Am Anfang steht eine Frage

Jochen Behle wird 60: Persönliche Erinnerungen an einen besonderen Typen

Jochen Behle verschmitzt als erfolgreicher Bundestrainer.
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Jochen Behle, verschmitzt als erfolgreicher Bundestrainer.

Am 17. Februar 1980 fahndete  ZDF-Kommentator Bruno Moravetz nach dem Skilangläufer Jochen Behle. Seine Frage „Wo ist Behle?“ machte den damals 19-Jährigen bekannt. Unser Autor war dabei und würdigt einen besonderen Typen.

Bruno Moravetz hat seine Erinnerungen an den denkwürdigen Tag im Februar 1980 sieben Jahre später erstmals zusammengefasst. Er schrieb das Vorwort für das 1987 im Wilhelm Bing Verlag erschienene kleine Langlauf-Buch „Wo ist Behle? – Langlauftipps des deutschen Meisters aus Willingen“ von WLZ-Redakteur Bernd Saure und mir.

Zwölf Millionen Zuschauer hingen an jenem Karnevals-Sonntag förmlich an den Lippen des beliebten Kommentators und fahndeten mit „Mora“ nach dem Schwalefelder Jochen Behle, der in Lake Placid seine ersten Olympischen Spiele bestritt, hatte die Zwischenzeiten des Rennens lange dominiert, war aber von den US-amerikanischen Regisseuren während der Übertragung nur einmal ganz kurz gezeigt worden.

„Wo ist Behle? Helfen Sie mir, ihn zu finden“, forderte der TV-Reporter sein Publikum immer wieder auf. Vergeblich. Erst am Ende wussten Moravetz und die Fans, dass der Deutsche Zwölfter geworden war. Eine Topplatzierung in einem historischen Rennen, das der Schwede Thomas Wassberg mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung auf den finnischen Riesen Juha Mieto gewann. Ein Jahr später beschloss der Internationale Skiverband FIS, die Hundertstelsekunde als Kriterium abzuschaffen. Es wurde nur noch in Zehntelsekunden gemessen und entschieden.

Als ich nach dem Rennen mit „Mora“ und seiner Assistentin Magdalena Müller aus dem Zielraum in Richtung Pressekonferenz unterwegs war, erzählte ich ihm, dass Wassberg erstmals einen neuen, superleichten Ski gelaufen war. Darüber hatte mich exklusiv Gerhard Thaller, Servicemann des schwedischen Siegers und des Upländers Behle, informiert. Meine Story über den sogenannten „Gas-Ski“ war beim Sport-Informations-Dienst sid, meinem Arbeitgeber, über den Ticker gelaufen und von allen Weltagenturen übernommen worden.

Über Nacht in aller Munde

Ich war stolz, „Mora“ stinksauer. „Ich war schlecht“, fand er und war weder von Magdalena Müller noch von mir aufzurichten. Doch schon am nächsten Morgen am Frühstückstisch empfing mich Morvaetz stolz. „Ich war doch gut“, strahlte er und berichtete von den Reaktionen aus der Heimat. Bei den Rosenmontagsumzügen in Mainz, Düsseldorf oder Köln stahl sein Wort dem offiziellen Zug-Motto die Show. „Wo ist Behle?“ war über Nacht in aller Munde.

Auch bei mir hatte mitten in der amerikanischen Nacht das Telefon geläutet und mich die Frage vom anderen Ende der Leitung endgültig aufgeweckt. „Im Gefängnis“, antwortete ich dem vermeintlich Unbekannten und knallte den Hörer wieder auf die Gabel. Postwendend klingelte es erneut, und meine Redaktion in Neuss wollte ihrerseits aufgeschreckt wissen, warum Behle hinter Schloss und Riegel sei.

„Das Olympische Dorf für alle Sportler in Lake Placid wird später als Gefängnis genutzt“, klärte ich die Kollegen auf, bevor es Fake News geben konnte und erfuhr selbst von dem unglaublichen Echo auf die Moravetz-Suche in Deutschland. „Deine Skigeschichte war Weltklasse, aber Mora hat ihr die Show gestohlen. Du kennst Behle doch gut und musst jetzt schnellstens eine Story über ihn, Moravetz und den Spruch schreiben.“ Gesagt, getan, schon in dieser Nacht war auch die Idee für das kleine Buch geboren, das eine Neuauflage verdient hätte.

Jochen Behle in dem Rennen, das ihn berühmt gemacht hat.

Denn die Behle-Story ging weiter. Bei fünf weiteren Olympischen Winterspielen, mehreren Weltmeisterschaften, Weltcups (mit einem Sieg in Canmore) und anderen Ereignissen berichtete ich über den deutschen Rekordmeister. Ich war nah dabei, als seine erste Frau Petra in Nagano Olympia-Gold mit der Biathlon-Staffel gewann, nachdem Jochen bei seiner sechsten Olympia-Teilnahme zum deutschen Fahnenträger berufen worden war. Eine große Ehre.

Als Langlauf-Bundestrainer erfolgreich

Als Langlauf-Bundestrainer führte der Schwalefelder anschließend die Angerers, Teichmanns etc. zu Olympia- und WM-Medaillen in Einzel und Staffel sowie zu Gesamtsiegen im Weltcup. Behle war und ist bekannter als manch anderer deutsche nordische Topathlet, der nach Medaillen gerechnet viel erfolgreicher gewesen ist. Aber der Schwalefelder war ein Typ. Er nahm nie ein Blatt vor den Mund und wusste sich immer gut zu verkaufen.

Kein Wunder, dass „Wo ist Behle?“ immer noch medienwirksam zu hören ist (und Marius Müller-Westernhagen sogar zu einem Song animiert hat). Für Eurosport kommentiert Jochen Behle inzwischen die Langlauf-Szene, im Bundesnachwuchsstützpunkt Willingen/Winterberg fahndet er nach Talenten wie seinem Schwalefelder Fast-Nachbarn Stephan Leyhe, der es als Springer in die Weltklasse geschafft hat. (be)

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