Ehemaliger DDR-Bürger wirbt um mehr Verständnis für den Osten

Lutz Kurzawe: Ein Korbacher, der ostdeutsch tickt

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Lauter Schätze: Lutz Kurzawe mit Erinnerungen an seine Jahre in der DDR, links das „Neue Deutschland“ zum XI. Parteitag der SED im Jahr 1986.

Lutz Kurzawe hat Kaffee gekocht. Der Gast möchte ihn schwarz. Die Tasse, die Kurzawe reicht, ist auch schwarz und bedruckt: „Born in DDR“. „So läuft das hier“, sagt er und lächelt. 

Lutz Kurzawe ist einer der 800 000 Menschen, die nach der Grenzöffnung in der ersten großen Ausreisewelle 1989 und 1990 dem Osten den Rücken kehrten. Er verließ seine Heimatstadt Leinefelde im Eichsfeld drei Monate nach dem Fall der Mauer, um in Westen zu arbeiten – und Fußball zu spielen.

Kurzawe ist heute Korbacher. Hier finde sein „richtiges Leben statt“, sagt er. Er hat geheiratet, drei erwachsene Kinder, ein Haus gebaut, eine zweite Ausbildung zum Versicherungsfachmann Bausparen und Finanzen abgeschlossen und sich im Waldecker Fußball einen gewissen Namen gemacht. Die große Integrationsmaschine Sport hat sein Ankommen leichter gemacht und sein Hierbleiben begleitet. Kurzawe hat, wenn man so will, die Einheit im Kleinen vorangebracht.

Und doch: Er tickt immer noch ostdeutsch, er bleibt Eichsfelder. Und er wird als Mann „von drüben“ wahrgenommen. Diese Herkunft ist gerade wieder schwierig besetzt. Die Debatte um Wut und Unzufriedenheit im Osten und die sich mühsam vollziehende Einheit bekommen Menschen wie er anders zu spüren.

"Wir müssen uns anhören, dass wir zu teuer sind"

Ihm begegneten nach wie vor viele Vorurteile, sagt er. „Das finde ich schade Es müsste mehr Austausch geben, damit die Leute wissen, was damals überhaupt war.“ Deshalb erzähle er seine Geschichte, nicht um im Vordergrund zu stehen.

Ganz am Anfang: Wie hat Kurzawe den Abend des 9. November 1989 verbracht? 

„Auf der Donnerstags-Demo“, sagt er, sie fand statt auf dem zentralen Platz in Leinefelde. Er leerte sich in Windeseile, nachdem der Redner die Nachricht vom Fall der Mauer verkündet hatte. Kurzawe fuhr erst am nächsten Tag über die innerdeutsche Grenze. Drei Monate später zog er um in ein neues Leben.

Seine Stelle als Schlosser war abgebaut, er 23 Jahre alt und die Familie riet ihm zu. „Du hast was Neues gesehen, warst jung, dynamisch. Die Wende hatte ja einiges verändert. Die Freunde waren weg, die Wirtschaft ließ nach“, das sagt er heute über die Umzugs-Motive seines Ichs vor 30 Jahren.

Dass eine Tante in Helmscheid wohnte, bei der er zunächst unterkam, machte es leicht. Dass er beim Geburtstag des Cousins in Meineringhausen mit örtlichen Fußballern ins Reden und bald ins Spielen für die SG Höringhausen/Meineringhausen kam, war ihm ein sportlicher Anreiz; dass er schnell einen Job bei der Conti bekam, sein wirtschaftliches Standbein.

Frühes Fußballzeugnis: Kurzawes Ausweis für Übungsleiter und Lehrwarte aus dem Jahr 1982.

Kurzawe hatte schon als Kind Fußball bei der Zentralen Sportgemeinschaft (ZSG) Leinefelde gespielt, ein Trägerbetrieb war die lokale Baumwollspinnerei. „Wir hatten dreimal die Woche Training und zweimal einen Leistungskurs. Ich war jeden Tag auf dem Sportplatz. Ob’s kindgerecht war, lasse ich mal dahingestellt. Aber es hat Spaß gemacht“, erzählt er.

Als junger Erwachsener genoss er Spieler-Privilegien: Die ZSG zahlte kein Geld, aber er durfte in seiner Arbeitszeit trainieren. Mit Leinefelde spielte der Linksfuß auf einem Niveau zwischen (heutiger) Verbands- und Gruppenliga.

Viele Stationen in Waldeck-Frankenberg

In Waldeck wurde Kurzawe zum Fußball-Wanderer. Nach der SG spielte er für Rot-Weiß Eppe, dann Blau-Gelb Korbach, wo er Siegmar Bullik auf der ersten Trainerstation beerbte. Später trainierte der heute knapp 53-Jährige, der im Alter von 16 einen frühen Übungsleiter-Ausweis erwarb, den TuS Medelon, die Frauen der SG Grafschaft, die Männer der SG Diemelsee und übernahm mit Beginn dieser Saison die SG Goddelsheim/Münden II.

Kurzawe kennt die Vereins- und Fußballstrukturen. Er weiß, was ehrenamtlich geleistet wird. Diese Arbeit, sagt er, müsse viel mehr gewürdigt und gefördert werden – gerade auch von DFB und Hessischem Verband.

Als Trainer am Spielfeldrand: Lutz Kurzawe coacht die SG Goddelsheim/Münden II.

Seine Jahre bei „Hö/Mei“ und in Eppe erinnert Kurzawe als „Gemeinschaft pur“. „Du hast Kontakte geknüpft, du hast die unterschiedlichsten Typen kennengelernt, vom Banker bis zum Handwerker.“ Einzelne hätten ihm besonders unter die Arme gegriffen, Wilfried Klein. den Kurzawe unter seinem Spitznamen „Patty“ abgespeichert hat, habe ihm etwa eine Sporttasche geschenkt. „Es waren Kleinigkeiten, die mir viel bedeutet haben.“

Umgekehrt betonten Kleinigkeiten auch das Trennende, Andere. Der Neubürger und die Alteineingesessenen, sie waren einander oft fremd. „Oft ist es so: Wenn man mit Argumenten nicht weiterkommt, heißt es: der ist aus dem Osten“, sagt Kurzawe. Er erlebte sich belächelt, seinen Umzug aus wirtschaftlichen Gründen als Vorwurf thematisiert. Kein Mensch, sagt er dazu, denke sich etwas dabei, wenn jemand innerhalb Deutschlands von Nord nach Süd umziehe. „Wir sind von Ost nach West umgezogen, weil wir in unserem Land da wohnen wollten, wo wir mehr Möglichkeit hatten, aus uns was zu machen.“

"Die Mauser hat damals Sonderschichten gefahren"

Manche Ökonomen sagen, die Zuwanderer aus dem Osten hätten die Einheit erheblich mitfinanziert. Tim Leibert, einer der führenden Forscher zur innerdeutschen Migration, sagt: „Unbestritten ist das wirtschaftliche und demografische Geschenk, das der Westen mit der Wiedervereinigung erhalten hat.“

Kurzawe kann das bestätigen. Einer seiner Arbeitgeber im Waldecker Land war in den 90er Jahren der Büromöbelhersteller Mauser. „Die Mauser hat damals Sonderschichten gefahren, um drüben Banken, Schulen oder Büroräume einzurichten. Das war ein Umsatzplus von wie viel tausend Prozent.“

Gerade die ökonomische Unwucht der Einheitsdebatte ärgert Kurzawe. „Wir müssen uns anhören, dass wir zu teuer sind und so ein dummes Zeug.“ Einen „Hals“ kriege er bei Vorwürfen wegen des Solizuschlag. „Den zahlen die im Osten ja auch, obwohl sie weniger verdienen für die gleiche Arbeit.“

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