Schiedsrichter-Schwestern im Volleyball

Aufstieg von Arolsen aus: Jennifer Hesse und Sarah Kegel pfeifen in der Bundesliga

 Jennifer Hesse im blauen Trikot und mit Pfeife im Mund
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Erkennbar im Dienst: Jennifer Hesse pfeift beim Bundesliga-Splel in Düren im Dezember 2020.

Der Leistungssport ist voll von Geschwisterpaaren. Die Schwestern Jennifer Hesse und Sarah Kegel aus Mengeringhausen sind eins davon: Sie pfeifen im Volleyball bis zur höchsten Liga.

Mengeringhausen – Sie fahren hunderte Kilometer, stehen durchschnittlich anderthalb Stunden hochkonzentriert am Netz, treffen in Augenblicken knifflige Entscheidungen – und dabei wollen sie vor allem eins: nicht weiter auffallen. „Wenn man nicht wahrgenommen wird, hat man das gut gemacht“, sagt Jennifer (37), die ältere der zwei Schwestern der Mengeringhäuser Familie Kotz. Sarah, mit 34 die jüngere, nennt als höchstes Lob von Spielern und Trainern: „Ihr wart ein tolles Team, man hat euch nicht bemerkt.“

Unsichtbar sein als Ideal – das kennen viele Unparteiische. Die zwei Volleyballerinnen, die vom VfL Arolsen aus zu Referees des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) aufgestiegen sind, haben es verinnerlicht. Ansonsten sind sie sehr verschieden. Jennifer ist früher gestartet und weiter vorangekommen als Sarah, die im DVV-Amt ohne das Vorbild ihrer Schwester nicht denkbar ist. Doch der Reihe nach.

Die Ältere

Jennifer Hesse lebt mit zwei Kindern, ihrem Mann Jonas und dessen Nachnamen in Oberursel. Schon mit 15 Jahren leitete sie Spiele in der Regionalliga, auch als Aktive ihre höchste Klasse mit der TG Wehlheiden, für die sie nach der Jugend in Arolsen und drei Spielzeiten beim Oberligisten SSC Vellmar II sieben Jahren lang blockte und schmetterte. Im VfL legte Jennifer die Grundlage für beide Laufbahnen. „Wer spielen möchte, muss auch gleichzeitig Schiedsrichter sein“, erzählt sie. Der Verband stellt in den unteren Ligen keine Unparteiischen ab, die Vereine bringen eigene zu den Dreier-Spieltagen mit.

Bei ihrem Schiri-Debüt in der Regionalliga assistierte sie dem ehemaligen VfL-Spartenleiter Wolfgang Schmidt. Er und seine Frau Ulrike pfiffen lange Jahre in der Bundesliga. Er hatte sie als ihr Lehrer am Arolser Rauch-Gymnasium zum Volleyball geholt und durch ihn bekam sie Lust aufs Pfeifen –auch weil er sie früh als Zuschauerin zu höherklassigen Partien mitnahm: „Ich habe Einblicke in ein viel, viel schnelleres Spiel bekommen.“ Als Spielerin profitierte sie davon auch.

Erfahrung von mehr als 280 Bundesliga-Spielen

Einmal angefixt, forcierte sie ihre Laufbahn: Lehrgänge, Prüfungen, Scheine. Sie schaffte den Sprung in die 2. Liga, ihr Debüt 2003 war ungeplant: Bei einer Zweitliga-Partie der Vellmarer „Ersten“ sprang sie ein, weil der angesetzte Schiedsrichter nicht kam. Als erster Schiedsrichter fungierte übrigens Fredy Zech, ein halbes Jahr später ihr Trainer in Wehlheiden.

Um nach oben zu kommen, reichen Scheine nicht aus. Beobachter müssen ihr Okay geben, Jennifer wurde etwa bei einem Bundesjugendpokal und einer Regionalliga-Partie bewertet. „Da wurde geguckt, ob ich dazu fähig bin, tatsächlich Bundesligaspiele leiten zu können.“ Das Resultat: Mittlerweile hat die 37-Jährige, die nach ihrem Umzug ins Rhein-Main-Gebiet für die HTG Bad Homburg bis zur Oberliga aufschlug, etwa 280 Mal bei Spielen der 1. und 2. Liga (Männer wie Frauen) „geschiedst“-

In der Corona-Saison pfiff sie bei 24 Partien, zuletzt im Playoff-Finale der Frauen Stuttgart gegen Dresden. „Der Wahnsinn“ , sagt sie über das Fünf-Satz-Duell. Einen Spitzenplatz im persönlichen Ranking der Saison nehmen zudem das Frauen-Pokalfinale in der gähnend leeren SAP-Arena in Mannheim und ein Playoff.-Halbfinale der Männer in Düren ein.

„Ich betrachte das alles als ein Miteinander.“

Mittlerweile entschiedet sie auch in Spielen des europäischen Verband CEV, sie hat den Kandidaten-Status für die I-Lizenz und gab ihr internationales Debüt bei der U-19-EM im vergangenen September in Brünn. Jennifer hat das Glück, dass ihr Arbeitgeber (eine Firma für Filtertechnik) um ihren besonderen Zusatzjob weiß und vor allem: dass ihr Mann sie zu hundert Prozent unterstützt. „Ohne ihn würde es nicht gehen.“

Im Dezember etwa, als sie für vier Tage beim Challenge- und CEV-Cup auf Gran Canaria eingesetzt war. „Das war für mich in dieser Saison das absolute Highlight. Normalerweise pfeift ein Kandidat noch keinen CEV-Cup. Ich durfte dann aber, weil einer der Kollegen leider positiv getestet war.“ Es hat sich gelohnt, sie leitete im Viertelfinale der Männer zwischen Maaseik/Belgien und Las Palmas ein „unfassbar schnelles und sehr gutes Spiel“ mit. Das nächste Ziel wäre die Champions League. Für noch mehr müsste sie beim Weltverband gelistet sein. „Das ist sehr, sehr schwierig.“ Außerdem sei sie dafür schon zu alt.

Aktion im VfL-Trikot: Jennifer Kotz im November 2001.

Wieso will sie das überhaupt, Unparteiische sein im Spitzensport? Jennifer Hesse formuliert eine Antwort, die zugleich den Anspruch an sich selbst definiert: „Ich möchte gern den Spielern ein guter Schiedsrichter sein.“ Was macht das Gutsein aus? Dass sie Entscheidungen treffe, mit denen alle einverstanden seien. Und: „Ich glaube, das nennt man Fingerspitzengefühl, im richtigen Moment die richtige Entscheidung treffen zu können.“ Dabei sehe sie sich als nahbar, man kann mit ihr reden: „Ich betrachte das alles als ein Miteinander.“

Die Jüngere

Geschwister können vieles für einander sein. Bei den Schwestern aus der sportlichen Familie Kotz (Vater Fußballer, Mutter erfolgreiche Distanzreiterin) war die ältere der jüngeren die Wegbereiterin. „Als Schiedsrichter darf man eine Begleitperson mit in die Halle nehmen. Ich habe mir Bundesliga-Spiele angeguckt und meiner Schwester bei der Arbeit zugeschaut. Dadurch bin ich reingerutscht“, erzählt Sarah Kegel, die ebenfalls den Nachnamen ihres Mannes trägt. Sie stieg tiefer in die Materie ein und wusste rasch: „Es wäre cool, das selbst zu machen.“

Lächeln für den Fotografen: Sarah Kegel über dem Netz beim Bundespokal 2017 in Wiesbaden.

Auch Sarah lernte das Spiel in Arolsen, erwarb den Jugendschein, dann aus eigenem Antrieb weitere Lizenzen, war in der Landesliga, ihre höchste Klasse als Spielerin, einzige VfLerin, die pfeifen durfte, und bestand 2014 die Prüfungen zur B-Lizenz. Sie hielt nicht gleich die Eintrittskarte zur Bundesliga. „Wenn man den Schein macht und es kennt einen keiner, dann kommt man nicht weiter.“ Mithilfe der guten Kontakte der Schwester im Landesverband sei der Schiedsrichterwart des HVV auf sie aufmerksam geworden. Sie hat überzeugt.

2017 stand Sarah erstmals in der Bundesliga als eine von zwei Linienrichterinnen in Wiesbaden am Feld, die Schwester als zweite Schiedsrichterin an der Seite. „Ich war sehr nervös, das bin auch heute noch in den ersten Spielen, wenn die Saison beginnt.“ Aber es sei eine positive Aufregung, sie freue sich stets „tierisch“ auf den Start.

Der Spaß am „Schiedsen“ ist der Hauptfaktor

Nummer zwei im Schiedsgericht war sie erstmals im September 2018 in der 2. Liga Nord Frauen: SF Aligse gegen Blau-Weiß Dingden. Nie gehört? Die Referee-Laufbahn wird eben auch durch geografische Kenntnisse bereichert. „Sie glauben nicht, wo ich schon überall war, was ich noch nie gehört hatte“, sagt Sarah. Zehn Bundesliga-Spiele hat sie vergangene Saison gepfiffen. Die Familie limitiert die Einsätze: Ihr Mann ist als Soldat oft fern vom Wohnort Mengeringhausen unterwegs, Sarah betreut die Tochter (2) und arbeitet als Arzthelferin. „Da kann ich nicht immer pfeifen fahren.“

Den höheren Dienst an der Pfeife will Sarah solange versehen wie es geht. Ihr Appetit wuchs, wenn man so will, beim Essen. „Ich mache das nicht des Geldes wegen oder weil ich so eine treue Seele bin, sondern für mich ist es das, was mir Spaß macht am Wochenende.“

Das Spiel

Erster Schiedsrichter (steht auf dem Stuhl), zweiter Schiedsrichter (steht am Netz), zwei oder vier Linienrichter, Schreiber: So stellt sich das Schiedsgericht in der Bundesliga auf. Die Eins (entscheidet letztgültig) gibt den Aufschlag frei, verwarnt, straft, signalisiert Fehler (immer mit Pfiff und Handzeichen), etwa wenn der Ball durch die Finger rollt. „Das ist der schwierigste Punkt, weil er sehr subjektiv ist“, sagt Jennifer Hesse. Heikel ist es oft zu entscheiden, ob der Block den Ball berührt hat oder nicht.

Die Zwei kümmert sich mit um das Formale, überwacht etwa die Wechsel. Sie pfeift Rotations- und Positionsfehler, unerlaubte Berührung von Netz und Antenne, Übertreten der Trennlinie. „Man hat tatsächlich das Auge immer am Netz“, sagt Sarah Kegel. Beide Schwestern machen die Erfahrung, dass sie so konzentriert beim Schiedsen sind, dass sie die Brillanz eines Spiels oft gar nicht recht mitbekommen. „Da ist eine lange Spielsequenz und alle sagen, boah, war das geil. Man selber denkt sich, ich habe nur gesehen, ob einer am Netz war oder nicht“, so Sarah. Deshalb schauen sie sich oft am PC die Aufzeichnung der geleiteten Partie an. Und sehen eigene Fehler, was sie für sich nutzen „Sich selbst zu reflektieren, finde ich total wichtig.“, sagt Sarah.

Am Ball: Sarah Kotz bei einem Spiel des VfL im Januar 2014.

Hin und her geht es nicht nur mit Ball. Die Unparteiischen sind auch mit Provokationen oder Beleidigungen der Akteure untereinander konfrontiert. „Das Netz ist zwar gefühlt eine Barriere zwischen den Mannschaften, aber da passiert verbal sehr viel, über Gestik und Mimik ebenfalls“, sagt Jennifer. Manches Wort gehe unter die Gürtellinie. Der Strafenkatalog geht bis zum Ausschluss,

„Sich selbst zu reflektieren, finde ich total wichtig.“

Natürlich haben Referees auch schlechte Tage. Sarah fällt sofort einer ein. Eine Partie, in der sie keine Linie fand. „Das merken die Mannschaften schnell und fangen an zu diskutieren.“ Dazu kam: Sie und der Kollege waren nicht eingespielt (es gibt im Volleyball keine festen Gespanne); sie habe gefroren, weil die Halle wegen Corona regelmäßig gelüftet wurde; und das Spiel zog sich. „Wie das dann halt immer so ist.“ Sarah nahm es sportlich: „Man sagt dann: Heute war scheiße, haken wir es ab.“

Jennifer erzählt von einer hitzigen Zweitliga-Partie der Männer. Sie habe die Emotionen nicht korrekt eingefangen und Fehlverhalten nicht sanktioniert. Der Beobachter attestierte ihr danach zwar ein Pokerface: „Von außen sah es aus, als hätte ich das Spiel jederzeit unter Kontrolle gehabt.“ Beide wussten es besser. „Für mich war danach eigentlich klar: Ich werde nie wieder ein Bundesliga-Spiel pfeifen.“ Kam dann anders, doch diese Partie habe für sie „sehr viel Aufarbeitung gebraucht“.

Ein seht besonders Datum für beide war der 6. März dieses Jahres: 2. Liga, TV Waldgirmes gegen TV Altdorf, Jennifer als erste, Sarah als zweite Schiedsrichterin. Die Premiere. Die ältere erzählt davon in herzlichen Worten, die jüngere mit Details, die viel über ihr Verhältnis aussagen. „Das hat der Einsatzleiter extra so geplant, er weiß: Wenn ich meiner Schwester gegenüberstehe, beruhigt es mich, weil ich sie blind lesen kann.“

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