Olympia-"Silberjunge" Stephan Leyhe über Druck, Eindrücke und wie er von seinem Start erfuhr

"Der Trainer hat nur gesagt: Du springst“

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Fein herausgeputzt: Zu guter Letzt durfte auch Stephan Leyhe zur Medaillenzeremonie auf die Bühne. Hier fährt er im Teambus mit Richard Freitag (link) und Andi Wellinger Richtung Medal Plaza. 

Willingen. Er ist wieder daheim. Nach elfstündigem Flug aus Pyeongchang sind die deutschen Skispringer am Donnerstag in Frankfurt gelandet. Stephan Leyhe fuhr direkt in seine Wahlheimat im Schwarzwald - und fiel dort erschöpft aber glücklich ins Bett.

Bis Sonntag haben die Olympioniken frei, ab Montag startet die Vorbereitung auf den „Alltag“ – Weltcup am kommenden Wochenende in Lathi. Halbwegs ausgeschlafen hielt der 26-Jährige vom SC Willingen im Gespräch mit der Heimatzeitung Rückschau auf sein Abenteuer Olympia.

Wie war die erste Nacht zuhause in Breitnau?

Stephan Leyhe: Ich war froh, endlich wieder im eigenen Bett zu schlafen. Ich bin immer mal wieder aufgewacht, aber ich sollte in ein, zwei Tagen wieder im normalen Rhythmus sein.

Sie haben sich ja auch nur vier von den acht Stunden Zeitunterschied umgestellt.

Leyhe: Ja, weil die Springen immer erst um 21.30 Uhr koreanischer Zeit waren. Also sind wir erst um 12 Uhr mittags aufgestanden und sind zwischen 1 und 2 Uhr nachts ins Bett gegangen.

Haben Sie Ihre Silbermedaille zuhause unters Kopfkissen gelegt?

Leyhe: Nein (lacht). Ich habe sie aber noch ausgepackt, obwohl ich nur noch ins Bett wollte. Sie lag auf der Couch.

Wissen Sie schon, wo das gute Stück künftig hängt?

Leyhe: Nein, noch nicht. Da ich nicht mehr alleine wohne, muss ich das noch dekotechnisch mit meiner Freundin Jacqueline absprechen. Aber wir werden einen schönen Platz finden.

Sie haben sich mit Andreas Wellinger das Zimmer geteilt. Haben Sie dessen Medaillen auch mal in die Hand genommen, um zu spüren, wie sie sich anfühlen?

Leyhe: Ja, gleich am Abend, als wir zurück waren. Es sind sehr, sehr schöne Medaillen, aber ganz schön schwer.

Haben Sie dabei auch gedacht: Schade, mit Edelmetall für mich wird es auf dieser Reise nichts?

Leyhe: Ich war ein bisschen zwiegespalten. Normalerweise springen zwar die im Team, die zuvor auch im Einzel auf der Großschanze am Start waren. Aber bei uns war es die ganze Zeit so extrem knapp, deshalb hatte ich immer noch Hoffnung, vielleicht 25:75.

Wie war Ihre Stimmung ab dem Zeitpunkt, als Sie nicht für die Normalschanze nominiert worden sind und die Rolle eines besseren Olympia-Touristen drohte?

Leyhe: Es ging eigentlich. Ich habe alles normal weitergemacht, denn die Saison ist ja mit Olympia nicht beendet, sondern es geht noch vier Wochen weiter.

Und es kam glücklicherweise noch anders. Wie ist Ihre überraschende Nominierung durch Bundestrainer Werner Schuster abgelaufen?

Leyhe: Als nur ich beim dritten Training gesprungen bin, während die anderen vier im Olympischen Dorf geblieben waren, da habe ich gedacht: Okay, das Team ist jetzt durch.

Das heißt, Sie wussten vorher nicht, dass es für Sie quasi eine Qualifikation war?

Leyhe: Nein, gar nicht. Werner Schuster hat nur gesagt, mach ein lockeres Training, das ist eine coole Schanze und es sind gute Bedingungen. Und die Sprünge seien wichtig, denn bis zum nächsten Weltcup in Lahti wäre es doch eine lange Pause.

Und wann hat er es Ihnen gesagt?

Leyhe: Nach dem letzten Sprung kam er in den Container und hat nur gesagt: Du springst. Er musste dann auch gleich wieder los zur Trainersitzung, aber später hat er noch länger mit mir geredet und seine Entscheidung begründet. Hauptgrund war wohl meine Stabilität in allen Sprüngen. Natürlich war ich überrascht, aber noch mehr erleichtert.

Und dann angespannt, weil Ihnen plötzlich durch den Kopf gegangen ist, dass Ihre Leistungen bei der Weltmeisterschaft 2017 und zuletzt bei der Skiflug-WM nicht gereicht haben und das Team jeweils nur Vierter geworden ist?

Leyhe: Über das Skifliegen habe ich nicht nachgedacht, weil da waren die Sprünge okay, aber es hat einfach nicht gereicht. Die WM 2017 kam schon ein bisschen hoch, weil mir da der zweite Sprung einfach missglückt war. Aber da habe mir gesagt: Scheiße gelaufen, aber ich werde alles tun, um noch einmal in so eine Situation zu kommen – damit ich es dann besser machen kann.

Das ist gelungen. Wie groß war danach Ihre Erleichterung?

Leyhe: Sehr groß, schon als wir Bronze sicher hatten. Umso schöner war es, als es noch Silber wurde.

Wie groß war Ihr Mitgefühl mit Markus Eisenbichler?

Leyhe: Sehr groß. Ich weiß ja, wie es ist, wenn man zuschauen muss. Es ist schon doof, wenn nur vier die Medaille bekommen, obwohl der fünfte genauso gut und ganz wichtig für das Team ist. Die Fußballer müssen noch nicht mal auf dem Platz gestanden haben und bekommen auch eine umgehängt.

„Eise“ hat es sportlich genommen und mit Ihnen zusammen im Deutschen Haus gefeiert, da, wo alle Medaillengewinner gefeiert wurden.

Leyhe: Das war richtig schön. Selbst wenn man im Weltcup eine gute Platzierung hat oder mit dem Team aufs Podest springt, dann fährt man anschließend ins Hotel und das war’s. Im Deutschen Haus aber haben alle auf uns gewartet und sich mit uns gefreut, richtig cool.

Was hat Ihnen sonst noch besonders gefallen?

Leyhe: Das Leben im Olympischen Dorf. Zum Beispiel im Speisesaal mit einer 24-Stunden-Verpflegung saßen vielleicht 400 Leute, mit denen man beim Essen schnell und locker ins Gespräch kam. Da hatte man Kontakt auch zu den Sportarten, die man im Winter normalerweise nicht sieht. Wann läuft einem sonst schon eine Laura Dahlmeier einfach so über den Weg?

Hatten Sie auch Zeit für andere Dinge abseits des Sports?

Leyhe: Nein, wir haben nur ein paar andere Wettbewerbe besucht. Ich war beim Skispringen der Frauen und auch beim Biathlon. Die beiden Olympischen Dörfer lagen ja nur zehn Minuten auseinander. Dadurch gab es die Möglichkeit, andere Disziplinen zu sehen.

„Beim Essen unter 400 Leuten kommt man schnell ins Gespräch.“

Leyhe über das olympische Dorf

Sie haben gesagt, Sie wollen so viel wie möglich von Olympia aufsaugen. Ist Ihnen das gelungen?

Leyhe: Ich habe viele Eindrücke gesammelt von dem, was Olympia und das ganze Drumherum ausmacht. Aber alles Revue passieren lassen und richtig einordnen, dass klappt wohl erst nach der Saison, wenn ich die nötige Zeit und Ruhe habe. Nächste Woche ist ja schon wieder Weltcup in Finnland, es geht sofort weiter.

Wie fanden Sie allgemein die Stimmung? Oft verfolgten ja nur eine Handvoll Zuschauer die Wettkämpfe?

Leyhe: Es ging. Es war bei uns schon ein bisschen schade, dass sobald der letzte koreanische Springer unten war, das Stadion leerer geworden ist. Zum Glück haben uns unsere Eishockeyspieler angefeuert. Beim Teamspringen war es aber bis zum Schluss voll.

Worüber haben Sie am meisten geschmunzelt?

Leyhe: Die Koreaner haben ja keine große Ahnung vom Skispringen. Also haben Sie jeden gefeiert, der über die grüne Linie gesprungen ist, egal wo auf dem Hang sie hin projiziert war.

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