreitung

Uwe Steuber: „Den Vereinen schnell wieder eine Perspektive geben“

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Er macht sich Sorgen über d ie Folgen des sportlichen Stillstandes: Sportkreis-Vorsitzender Uwe Steuber.

Keine Halle, kein Sportplatz freigegeben, kein Training in Gruppen – das Wirken der Sportvereine beschränkt sich durch die Gebote zur Eindämmung des Corona-Virus auf ein Minimum. Wie lange ist das auszuhalten für Sportler und Vereine?

Waldeck-Frankenberg – Dass der organisierte Sport in Deutschland einmal komplett stillsteht, hat sich Uwe Steuber in seinen „kühnsten Träumen nicht vorstellen können“. Der Vorsitzende des Sportkreises Waldeck-Frankenberg erlebte im Urlaub in Cuxhaven, wie das öffentliche Leben Stück für Stück eingestellt wurde – und brach den Urlaub schließlich ab.

Mit Steuber sprachen wir über den sportlichen Stillstand und die sozialen Folgen – gerade für Kinder und Jugendliche. Er sagt aber auch: Zu den Maßnahmen gibt es keine Alternativen.

Der Sportkreis Waldeck-Frankenberg hat 68 709 Mitglieder, organisiert in 323 Vereinen. Und plötzlich steht alles still. Das war bis vor Kurzem undenkbar, oder?

Ja, das ist so. Und wenn das wie ich befürchte, mehrere Wochen dauert, dann ist das sehr nachteilig. Bewegung und Sport gehören zum gesellschaftlichen Leben dazu. Das bricht wie so vieles gerade komplett weg.

Haben Sie Angst vor den Folgen, die dieser sportliche Stillstand hat?

Ich habe große Bedenken, dass die Kinder und Jugendlichen, die sich austoben müssen, ihre Kraft woanders loswerden müssen. Unabhängig davon, dass der Stillstand für alle Sportler gesundheitliche Nachteile mit sich bringt, fehlt auch der kommunikative Austausch. Für viele, gerade Ältere, ist der Sport eine wesentliche Möglichkeit zur Kommunikation.

Aber: Vom Eltern-Kind-Turnen bis zur A-Jugendmannschaft ist doch gerade der Kinder- und Jugendsport betroffen. 16 044 Kinder und Jugendliche sind Mitglieder in den Vereinen ...

Ja, das ist eine sehr große Bandbreite. Damit bricht auch ein großes Betätigungsfeld weg, das Jugendliche brauchen, um zum Beispiel in der Pubertät ihre Aggressionen loszuwerden. Nicht umsonst sind bei uns im Sportkreis Kampfsportarten gut nachgefragt. 

Selbst der gute alte Straßenfußball droht ja nicht mehr möglich zu sein, wenn es zu einer Ausgangssperre kommt. Und es haben nicht alle Familien einen eigenen Garten, wo man sich ein wenig bewegen kann.

Steuber: "Jetzt merkt man erst, wie wichtig das oft totgesagte Vereinsleben ist"

Der Sport erfüllt auch wichtige Aufgaben in Sachen Integration und Sozialarbeit. Auch das entfällt wochenlang...

Ja. Und das betrifft viele Bereiche des Sports. Beispielsweise fragen viele Eltern mit Migrationshintergrund händeringend nach, wo ihr Kind Fußball spielen kann. Für viele ist das ja der einzige Ort neben der Schule, wo sie Deutsch sprechen und lernen. 

Man wird in dieser Situation deutlich merken, wie groß die Bedeutung des Sports in unserer Gesellschaft ist – und wie wichtig das immer wieder schnell totgesagte Vereinsleben ist.

Es geht nicht nur um Familien mit Migrationshintergrund: Für viele Kinder und Jugendliche aus problematischen Verhältnissen ist der Sport einer der wenigen zuverlässigen Anker in ihrem Leben. Wie soll so was nun aufgefangen werden?

Das ist eine gute Frage. Da mache ich mir auch Sorgen. Diesbezüglich werde ich mit dem Landessportbund nächste Woche Kontakt aufnehmen, ob es hier irgendwelche Ideen gibt. Die Sozialarbeiter werden das alleine nicht schaffen.

Werden die sozialen Folgen in der Gesellschaft gerade unterschätzt?

Unterschätzt weiß ich nicht. Sie müssen eher billigend in Kauf genommen werden, weil die Gesundheit eben deutlich höher einzuschätzen ist. Wir müssen da jetzt durch und uns dem unterordnen.

Gab es wirklich keine Alternative zu diesem Kahlschlag? Warum öffnet man nicht wenigstens Sportplätze, um wenigstens im Freien Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten zur organisierten Bewegung zu bieten?

Ich nehme die Meldungen aus Südtirol ernst, wo man deutlich gesagt hat: Wir haben das Ganze unterschätzt. Ich finde es richtig, dass man jetzt den Strich macht. Wir müssen jetzt die Vorgaben der Politik umsetzen.

Spricht da jetzt der ehemalige Bürgermeister?

Da spricht einfach der verantwortungsvolle Bürger, der außerdem in seinem Bekannten- und Familienkreis viele ältere Personen hat. Ich wage es mir nicht vorzustellen, was passiert, wenn sich da jemand infiziert, insbesondere auch im Hinblick auf die Folgen einer notwendigen Quarantäne. 

Sport hin und Sport her: Die Gesundheit dürfen wir nicht aufs Spiel setzen. Aber: Wir müssen jetzt die Zeit nutzen und schauen, Lösungen zu suchen, wo es möglich ist.

Was rät der Sportkreis seinen Vereinen in dieser Situation?

Bislang hat mich kein Verein angerufen, auch in der Geschäftsstelle war es bisher ruhig. Durch die kommenden Wochen müssen wir jetzt erst einmal einfach durch. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Vereine Gedanken machen, wie es weitergeht. Wir müssen versuchen, den Vereinen und Sportlern schnell wieder eine Perspektive zu geben. (tsp)

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