Wildunger Triathlon-Weltmeister peilt für 2019 nicht nur Ironman-Hawaii-Triple an

Patrick Lange will nichts dem Zufall überlassen

Beliebtes Fotomotiv: Patrick Lange (Mitte) erfüllt beim Besuch in Bad Wildungen seinen Fans jeden Wunsch. Foto: Schuldt Lernprozess nach erstem Hawaii-Sieg

Bad Wildungen – Patrick Lange ist wieder da. Der Weltmeister im Ironman-Triathlon steht an diesem kalten Dezembertag auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt Bad Wildungen.

Aber einen Eisenmann stellt man sich anders vor: Ein schmächtiger Oberkörper steckt in der grauen Jacke, die Beine unter der Jeans wirken eher dünn als muskulös und der 32-Jährige zählt mit 1,78 Meter Körperlänge auch nicht zu den Größten. Dennoch war Lange 2018 weltweit einer der größten Sportler.

Auch sein Gesicht, das unter der tief sitzenden blauen Wollmütze herausschaut, ist hager und schmal, aber die sehr lebhaft wirkenden Reh-Augen strahlen einen an und die Mundwinkel sind meist zu einem freundlichen Lächeln nach oben gebogen.

„Ich bin momentan auch sehr glücklich“, bestätigt Lange die Interpretation seiner Mimik. Dieser angenehme Gefühlszustand dürfte bei ihm inzwischen noch gestiegen sein, denn Lange wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er wenige Tage später zu Deutschlands Sportler des Jahres 2018 gewählt wird. Aber wunschlos glücklich ist er nicht. Lange verrät, dass auf seinem Zettel für Weihnachten immerhin noch ein Wunsch stand: ein Inbus-Schlüsselsatz fürs Fahrrad. Das klingt sehr bescheiden. Da ist zwar noch ein weiterer Wunsch, aber den kann sich der Triathlet wohl nur selbst erfüllen. „Das einzige, was man mir schenken kann, ist Zeit.“ Eine groteske Aussage, denn ausgerechnet eine Zeitangabe ist es, die ihn im neuen Jahr 2019 von diesem Wunsch noch weiter entfernen wird: 7 Stunden, 52 Minuten und 39 Sekunden. Dann blieb die Stoppuhr an jenem 13. Oktober 2018 stehen.

Damit hatte Lange nicht nur seinen Weltmeistertitel beim Ironman-Rennen auf Hawaii verteidigt, sondern dieser Wettkampf war geschichtsträchtig für die Sportart, weil Lange als erster Athlet die 3,4 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,1 Kilometer Laufen unter acht Stunden meisterte. Allerdings hat er seine herausragende sportliche Leistung direkt nach dem Zieleinlauf selbst wieder etwas geschmälert, weil er einen Großteil der Medienmeute durch seinen Heiratsantrag an seine Verlobte Julia vor laufenden Kameras auf die Boulevard- statt auf die Sportfährte lockte. Er möchte diesen Antrag zum Ja-Sagen in diesem Jahr einlösen, auch das wird ihn beruflich ablenken.

Wer Weltmeister werden will, muss auch weltmeisterlich trainieren, Langes Trainingsplan 2018 summierte sich in etwa so: 900 Kilometer Schwimmen, 16 000 Kilometer Rad fahren, 2700 Kilometer Laufen und rund 300 Stunden im Kraftraum geschwitzt. Dennoch geht Lange zuversichtlich ins neue Jahr, denn er hat nach seinem Hawaii-Sieg 2017 viel dazugelernt, was ein erfolgreicher Sportler tun muss, damit die vielen neuen Schulterklopfer und Nebenschauplätze einem nicht zum Verhängnis werden. Seine Erkenntnis klingt einfach: Nichts dem Zufall überlassen, alles genau planen und gut strukturieren. Und auch auf die Störfeuer der Konkurrenz, um den Weltmeister mit verbalen Attacken aus dem Tritt zu bringen, wie etwa der Vorwurf, Lange sei ein Windschattenfahrer, will Lange gewappnet sein.

Wenn Lange mal zur Ruhe kommt, muss er sich vielleicht selbst kneifen, um zu überprüfen, ob sein Raketenstart auf der Ironman-Distanz (Zwei Siege und einmal Dritter auf Hawaii) auch wirklich wahr ist. Vor drei Jahren stand der gelernte Physiotherapeut noch vor der Frage, entweder mit dem Leistungssport aufhören oder ihn erstmals als Vollprofi anzugehen. Sponsoren waren zu dieser Zeit rar gesät, aber einer seiner Geldgeber glaubte an den schon 29 Jahre alten Triathleten und schubste ihn quasi mit einem gut dotierten Dreijahresvertrag ins sportliche Rampenlicht der Eisenmänner. Lange war endlich da angekommen, wo er sich schon als Junge zugehörig gefühlt hatte – im Lager der Langatmigen. 

„Als Kind habe ich schon gemerkt, je länger die Distanzen sind und dauern, desto besser liegt es mir. Das war schon auf dem Fußballfeld so, wenn alle nicht mehr laufen konnten, ging es bei mir erst los und diese Erkenntnis ist tief in mir verankert gewesen.“ Doch er habe das Risiko gescheut, wollte nicht unvorbereitet in so ein „waghalsiges Event wie den Ironman“ gehen. Auch hier half der Zufall, denn er traf 2015 im Trainingslager auf der kanarischen Insel Lanzarote Faris Al-Sultan (40), ebenfalls Hawaii-Sieger (2005). Er wurde Langes Trainer. „Faris hat viel dazu beigetragen, dass ich meine volle Leistungsfähigkeit entfalten konnte.“ Dieses Lob geht Lange heute leicht über die Lippen, aber anfangs warf sein neuer Coach oft mit grenzwertigen Aussagen um sich.

Patrick werde nie Hawaii gewinnen, er habe kein Talent, um ein Großer im Triathlon zu werden, er sei ein schlechter Schwimmer und Radfahrer… Viele Athleten hätten diesen Coach vermutlich schnell wieder zum Teufel gejagt, aber Lange fühlte sich durch Al-Sultans Worte eher herausgefordert. Und er überraschte seinen Coach immer wieder positiv. 

Lange hat als Leichtgewicht tatsächlich keine guten körperlichen Voraussetzungen, um beim Radfahren schwere Wattzahlen zu treten, aber er besticht durch einen aerodynamischen Fahrstil und dass sich das Laufen zu solch einer starken Trumpfkarte entwickeln sollte, ahnten weder Coach noch Athlet. 

Heute klingt der Trainer so: Patrick ist kein guter Schwimmer und Radfahrer, aber auf den letzten 20 Kilometern beim Laufen ist keiner so gut wie er. Auch dafür hat Lange eine Erklärung und einen Namen parat: Wolfgang Schweim. Mit diesem Lauftechniktrainer arbeitet der gebürtige Bad Wildunger bereits seit zehn Jahren zusammen. „Er hat mir beigebracht, wie ein Ball zu laufen, zu rollen mit möglichst wenig Widerstand das spart Kraft und Energie“, sagt Lange. 

Die Schweim-Methode ist geheimnisumwoben, damit sie auch weiterhin ein Wettbewerbsvorteil bleibt. Auf seiner Internetseite gibt der Lauf-Guru zumindest kleine Details preis. Da fallen Sätze wie diese: „Beim Laufen müssen wir die Schwerkraft überwinden und unseren Schwerpunkt optimieren. 

Laufen in Vollendung wird zur Leichtkraft. Das beste Beispiel dafür ist Patrick Lange.“ Oder: Eine optimierte Laufhaltung beginne beim Kopf, gehe über die Schultern und die Arme zum Rumpf und ende erst am Schluss bei den Füßen. Es bringe daher nichts, die Füße allein zu betrachten. Schweims Lieblingszitat lautet: „Mach oben alles richtig, und der Rest ergibt sich von allein.“ 

Für die neue Saison peilt Lange natürlich das Hawaii-Triple an, aber auch eine andere Auszeichnung möchte er vergolden. Der Triathlet des Jahres 2018 heißt nicht etwa Patrick Lange, sondern Jan Frodeno, weil der Weltmeister in der vergangenen Saison eigentlich nur beim Hawaii-Rennen die Fachwelt überzeugt hat. Und jenen Experten will er es 2019 zeigen. (rsm)

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