Einen atemberaubenden Tag unterwegs mit dem Organisationschef und Präsidenten des Ski-Clubs Wilingen

Jürgen Hensel: Adrenalin pur für den Weltcup - Bildergalerie

Flutlicht setzt Schanze und neuen Kampfrichterturm in Szene für den Weltcup. OK-Chef Jürgen Hensel darf strahlen.

Willingen - Schlafen? Diesen Luxus gönnt sich Jürgen Hensel am Weltcup-Wochenende kaum. Von Donnerstag bis Sonntag ist Adrenalin der Treibstoff für den Organisationschef in Willingen.

Für private Feste ist im engen Terminkalender von Jürgen Hensel zum Weltcup-Endspurt kein Platz. Am Mittwoch hatte der Präsident des Ski-Clubs Willingen seinen 53. Geburtstag. Wie das deutsche Springeridol Martin Schmitt übrigens, der in Willingen am Samstag jubelnd verabschiedet werden soll. Doch vorm internationalen Stelldichein der Skiadler ist an Geburtstagskuchen und Kerzenlicht für den hauptberuflichen Steuerfachmann Jürgen Hensel kaum zu denken: „Wenn du live um 16 Uhr auf Sendung gehst, dann muss das auf die Sekunde klappen - und keine zehn Minuten später.“

Weltcup mitten in der Nacht

Nach 19 Jahren Weltcup-Zirkus an der Mühlenkopfschanze haben sich die Willinger weltweit einen Ruf als Perfektionisten erarbeitet. Und daran will Hensel als Organisationschef nicht den leisesten Hauch eines Zweifels aufkommen lassen. So war die Nacht nach seinem Geburtstag schon um 3.15 Uhr wieder zu Ende. Kurz frühstücken, und los geht‘s gemeinsam mit Ehefrau Christine, Dirigentin im Club-Büro, an die Schanze - nur einen Katzensprung entfernt von Hensels Wohnhaus im Strycktal.

Als der OK-Chef mittags dort kurz die Kleidung wechselt, dann in Windeseile auf dem Balkon stolz die Fahne des Ski-Clubs Willingen hisst, „da ist ein normaler Arbeitstag eigentlich schon vorbei“, schmunzelt Jürgen Hensel. Aber was ist schon normal in diesem Weltcuptagen?

Gegen 9 Uhr trifft sich Hensel kurz zur Besprechung mit Schanzenchef Wolfgang Schlüter im Organisationsbüro neben dem Café Aufwind. Ticketservice, Akkreditierungen für Journalisten, Techniker, Fernsehleute - es scheint drumherum wie in einem Taubenschlag.

Perfektion auf Millimeter

Während Nordamerika unter arktischem Frost und lawinenartigen Schneefällen litt, war in Europa der Winter weitgehend ausgefallen. An den Weltcupschanzen begann also das große Zittern. Aber die Willinger warfen ihre ausgeklügelte Logistik an: 2500 Kubikmeter Schnee und Eis karrten schwere Lkw an - ob aus Skihallen, von der Schwarzwälder Schanze in Titisee-Neustadt oder aus der Fischhalle in Bremerhaven. Und dann eroberten Frost und Schnee doch noch das Upland.

So strahlen Jürgen Hensel und Wolfgang Schlüter eine unglaubliche äußerliche Ruhe aus. Am Tag vor der Eröffnung des Weltcup-Wochenendes ist die größte Großschanze der Welt bis auf den Millimeter perfekt präpariert. Da liegt sie nun eingebettet in einen glitzernden weißen Teppich, der sich übers Upland zieht - und unter tiefblauem Himmel das Herz vor Freude springen lässt. Ein Traum für Springer und Publikum.

Alles außer Südost

Wenn sich nur das Wetter einigermaßen hält, das ist stets die bange Frage an den Schanzen. „Wir können alles, nur keine Böen von Südosten“, bringt es Jürgen Hensel auf den Punkt. Aber danach sieht es für die beiden Einzelspringen am Samstag und Sonntag auch nicht aus, verheißt der stetige Blick von Jürgen Hensel auf die Wettervorhersage.

Gleichermaßen gilt das für die Zäune, die die Arena am Mühlenkopf unterteilen. VIP-Bereich, Tribünen, Zugänge für Sportler und Journalisten - Hensel guckt dem Aufbauteam genauestens auf die Finger und gibt Order für jeden Zentimeter.

Permanent bimmelt das Mobiltelefon, von Minute zu Minute wechseln die Gesprächpartner: Das Marketingteam der Agentur „Sportfive“ klärt die Bannerwerbung für die Sponsoren ab, Absprachen mal mit Lorenzo Pala von der TV-Agentur aus Mailand, mal mit den niederländischen Lieferanten der großen LED-Übertragungswände am Mühlenkopf. Und dazwischen immer wieder der Blick auf jeden Zaun - und natürlich das Wetter.

Ganz nebenbei ist Jürgen Hensel zu Fuß und mit der Kabinenbahn bis hinauf zur Spitze der mächtigen Schanze geeilt, hat die technischen Delegierten (TD) vom internationalen Skiverband FIS begrüßt, den top-modernen neuen Kampfrichterturm inspiziert- und ist dann Schritt für Schritt den atemberaubenden Abhang bis in den Auslauf der Schanze zurückgelaufen.

Geburtstagsgrüße

Auf dem Weg zwischen Sitztribüne und Festzelt kommt ihm plötzlich Rudi Tusch entgegen. Das Skisprung-Ass von einst steuert heute für den Deutschen Skiverband (DSV) die TV-Produktion. „Herzlichen Glückwunsch noch zum Geburtstag“ ruft Rudi Tusch und nimmt Jürgen Hensel in den Arm.

Ach ja, Geburtstag war ja auch noch. Als Hensel am Abend die ersten Vorspringer probeweise unter Flutlicht die Schanze heruntersegeln sieht, der Mühlenkopf in aller Stille seinen besonderen Zauber entfaltet, scheint das alles schon wieder Lichtjahre entfernt. Ein Moment der Muße, dann muss Hensel schon wieder los: Tägliche Schlussbesprechung mit dem Willinger Organisationsteam, damit die Fans ab heute wieder den Weltcup-Chor anstimmen können - „Ziiiiiiiieh“.

2733253

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare zu diesem Artikel