Andreas Goldberger gewann 1995 bei Premiere der Skispringer

Der erste Willinger Weltcup-Sieger erinnert sich: „I wusst, dass die Schanze guat taugt“

+
Hat viele Erinnerungen an das erste Weltcup-Springen in Willingen: Andreas Goldberger (links), hier 1995 mit FIS-Renndirektor Walter Hofer. Er weiß noch, dass es seinerzeit im Hotel sehr schwer war, genügend Schlaf zu finden. 

Seit 25 Jahren ist das Willinger Skispringen ein Weltcup. Andi Goldberger, erster Gewinner, erinnert sich an 1995.

WillingenAndreas Goldberger ist immer noch nicht auf den Mund gefallen. Dem ehemaligen österreichischen Skispringer sprudeln während des Telefongesprächs die Worte genauso frohsinnig aus dem Mund, wie zu seinen besten Sportlerzeiten in den 90er Jahren. Er galt damals als eine Mischung aus Sportstar, Sonnyboy, aber auch Filou mit kessen Sprüchen. Und außerhalb des Schanzenturms geriet er bisweilen aus der Spur, ob als Partylöwe oder Kokain-Kokser.

Der Grund des Anrufs: Goldberger war 1995 der erste, der sich in Willingen Weltcup-Sieger nennen durfte. Zum Silber-Jubiläum sind Erinnerungen gefragt. Und Vorurteile kommen beim Fragesteller auf: Hoffentlich weiß Goldberger überhaupt noch etwas von seinem Sieg in Willingen. Der heute 47-Jährige wirkte schon damals etwas fahrig und leicht hyperaktiv, ein Fotoalbum im Kopf anzulegen ist sicher eher nicht sein Ding.

Goldberger mit Fotoalbum im Kopf

Außerdem ging Goldberger während seiner sportlichen Laufbahn auf vielen großen Straßen, Olympia, Weltmeisterschaften und dreifacher Gesamtweltcupsieger, warum sollte er sich ausgerechnet den Aufenthalt in der Seitenstraße „Weltcup in Willingen 1995“ gemerkt haben?

Doch Goldberger schafft es immer noch, seine Kritiker positiv zu überraschen. Dieser Mann legt nicht nur Fotoalben im Kopf an, sondern scheint ein fotografisches Gedächtnis zu haben und kann unglaublich gut zuhören. Als das Stichwort „Willingen 1995“ fällt, kommt er schnell verbal in Fahrt in seinem teils schwer zu verstehenden oberösterreichischen Dialekt, den er aus Waldzell mitbringt, wo er auf dem elterlichen Bauernhof aufwachsen ist.

„Des woar cool, denn i woar 1991 schon oamal im Europacup in Willingen und hob durt a gwonnen, deshalb wusst i schon, dass die Schanze wahnsinnig guat taugt.“

2019 machte Andi Goldberger (links) in Willingen mit Kombinierer Mario Stecher Werbung für die WM in Seefeld. 2020 wird er fehlen im Upland.

Er weiß auch noch, dass der gesamte Weltcup-Tross damals nach der Vierschanzentournee mit einem Charterflugzeug direkt von Bischofshofen nach Paderborn geflogen und von dort mit einem Fahrzeug-Konvoi nach Willingen gebracht wurde.

„I woar super in Form, hatte die Vierschanzentournee vor dem Kaaazuyoooshi Funaki gwonnen und dann in Willingen ist es a gleich wieder voll gut gangen und i hab den Wettkampf au wieder vor dem Funaki gwonnen. Es woar eine Riesenstimmung durt, viele Leut’, Rambazamba, Halligalli. Und dann hat’s die Siegerehrung gegeben, i glaub’, in einer großen Halle mit einer Riesenabschlussfete.“

Halligalli unter dir, neben dir, hinter dir, "über dir"

Den Athleten habe es in Willingen immer gut gefallen, weil dort für sie ein Riesenaufwand betrieben werde, betont Goldberger, der heute als Experte des österreichischen Fernsehens die Springen verfolgt.

Der zweifache Familienvater erinnert sich sogar noch daran, dass in Willingen eine im Weltcup besondere Mentalität bei den Zuschauern zu beobachten sei. „Manche standen von 7 Uhr in der früh bis nach dem Wettkampf an der Schanze, aus dem Ruhrgebiet kamen viele Fans, das waren meist so Stammtischausflügler.“

Nach 25 Jahren wissen nun auch die Österreicher, dass sie sich ihre Unterkunft in Willingen sorgsam aussuchen sollten. Goldberger und Co. hatten das 1995 versäumt. „Unsere Zimmer waren mittendrin im Hotel Sauerland Stern. Du lagst im Bett und da war Halligalli unter dir, neben dir, hinter dir, über dir. Und wir dachten, wir schlafen mitten in einem Partyzelt.“

Dann haben die Fans den Sportlern den Schlaf geraubt? „Ja, aber für mi hat’s ja gereicht, i hab doch noch genug Schlaf erwischt.“

Prämien wurden in bar ausgezahlt

Bei der Frage, ob er noch wisse, wie weit er damals in Willingen gesprungen sei, scheint dem zweifachen Weltmeister, der aber nie Olympiasieger geworden ist, sein Erinnerungsvermögen doch im Stich zu lassen. „Nein, dass weiß ich nicht mehr, auf jeden Fall war es deutlich kürzer als es heute möglich ist, die Schanze haben sie ja kurze Zeit später komplett umgebaut.“

Doch dieser Satz bringt sein Gedächtnis in Schwung: „Ich glaube, es waren um die 125 Meter und Kazuyoshi Funaki ist im Training Schanzenrekord gesprungen.“ Damit liegt er goldrichtig. Ihm reichten damals Sprünge auf 125 und 126,5 Meter zum Sieg. Der Österreicher weiß auch noch, dass ihm die Siegprämie von 10 000 Mark damals bar ausgezahlt wurde. 

Dann muss der 47-Jährige los, er trainiert heute wieder mit den Kindern beim Talente-Cup, den er vor 13 Jahren gegründet hat. Er will bei den Kindern über Spiel und Spaß die Lust am Skispringen wecken. Es war zu lesen, dass Goldberger derzeit den Trainerschein macht. Kehrt er eines Tages als Nationaltrainer der Österreicher nach Willingen zurück? „Nein, auf keinen Fall, das mache ich nur, um auf dem neuesten Stand zu bleiben.“

Kommt er denn zum Jubiläums-Weltcup an die Mühlenkopfschanze? Wie aus der Pistole geschossen ist ein lautes und langgezogenes „Naaaa, leieider niiiiiiit“ die Antwort, aus der herauszuhören ist, dass der Österreicher eigentlich sehr gern in Willingen dabei wäre.

„Ich kann leider nicht kommen, denn genau an diesem Wochenende ist das Damen-Weltcup-Springen in Hinzenbach in Oberösterreich, das ist fast bei mir Zuhause und da erwarten die Leute von mir, dass ich da bin.“ Und der Lausbub, der immer noch in Goldberger steckt, fügt schelmisch hinzu: „Ich komme dann zum 26-jährigen Jubiläum nach Willingen." (rsm)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare