Ehemaliger Skilanglauf-Bundestrainer über die Nachwehen von Sotschi und die Zukunft des Stützpunkts

Jochen Behle: Es muss schnell etwas passieren

+
Skeptisch, aber durchaus auch zuversichtlich: Jochen Behle, Sportdirektor am Bundesstützpunkt Willingen/Winterberg.

Willingen - Schon 1976 war er in Innsbruck im Jugendlager, danach bei neun Olym- pischen Winterspielen als Aktiver oder Trainer dabei. Das Treiben in Sotschi verfolgte Jochen Behle aus der Ferne. Das hindert ihn nicht daran eine eigene Meinung zum mageren sportlichen Abschneiden oder den Dopingfällen zu haben - und auch kundzutun.

Nach seinem Karriereende wirkte Behle ab 2002 zehn Jahre erfolgreich als Skilanglauf-Bundestrainer. Seit Juli 2012 ist er zurück an der Basis, als Sportdirektor des länderübergreifenden Bundesstützpunkts Willingen/Winterberg. Über seine Arbeit und mögliche Veränderungen in den Strukturen in Hinblick auf Pyeongchang 2018 äußert sich der 53-jährige Schwalefelder ebenfalls.

Welchen Eindruck haben Sie vom heimischen Sessel aus von Sotschi gewonnen?

Vom reinen Ablauf her ist all das, was vorher befürchtet worden ist, nicht eingetreten. Ich hatte zwischendurch auch Kontakt zu Sportlern und Trainern, die haben mir von einer perfekten Organisation berichtet.

Ist es Ihnen schwergefallen, dieses Mal nicht dabei zu sein?

Nein, ich hätte ja hinfahren können. Aber ich wäre vermutlich ständig zu den Ereignissen gefragt worden, weil ich speziell im Langlauf oder Biathlon viele Leute kenne. Ich habe auch meine eigene Meinung, aber es wäre nicht gut gewesen, die kundzutun, während jetzt andere in der Verantwortung stehen. Dazu war der zeitliche Abstand einfach zu gering, in vier Jahren ist das sicherlich schon etwas anderes.

Sie waren einer der wenigen, die im Vorfeld vor zu hohen Erwartungen gewarnt haben. Statt der in Vancouver erreichten 30 Medaillen gab es diesmal nur 19. Hatten Sie denn mit so wenigen gerechnet?

Für den Bereich Ski nordisch hatte ich acht prognostiziert, genau die sind es geworden. Insgesamt für den Deutschen Ski-Verband hatte ich 13 gezählt, aber da habe ich irrtüm-licherweise die Snowboarder mit eingerechnet; die haben ja einen eigenen Verband. So waren es letztlich nur elf, aber da lag ich trotzdem ganz gut.

Und insgesamt?

Da hatte ich mit 23 bis 25 kalkuliert. Aber Medaillen gab es nur im Rodeln, in den Disziplinen des DSV, von den Snowboardern und dazu einmal Bronze im Eiskunstlauf. Der Rest hat ja gar nichts geholt, das ist das Erschreckende.

Aber auch in „Ihrer“ Disziplin Skilanglauf lief es nicht rund.

Mir war schon vorher klar, dass es in der Masse nicht für ganz vorne reichen würde. Das war Olympia, da zählen nur die ersten drei Plätze, und da waren, im Gegensatz zu manchen Weltcups, die Topleute alle am Start. Es gehörte das nötige Glück dazu, dass es etwa mit dem Wachsen passt und die Konkurrenz Fehler macht. Das hat die deutsche Frauenstaffel mit Bronze konsequent ausgenutzt.

Und bei den Männern?

Tim Tscharnke und Hannes Dotzler haben die Medaille im Teamsprint sehr unglücklich verloren, die hätten sie sich verdient gehabt. Da haben sie endlich mal die jungen Leute ran-gelassen, denn das Festhalten an den Routiniers hat sich ja überhaupt nicht gelohnt.

So viele junge Leute drängen aber auch nicht nach. Das zeigen allein schon die mehr als überschaubaren Starterfelder bei deutschen Meisterschaften.

Das kann man laut sagen. Wenn schon zu meiner Zeit die Frage nach gutem Nachwuchs laut wurde, dann habe ich immer schon zwei Namen genannt: Tscharnke und Dotzler. Und in der Zukunft wird es richtig schwierig, weil da kommt wirklich nichts nach - auch weil Skilanglauf eine Fleißdisziplin ist, und die kommen allgemein nicht mehr so an, wie das früher der Fall war.

In der schwierigen Situation kann der Skilanglauf eine erneute Doping-Diskussion am wenigsten gebrauchen. Was denken Sie, wenn der in Sotschi erwischte Österreicher Johannes Dürr sagt, er hätte munter mit EPO gedopt, wäre 14 Mal kontrolliert worden, aber erst erwischt worden, als er die Dosis schon halbiert hatte?

Das war vorsätzlicher Betrug, damit können die Österreicher ihren Skilanglauf einstampfen, so etwas kann man sich nicht erlauben. Was ich aber nicht verstehen kann, dass der nicht vorher aufgeflogen ist. Denn wenn er getestet wurde, dann wird er auch auf EPO getestet.

Nehmen wir noch den Dopingvorwurf gegen Kristina Smigun, der Doppel-Olympiasiegerin von Turin dazu, Nach- tests ihrer Proben von 2006 haben mehr als einen Anfangsverdacht ergeben. Gibt es da jetzt eine Enthüllungswelle wie zuletzt im Radsport?

Das glaube ich nicht. Es gab immer schon Sportler aus Ländern, wo wir uns gefragt haben, ob deren Leistungen mit rechten Dingen zugehen. Dazu gehörte auch eine Kristina Smigun oder ihr lettischer Landsmann Andrus Veerpalu, der 2011 auch positiv getestet worden ist. Es kann durchaus sein, dass der ein oder andere aus der damaligen, verseuchteren Zeit, durch verbesserte Tests nachträglich noch auffliegen wird.

Der Dopingfall der Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle, die in Ihrer Zeit als Bundestrainer unter anderem zweifache Skilanglauf-Olympiasiegerin geworden ist, passt nicht in dieses Schema, oder?

Das war eine Dummheit. Da ist es schon bitter, dass sie zusammen mit Johannes Dürr, der vorsätzlich gedopt hat, in einem Atemzug genannt wird.

Aber Dummheit schützt vor Strafe nicht.

Jeder kennt die Schwierigkeiten mit den Nahrungsergänzungsmitteln, ich habe auch lange genug mit dem Thema zu tun gehabt. Jeder weiß, dass knapp 20 Prozent verunreinigt sind, auch weil das etwa in Fitnessstudios keine Rolle spielt bzw. da entsprechende Effekte erzielt werden sollen. Aber so etwas darf einer Sachenbacher-Stehle nicht passieren, die ist ja kein junges Mädchen mehr. In den zehn, zwölf Jahren, in denen ich sie trainiert habe, hat sie das hundert Mal von mir gehört, bitte keine Mittel nehmen, deren Herkunft nicht klar ist. Aber das passt zur ihr, sie ist einfach so naiv. Und das muss sie jetzt ausbaden.

Bleiben wir beim Biathlon und den deutschen Frauen als die großen Verlierer. Mit Nadine Horchler hätte es eine heimische Sportlerin gerne bes- ser gemacht, aber sie durfte nicht, angeblich sei sie mit 27 Jahren zu alt.

Damit haben sich die Trainer ein Eigentor geschossen. Man kann nicht sagen, sie ist zu alt, auf der anderen Seite wird mit Evi Sachenbacher-Stehle eine sechs Jahre ältere Athletin fast schon hofiert. Man hat immer an ihr festgehalten, obwohl sie etwa bei drei von vier Sprints im Weltcup so schlecht war, dass es nicht mehr für die Verfolgung gereicht hat. Und andere, wie Nadine, bekommen überhaupt nur eine Chance, um die Olympianorm zu schaffen.

Überrascht hat Sie das schwache Abschneiden der Biathletinnen also nicht?

Überhaupt nicht. Die Trainer haben immer versucht das Team so aufzustellen, wie sie es gerne haben wollten. Dabei haben sie etwa eine Franziska Preuß den ganzen Winter ohne Pause durchgezogen, und das mit 19 Jahren. Die jungen Leute sollten die Rennen zweieinhalb Monate in Bestform durchstehen, das muss mir mal einer erklären, wie das geht. Das konnte nicht gutgehen mit Hinblick auf Olympia, das war vorauszusehen.

Daraus gelernt haben Ricco Groß und Co. offenbar nicht, denn die nächsten Weltcups wollen sie wieder nur mit den Olympiastartern bestreiten.

Die Information habe ich auch gekriegt. Da werde ich mich mit den zuständigen Leuten in Verbindung setzen und nach der Begründung fragen, denn man kann nicht im Ernst sagen, dass eine Ausdauersportlerin mit 27 Jahren zu alt ist. Eine Andrea Henkel ist 36 Jahre, und es gibt viele andere Beispiele.

Vielleicht brauchen sie Nadine Horchler in Zukunft sogar.

Das denke ich auch. Evi Sachenbacher-Stehle wird erstmal gesperrt, Andrea Henkel hört auf und der Nachwuchs, der nachrücken soll, der ist noch gar nicht da. Deshalb kann ich so eine Entscheidung überhaupt nicht nachvollziehen. Nadine hat offenbar ein ganz schlech-tes Standing bei den Trainern. Aber es wird Zeit, dass nur die Leistung zählt, denn im IBU-Cup ist sie die Beste.

Nadine Horchler hat angekündigt bis Pyeongchang weitermachen zu wollen. Auch für Sie als Sportdirektor des Olympiastützpunkts Willingen/Winterberg heißt es nach Olympia ist vor Olympia. Auch an der Basis kann es offensichtlich nicht so weitergehen. Jedenfalls hat DOSB-Präsident Alfons Hörmann in einem Interview gesagt, dass aus den Möglichkeiten viel zu wenig gemacht werde. Willingen/Winterberg nannte er als schlechtes Beispiel - und er hat Sie namentlich in die Pflicht genommen: „Ich hoffe, dass es ihm bald gelingen wird, entsprechende Erfolge zu erzielen.“

Es ist völlig blauäugig zu fragen, das Ruhrgebiet ist so nah dran, warum kriegt ihr von da keine Talente? Da kann ich nur fragen, Alfons, warum hast du aus München keinen guten alpinen Rennläufer? Wer unser Schulsystem kennt, der weiß, dass das gar nicht möglich ist, wir bleiben auf unsere kleinen Regionen begrenzt. Und dann werden uns noch Steine in den Weg gelegt, dass zum Beispiel eine Nadine Horchler als drittbeste Deutsche im letztjährigen Weltcup anschließend keinen A-Kader-Status bekommt.

Schon länger im Gespräch ist eine Zusammenlegung des Stützpunkts mit Clausthal-Zellerfeld. In Willingen, als Hauptquartier mit Ihnen als Chef, soll der Schwerpunkt Skispringen und Skilanglauf liegen, Biathlon, ein wichtiges sportliches Standbein des Ski-Clubs, wandert nach Niedersachsen. So hat es NSV-Präsident Walter Lampe verkündet. Wie ist der Stand der Dinge?

Da ist überhaupt nichts dran. Ich weiß nicht, wie man so etwas erzählen kann. Natürlich führen wir Gespräche, was die Zukunft der Stützpunkte angeht. Aber wenn man von einer Konzentration redet, dann kann man nicht gleichzeitig von einer räumlichen Streckung der einzelnen Disziplinen reden. Natürlich vertritt jeder seine Interessen, keiner will etwas abgeben, und in Clausthal-Zellerfeld gibt es nur Biathlon.

Welche Vorstellungen haben Sie dabei?

Das können die Landesverbände nicht unter sich regeln, sondern der Deutsche Skiverband muss sagen, wie er es haben will. Aber wenn man einen großen Stützpunkt hat, dann kann es nicht sein, dass wegen der Entfernungen an drei Stellen Internate aufgebaut werden müssen. Ich würde Skilanglauf und Biathlon ohnehin immer zusammentun, das ist übrigens auch das, was der DSV will. Willingen und Winterberg sind da keine Entfernungen, die ergänzen sich, das sind auch gewachsene Strukturen. Und in Winterberg hängen mit Bob und Rodeln noch andere Sportarten dran. Das kommt den großen Stützpunkten wie Oberhof oder Ruhpolding, wo die Topleute an einem Ort betreut werden, am nächsten.

Die Zeit drängt, vier Jahre, in diesem olympischen Zyklus wird nun mal gedacht, sind schnell rum.

Die Anerkennung für uns als Bundesstützpunkt Nachwuchs läuft bis zum Herbst. Da muss also schnell etwas passieren. Allerdings müssen sich der Deutsche Bob- und Schlittenverband und der Deutsche Skiverband erst einmal selbst wieder neu aufstellen, sagen, wie sie die nächsten vier Jahre angehen wollen. Dann können wir weitersehen.

Mit dem Sport verknüpft ist auch der Erhalt des Prädikats „Eliteschule des Sports“, damit letztlich auch der Erhalt der Oberstufe an der Uplandschule. Das wichtigste der sechs Qualitätskriterien des DOSB, „sportliche und bildungsbezogene Erfolge“, wird nicht erfüllt. Deshalb steht die Sache auf der Kippe, läuft eine Bewährungsfrist. Wie groß ist Ihre Zuversicht, dass das Politisch-am-Leben-Erhalten künftig auch sportlich untermauert wird?

Ich gehe davon aus, dass wir das hier so erhalten können, wie es ist. Aber es muss eine andere Struktur her, es muss ein großer Stützpunkt geschaffen werden. Da bin ich in Gesprächen und auch zuversichtlich. Mehr will und kann ich dazu nicht sagen.

Sind Sie auch zuversichtlich, dass es 2018 einen Olympia-Teilnehmer aus Willingen geben wird?

Ob das ein Willinger wird, das weiß ich nicht, aber einer der hier am Stützpunkt ist, vielleicht. Ich denke da etwa an den Skispringer Paul Winter oder auch die Biathleten Tom Gombert und Sven Lohschmidt sowie Langläufer Max Böhler aus Schotten, die den D/C-Kader anstreben. Wir sehen schon die ersten Ansätze, doch in diesen Sportarten kann man nicht von heute auf morgen was erreichen. Spätestens in vier Jahren müssen aber einige Ergebnisse stehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare