Nur noch rund 100 Teilnehmer beim Ettelsbergturnfest: Keine Frau am Start

Laufcup als Rettungsanker?

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Abgehoben. Die abschüssige Sprunggrube erlaubte große Weiten. Foto: Werner Spitzkopf

Willingen - Es gibt Bäume satt auf dem Ettelsberg, aber für Rainer Gottschlich gibt es dort nur einen Baum: „Seine“ Kiefer steht zwischen Laufbahn und Weitsprunggrube und sie erinnert den gebürtigen Lelbacher an das Turnfest auf dem Willinger Hausberg, bei dem schon lange nicht mehr geturnt, sondern nur noch gelaufen, gesprungen und gestoßen wird.

„Ich war in den Achtzigern mit der Mannschaft des TV Lelbach jedes Jahr hier oben“, erklärte der 44-Jährige. Die Kiefer sei für Gottschlich und seine Freunde stets Kletterbaum und Ruheplatz gewesen.

Heute sitzt seine Tochter Charlotte (7) auf den Ästen und lächelt von oben herab ihren Papa an. Sie wird nicht in Lelbach groß, sondern im oberbergischen Nümbrecht in der Nähe von Köln, aber Oma und Opa wohnen noch hier und eines Tages geschah es, dass Charlotte während eines Spaziergangs mit ihren Eltern auf dem Ettelsberg die Laufbahn und die Weitsprunggrube entdeckte. Ihr Vater erzählte ihr von dem Sportfest und weckte in seiner Tochter den Wunsch, da auch mal mitzumachen. Dieser Wunsch erfüllte sich am vergangenen Sonntag. „Sie ist heute auch sehr motiviert hier hochgekommen und wollte unbedingt dabei sein“, erzählt der Vater, früher Fußballer im Trikot des TSV Korbach.

Das Laufen fand sie besser als das Weitspringen, gab Charlotte nach ihrem Wettkampf zu, aber es wurde auch deutlich, dass die Leichtathletik wohl nicht ihre Lieblingssportart werden wird. Ballett und Einradfahren sind derzeit ihre Favoriten. Aber die Kiefer hat es ihr genauso angetan wie damals ihrem Papa, denn Charlotte ist an diesem Tag oft auf dem Baum zu sehen.

Schaut man sich dieses knorrige Holzgewächs einmal genauer an, kann der Beobachter Parallelen zum Ettelsbergturnfest ziehen: Die Kiefer hat nur noch in der oberen Spitze grüne Nadeln, unten herum trägt sie viel Totholz. Allerdings wirkt dieses angegraute alte Holz durch seine stilvollen Kurven und Windungen auch schön und ästhetisch.

Landrat absolviert Dreikampf

Das Turnfest hat im Laufe der 56 Jahre auch an Frische und viel Grün eingebüßt. Wo sich einst 800 Sportler und mehr tummelten, sind es an diesem Sonntag gerade noch 100. Aber die Heidelandschaft und der schöne Ausblick von hier verleihen diesem Bergsportfest auch eine einmalige Schönheit und Ästhetik. Die wird aber leider durch widriges Wetter gestört. Die Menschen haben sich daran in früheren Jahren scheinbar weniger gestört. Hätte sich das Wetter vorgestern bereits morgens so präsentiert wie am Nachmittag, dann wären die vom Veranstalter Turngau Wal­deck angepeilten 200 Teilnehmer möglicherweise erreicht worden. Aber die Sonne verdrängte die Regenwolken zu spät.

Die nur rund 100 Sportler, die ihre leichtathletischen Kräfte beim Dreikampf sowie bei Gelände- und Staffelläufen maßen, verliehen dem Sportfest im Vergleich zu früheren Jahren auf dem weitläufigen Areal einen trostlosen Anblick.

Dieses Rekordminus fast in Zweistelligkeit hatte auch der Turngau-Vorsitzende Hartmut Schmidtke nicht erwartet. „Wir müssen Ideen entwickeln, um diesen Trend wieder umzukehren.“ Sogar Landrat Reinhard Kubat zog sich nochmals Turnschuhe und kurze Hose für den Dreikampf - Sprint, Kugel Weitsprung - an, um „ein Zeichen zu setzen, dass die Traditionsveranstaltung nicht sterben darf“.

Den Vorschlag, alle Kreishaus-Mitarbeiter im kommenden Jahr zum sportlichen Pflichteinsatz zu schicken, lehnte der Behördenchef Kubat allerdings ab. Dennoch naht offenbar Rettung. Der Waldeck-Frankenberger Laufcup will 2015 Station auf dem Ettelsberg machen. Es gebe dafür zwar noch keinen Beschluss, aber die Bereitschaft sei da, teilten Schmidtke und Laufcup-Initiator Hans-Friedrich Kubat mit. Das würde bis zu 150 Teilnehmer mehr bringen.

Reinertz: Tolle Atmosphäre

Auch Rainer Gottschlich wies auf einen Punkt hin, der den Turngau möglicherweise Teilnehmer kostet. Er kritisierte die Online-Anmeldung auf der Turngau-Homepage. „Die ist scheinbar nur für Vereine gedacht. Ich wollte Charlotte per Internet anmelden und es war furchtbar nervig. Ich habe es dann gelassen.“ Der Berufschullehrer weist darauf hin, dass eine Voranmeldung auch eine psychologische Wirkung habe. „Wenn es heute Morgen geschüttet hätte, wäre ich mit Charlotte vielleicht gar nicht hierhergekommen, aber eine Anmeldung verstärkt den Antrieb, doch hinzufahren.“

Aus sportlicher Sicht lief es für Manfred Reinertz vom TV Lelbach am besten. Er verteidigte seinen Titel als Ettelsbergsieger erfolgreich. Es sei nicht die sportliche Höchstleistung, die ihn zum Ettelsberg ziehe, sondern die „tolle Atmosphäre hier oben“, sagte der 47-Jährige. Den Robert-Hinnich-Preis für Schüler und Jugendliche verdienten sich Kim Höhle (TV Jahn Willingen) und Philipp Kramer (TV Lelbach).

Die niedrige Teilnehmerzahl riss eine Lücke, die nach Wissen der Turngau-Verantwortlichen in 56 Jahren Turnfest im Upland bislang noch nie vorgekommen ist: Es gab keine Ettelsbergsiegerin, weil keine Frau am Start war. Das traditionelle Bergturnfest funkt SOS. Charlotte Gottschlich fand es gut und sie will wiederkommen. Andere müssen dafür keine 220 Kilometer fahren.

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