Wie siegt das Training in Corona-Zeiten aus?

Kraulen am Zugseil: Frust und Improvisation bei Bad Arolser Schwimmern

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Kraulschwimmen auf dem Rasen: Die Bad Arolserin Hannah Lea Schütt muss sich derzeit im Training wegen der Corona-Krise mit Trockenübungen zufrieden geben. 

Wie trainiert man in Corona-Zeiten? Während der Ballsportler mit der Kugel auch in den eigenen vier Wänden in Kontakt bleiben, der Leichtathlet Zuhause aufs Laufband und der Radfahrer auf den Heimtrainer gehen kann, verliert der Schwimmer sofort seinen Namen, wenn er auf dem Trockenen sitzt.

Bad Arolsen – Genau da hocken die Wassersportliebhaber des VfL Bad Arolsen derzeit. Schwimmer ohne Wasser. Alle Bäder bundesweit geschlossen. Und wer hat schon ein Schwimmbad im Keller. „Von unserer Gruppe kenne ich niemanden, der einen Pool zu Hause hat“, sagt Silke Schütt, Trainerin des VfL. Auch wenn einer aus der Mannschaft ein Heimschwimmbad hätte, dürfte er es wegen dem Gruppenverbot momentan mit keinem Teamkollegen teilen.

Kann ein Bad von nur zehn Meter Länge einem Schwimmer überhaupt dabei helfen, seine Leistung über diese trainings- und wettkampffreie Zeit hinweg halbwegs zu konservieren? Schütt würde diese Frage eher mit nein beantworten, denn nach drei bis vier Armzügen sei man schon auf der anderen Seite. „Allerdings wären Technikübungen in diesem kleinen Bad schon möglich, etwa mit Hilfe eines Wasserzugseils“, betont die Trainerin. Optimal wäre hingegen eine Gegenstromanlage, mit der könnte man dann beliebig lang auf der Stelle schwimmen.

„Die Situation bei uns ist derzeit in der Tat sehr frustrierend“, sagt Gudrun Hähnel, Abteilungsleiterin und Trainerin (B-Lizenz) der Leistungsgruppe der VfL-Schwimmabteilung.

Da auch in Seen wegen der niedrigen Wassertemperaturen derzeit kein Schwimmtraining möglich ist, bleibt den VfL-Athleten nur das Trockentraining.

Hähnel weist daraufhin, dass es auch im Sommer schwierig sei, Trainingseinheiten etwa im Twistesee zu absolvieren, wenn die Corona-Regeln noch gelten sollten. Der Deutsche Schwimmverband habe mitgeteilt, dass bis auf die Olympiateilnehmer alle deutschen Schwimmer derzeit im Trockenen trainieren müssten.

Die Technik geht nicht allzu sehr flöten

Der Trainings- und Technikverlust sei dadurch aber nicht so groß, wie man das zunächst vermute, betonen beide VfL-Trainerinnen. Man könne gute Ergebnisse mit Thera-Bändern und Seilzug erzielen und dabei Übungen wählen, die die Schulter und Armmuskulatur aufrechterhalten. Auch Übungen zur Rumpfstabilisierung seien sinnvoll.

„Natürlich entsteht auch ein Trainingsrückstand, aber wer hier intensiv arbeitet, der sollte diesen Rückstand auch relativ schnell wieder aufholen.“ Aber aufholen wofür? Die Frage wird sich so mancher Schwimmer stellen, denn alle Wettkämpfe sind bis auf weiteres abgesagt. Schade eigentlich, denn die Sportler hatten vermutlich noch nie so viel Zeit zum Trainieren wie jetzt.

Hähnel fügt hinzu, dass der Effekt des Trockentrainings für die Schwimmer in den Anfängergruppen nicht so sinnvoll sei, weil diese im Wasser meist nur einmal pro Woche trainierten. „Wir können nur hoffen, dass sie sich zu Hause einigermaßen fit halten.“

Silke Schütt hilft ihrer Tochter als Trainerin bei den Übungen.

Bei Hannah Lea Schütt sieht das anders aus. Die Tochter der Trainerin schwimmt in der Leistungsgruppe des VfL, war im vergangenen Jahr Hessenmeisterin über 50 Meter Brust der Juniorinnen. Die 19-Jährige studiert in Paderborn Philosophie und Englisch und hat sich auch dort auch einem Schwimmverein angeschlossen. Sie vermisst natürlich das Wasser, geht nun aber zwei bis dreimal in der Woche joggen, fährt Rad oder Trimmrad und auf ihrem Plan steht auch zwei bis drei mal pro Woche Cardio- und Krafttraining.

Dabei ahmt sie den Kraul-, Brust-, Delphinarmzug mit den Bändern oder Zugseilen nach. Auch die Beinbewegungen für die jeweilige Schwimmdisziplin können mit den Bändern trainiert werden. Wichtig sei dabei, nicht einseitig zu trainieren, Ausdauer- und Krafttraining sollten sich abwechseln.

Große Sehnsucht nach dem Wasser

Ein Trainingsgefühl wie im Becken kommt bei Hannah Lea Schütt bei den Trockenübungen im Garten aber nicht auf . „Als ich den Arm gebrochen hatte, konnte ich mehrere Wochen auch nicht trainieren, aber jetzt ist es viel schwieriger, auf das Schwimmen zu verzichten, weil ich könnte und nicht darf. Aber natürlich habe ich dafür Verständnis.“ 

Stehen auf dem Trocken-trainingsplan der Badestädter auch Atemübungen oder mentales Training? Atemübungen seien im „Trockenen“ schwer, meinen die Übungsleiterinnen. Und mentales Training könne jeder Schwimmer eigenverantwortlich je nach Bedarf machen. Hierzu gebe es auch im Internet Anregungen. „Für das Ausdauertraining reichen bei unseren Schwimmern Joggen und Fahrradfahren völlig aus“, betont Hähnel. 

Schwimmbewegungen sollten doch auch im Trockenen möglich sein, dem Laien fällt da der Turnkasten ein. Schütt muss lachen. „Ja, das würde zwar gehen, aber es fehlt dann trotzdem der Wasserwiderstand und daher wäre diese Übung nicht effektiv.“ Die Trainerinnen geben ihren Schwimmerinnen und Schwimmern auch Trainingstipps und Anregungen per Handy. Hier ist jeder für sich selbst verantwortlich. Kann ein Schwimmer in diesen wasserlosen Zeiten auch Trainingsfehler begehen? „In diesem kurzen Zeitraum eigentlich nicht. Wichtig ist, dass alle in Bewegung bleiben, egal wie. Die Leistungsgruppe vielleicht intensiver als die Anfänger. Das würde uns freuen.“ 

Angenommen, die Schwimmbadtüren bleiben bis zum Herbst verschlossen, was würde das für den Trainingsplan bedeuten? „Dann müssten wir auch das Wassertraining erst wieder langsam aufbauen. Es würde sicherlich einige Wochen dauern, bis wir den jetzigen Leistungsstand wieder erreichen werden“, meint Hähnel. 

Falls es Monate dauern sollte, bis der Wasserkontakt wieder hergestellt ist, haben die Trainerinnen keine Angst, dass einige ihrer Schwimmerinnen und Schwimmer nicht mehr zurückkehren? Bei dieser Frage kommt von beiden ein schnelles und deutliches nein. „Unsere Sportler lieben das Schwimmen und haben schon jetzt Sehnsucht nach dem Wasser. (rsm)

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