Zeit ohne Ziele in der Pandemie

Korbacher Taekwondo-Gruppe darf teilweise trainieren – Aber für was?

Korbacher Albert Heinrich (rechts) und Selim Ciplak
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Der sportliche Kick ist wichtig: Die beiden Korbacher Albert Heinrich (rechts) und Selim Ciplak stehen an der Spitze der hessischen Rangliste.

Gerd Lange will jetzt nichts Falsches sagen. Deshalb unterbricht der Trainer der Taekwondo-Leistungsgruppe des TSV Korbach ab und zu das Telefongespräch für Sekunden, schaut kurz in die aktuellste Corona-Regelliste der hessischen Landesregierung und zitiert daraus einige Passagen.

Korbach – „Das Ärgerliche daran ist ja, dass man es kaum noch überblickt, weil sich ständig etwas ändert“, moniert Lange. „Erst hieß es, nur die Bundeskadersportler dürfen weiter trainieren, seit dieser Woche wurde diese Erlaubnis dann auf die Landeskader ausgeweitet.“

Dies war allerdings für einige Taekwondos vom TSV Korbach eine wichtige Lockerungsübung seitens der Politik. Denn dadurch darf Lange und sein Trainerteam nun zumindest wieder drei Athleten betreuen.

Ein Trio vertritt die Farben des Korbacher Vereins im Landeskader: Korab Kabashi (Herren), Albert Heinrich (Jugend) und Selim Ciplak (Kadetten/B-Jugend). Alle drei stehen in der Hessen-Rangliste zwar ganz oben, aber auf dieser Liste standen auch schon mal mehr Korbacher Kämpfer. Etwa als die hessische Meisterschaft 2017 als Heimspiel ausgetragen wurde, war der TSV mit 15 Athleten und sechs Titeln noch der erfolgreichste Verein im Hessenland.

Korab Kabashi möchte zurück in den Bundeskader, aber wie, ohne Wettkampf.

Lange könnte nun Corona die Schuld für diesen personellen Rückgang geben. Das tut er aber nicht. „Wir haben vor allem 2018 viele Sportler verloren, weil sie ein Studium oder eine Berufsausbildung begonnen haben“, erzählt der Stützpunkttrainer. Er wisse auch nicht den Grund, warum Korab Kabashi aktuell nicht mehr im Bundeskader vertreten sei. Doch solche Wellentäler sind auch normal in einem Sportverein. Der Nachwuchs der Leistungsgruppe sei aber schon wieder gut besetzt, betont Lange.

„Es sind auch wieder einige Talentierte dabei, aber Wettkämpfer kann man sie noch nicht nennen, weil man ja noch nicht weiß, ob sie auch zum Wettkampf finden werden.“ Taekwondo kann man nämlich auch ohne jeglichen Zweikampf betreiben.

Corona habe allerdings diese Gruppe bereits ein wenig dezimiert, meint Lange. „Sie war vor der Pandemie etwas größer, nach der Pause sind einige von ihnen nicht zurückgekommen.“

Anteil der Mädchen erheblich gesunken

Auffällig ist auch, dass sich in der Leistungsgruppe viel weniger Mädchen und Frauen für diese Sportart entschieden haben. Lange weiß aber auch nicht, wie er wieder mehr das weibliche Geschlecht für den Kampfsport gewinnen kann. „Es gab Zeiten bei uns, das lag der Anteil der Geschlechter bei halb und halb.

Heute sind nur noch zwei Mädchen in der Leistungsgruppe, die auch noch zu verschiedenen Zeiten trainieren“ Im Anfängertraining seien aber schon wieder mehr Mädchen dabei, betont der Coach.

Er weiß, dass solch ein Einzelkämpferinnendasein schnell zur Aufgabe führen kann. „Allein unter den Jungen, ist meist schwer, schon ein Pärchen macht es den Mädchen einfacher.“ Unter einigen Talenten in der Anfängergruppe sticht Gamal Saadadeen (12) aus Syrien heraus.

Obwohl er weder die Graduierung für die Leistungsklasse 1, noch viel Wettkampferfahrung besitzt, haben die Trainer ihn zum Landessichtungslehrgang mitgenommen. „Wir haben diesen ungewöhnlichen Schritt gewagt, weil Gamal nicht nur mir, sondern auch den anderen Landeskadertrainern sofort aufgefallen ist.“

Ein sportliches Opfer der Lockdown-Phasen beklagt der Coach indirekt aber schon: „Selim Ciplak. ist nach dem ersten Lockdown nicht mehr so gut ins Training reingekommen“, erzählt Lange.

Wenn sich Sportler an so eine lange Pause gewöhnten und nicht mehr regelmäßig trainierten, dann könnten sie den Fokus darauf verlieren. „Selim hatte sich dann noch verletzt und danach gesagt, er möchte erst einmal keine Wettkämpfe mehr bestreiten.

Der Coach hofft, dass Selim weiter macht. 2020 hätte das Jahr von Selim werden können, es sei sein letztes B-Jugendjahr gewesen. Im Frühjahr hatte er gleich das erste Bundesranglistenturnier gewonnen und danach sei wegen Corona jeder Wettkampf abgesagt worden.

Motivationsdefizite nicht ausgeschlossen

Vertrauen ist wichtig im Sport. Auch wenn ein Großteil der Taekwondo-Gruppe derzeit nicht trainieren darf, hegt Lange keine Zweifel daran, dass seine Sportler die sportlichen Hausaufgeben auch erledigen. „Alle haben sich auch im ersten Lockdown zu Hause fitgehalten“, lobt der Coach. „Der eine mehr, der andere weniger.“ Dabei hilft auch die Hessische Taekwondo-Union, die ein Online-Training anbietet.

Einen Trainingsanreiz für seine Athleten sieht Lange auch in den elektronischen Westen, die die Sparte neu angeschafft hat. Die zieht jeder Sportler an und damit können Wirkungstreffer am Körper besser festgestellt werden. Doch die Coaches nehmen in ihrer Trainingsgestaltung auch Rücksicht auf die Pandemie. „Wir versuchen es so zu gestalten, dass nicht ständig Partnerübungen stattfinden.“ Auch wenn nicht Kader-Athleten derzeit nicht trainieren dürfen, wäre ein Einzeltraining möglich. „Das bringt aber nicht viel“, meint Lange.

Gerd Lange muss als Trainer nun auch auf Corona-Regeln achten

Kein Training, keine Wettkämpfe, keine Gurtprüfung. Das sind schon wichtige Ziele, auch im Leben eines Nicht-Kader-Kämpfers, die er derzeit nicht anpeilen kann. Lange befürchtet daher auch bei dem einen oder anderen ein Motivationsdefizit. „Man tritt auf der Stelle, kommt nicht weiter.“

Für Kinder und Jugendliche könne diese Zeit ohne Ziele im Teakwondo noch folgenreicher ausgehen als für Erwachsene. „Senioren können ihre Leistung besser konservieren, in einem Jahr wird sich kein durchschnittlicher Sportler zum Weltmeister entwickeln und umgekehrt auch nicht, aber im Jugendbereich gibt es verschiedene Wachstumsphasen.“

Wenn ein Wachstumschub in der Pause kommen sollte, dann könne es sein, dass der Sportler im Wettkampf Probleme bekomme, weil er mit den neuen körperlichen Abmessungen, kein Gefühl mehr für die Distanz zum Gegner habe. „Dann sammelt er im Wettkampf neue Erfahrungen.“ Aber niemand weiß derzeit wie lange er darauf noch warten muss. (rsm)

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