„Es ist gelebte Leidenschaft“

Interview mit dem Korbacher Rainer Schüttler über seine Zusammenarbeit mit Angelique Kerber

+
Er weiß, wie man den Ball treffen muss: Rainer Schüttler (hier ein Bild aus seiner aktiven Zeit) hat einiges vor mit seinem neuen Schützling.

Kassel. Der Korbacher Rainer Schüttler gehörte über viele Jahre zur engeren Weltspitze des Herrentennis. In der Weltrangliste stieg er 2004 bis auf Platz 5 auf - jetzt trainiert er Angelique Kerber.

Anfang November gab Wimbledonkönigin Angelique Kerber den 42-jährigen Nordhessen als ihren neuen Trainer bekannt. Erstmals spricht Schüttler über seinen Job bei der Sportlerin des Jahres 2018:

Wie überrascht sind Sie immer noch, Trainer von Angelique Kerber zu sein?

Rainer Schüttler: Vor ein paar Monaten war da noch gar kein Gedanke dran. Wir kannten uns zwar schon länger, sind aber nicht eng befreundet gewesen. Es lag also nicht zwingend auf der Hand, dass ich diese Aufgabe übernehmen könnte. Weihnachten, Silvester hatte ich eigentlich schon ganz anders verplant, nun bin ich eben in Perth, beim Hopman Cup.

Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Schüttler: Aljoscha Thron, der Manager von Angie und ein alter Bekannter von mir selbst, rief mich an und fragte, ob ich mir das vorstellen könnte. Das war schon erst mal ein verblüffender Moment, dieses Angebot. Aber so einfach war das Ganze nicht, denn ich hatte ja einen anderen Job, ich trainierte den Kanadier Vasek Pospisil. Es waren daher noch einige Gespräche nötig, um das für alle Beteiligten fair zu lösen.

Sie hatten auch ein längeres Gespräch mit Kerber, auf der Hochzeit von Manager Thron.

Schüttler: Das ist richtig. Aber wir haben uns dann noch mal in Ruhe zusammengesetzt. Ich war beeindruckt, wie Angie dabei ihre Ziele und Pläne vorgetragen hat. Ich merkte: Das passt. Ich muss auch sagen: Es ist etwas Besonderes, mit jemanden wie Angie zusammenzuarbeiten. Ich hätte keinen anderen Job so schnell angenommen.

Trotzdem zögerten Sie, das Angebot anzunehmen?

Schüttler: Ich konnte nicht gleich bedingungslos Ja sagen. Ich bin für ein ATP-Turnier in Genf mitverantwortlich, ich habe eine Familie, einen kleinen Sohn. Ohne Rückendeckung, zuallererst meiner Frau, wäre das nie gegangen.

Sie haben als Spieler gesagt: Ich gebe immer, absolut immer 100 Prozent. Ist der Trainer Schüttler ähnlich kompromisslos und konsequent?

Schüttler: Das ist mein Charakter. Ich muss die Dinge stets mit vollem Herzen und maximalem Einsatz machen. Und das bin ich einer Wimbledonsiegerin sowieso schuldig. Wir haben bislang hart gearbeitet, aber wir hatten auch viel Spaß.

Erleichtert es diesen Job, wenn man selbst eine Top-Ten-Karriere hinter sich hat und unabhängiger als andere ist?

Für ihren Ehrgeiz bekannt: Angelique Kerber möchte sich unter ihrem neuen Trainer spürbar weiterentwickeln.

Schüttler: Darüber haben wir geredet. Aber ich denke Unabhängigkeit eher von der anderen Seite her: Angie muss nicht auf mich Rücksicht nehmen, wenn sich das alles nicht so entwickelt, wie wir uns das vorstellen. Ich darf nicht im Weg stehen für sie. Denn sie muss die Jahre nutzen, die sie im Tennis noch hat.

Wie haben sie Kerber in den vergangenen Jahren gesehen?

Schüttler: Sie ist ein ähnlich zurückhaltender, ruhiger Typ wie ich selbst. Sie macht ihre Arbeit, sie drängt sich nicht ins Rampenlicht hinein.

Müssen sich Spieler und Trainer vom Typ her ähneln?

Schüttler: Das ist kein Muss. Aber ich finde, es erleichert die Sache. Wir stellten schnell fest, dass wir nicht nur unsere Rolle in diesem Beruf, unser Leben als Profi ähnlich sehen. Sondern, dass wir jetzt und hier auch übereinstimmen, wie Angies Spiel aussehen sollte, mit guter Kontrolle, aber auch mit der nötigen Aggressivität im richtigen Moment.

Wie muss man sich Kerber im Training vorstellen?

Schüttler: Als jemanden, der sich mit unbändiger Leidenschaft in die Arbeit stürzt. Und der wirklich keinen Ball verloren gibt. Das ist dann eben der Stoff, aus dem Champions gemacht sind.

Im Tennisgeschäft nimmt der Trainer eine komplexe Rolle ein. Er soll Autorität verkörpern, die große Linie vorgeben, Anweisungen erteilen – gleichzeitig ist er der Angestellte, in diesem Fall seiner Chefin?

Schüttler: Große Spielerinnen und Spieler denken gar nicht so. Sie stellen keinen Trainer ein, damit sie ihn herumkommandieren. Sie wollen die Qualitäten eines Coachs nutzen. Angie spielt die Musik, ich helfe ihr dabei, den richtigen Ton zu treffen.

Wie waren Ihre ersten Erfahrungen als Tennis-Lehrer?

Schüttler: Ich habe mich unheimlich wohl gefühlt. Es war für mich nur eine andere Rolle in einer Welt, die ich 20 Jahre als Spieler geliebt habe. Es ist keine Arbeit für mich, es ist gelebte Leidenschaft. Und ich kenne mich aus: Ich weiß, wie man den Ball treffen muss. Arbeit, das ist eher der Job, den ich als Turniermanager in Genf mache.

In der Pressemitteilung zu Ihrer Verpflichtung wurden Sie zitiert, sie freuten sich auf die Zusammenarbeit in „dieser spannenden Phase“ der Karriere von Kerber. Was meinten Sie damit?

Schüttler: Spannend wird es sein, stets die letzten paar Prozent an Leistung und innerer Überzeugungskraft herauszukitzeln. Um dann bei den großen Turnieren eine gewichtige Rolle zu spielen. Ich bin nicht dazu da, Angie das Tennisspielen beizubringen Aber mein Wunsch, mein Ziel, meine Hoffnung ist: Mit mir spielt sie noch ein Stückchen besser.

Woran bemessen Sie Ihren Erfolg bei Kerber?

Schüttler: Es wäre schön, wenn Angie das Gefühl hätte in diesem Zusammenspiel: Ich entwickele mich weiter, ich kann erfolgreich sein. Für mich gilt: Ich will mit mir im Reinen sein und sagen können, dass ich das Beste gegeben habe.

Gab es nach dem Ende Ihrer aktiven Karriere auch die Option, etwas ganz ohne Tennis und Sport zu machen?

Schüttler: Ich hatte auch mal andere Vorstellungen, etwa die Immobilienbranche. Aber Tennis ist eben das, worin ich mich am besten auskenne.

Von Jörg Allmeroth

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare