Der Willinger hat nicht nur Plan B, sondern auch C oder D parat

Michael Groß - der hilfsbereite Schattenmann beim Weltcup

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Stadion voll, der Wettkampf läuft: Michael Groß lächelt vor der Kulisse des Weltcup-Springens am Samstag.

Geht nicht, gibt’s nicht bei Michael Groß. Damit dieser Satz für ihn Gültigkeit besitzt, muss der 51-Jährige vor und während des Willinger Skisprung-Weltcups so manch einem diese Worte sagen: „Das geht so nicht.“

Willingen - Wenn Groß seiner Free-Willi-Aufgabe allerdings einen Namen geben soll, kommt auch er ins Grübeln. Noch bis vor drei Jahren war er der Anlaufchef, jetzt könnte man ihn als Ordnungshüter, Saubermann, Problemlöser oder Chaosverhinderer bezeichnen.

Schließlich fällt dem gebürtigen Korbacher doch noch eine Bezeichnung für seine Aufgabe ein: „Ich bin der Schattenmann und hole die Leute aus der Sackgasse.“ Er sieht sich dabei im Schatten von Organisationschef und SCW-Präsident Jürgen Hensel, der bei Entscheidungen stets das letzte Wort hat.

Sein Posten sei vor drei Jahren neu entstanden, um Hensel zu entlasten. Das Repräsentieren überlässt Groß gern weiterhin dem OK-Chef, er sieht seine Stärke eher darin, Abläufe zu optimieren, am liebsten ohne Kompromisse.

Halbe Sachen mag der 51-Jährige nicht, und er versucht alle Probleme so gut zu lösen, dass jeder Betroffene damit zufrieden ist. „Ich darf nicht nur Plan B haben, sondern auch Plan C oder D.“

Wenn irgendwo etwas klemmt, ist das Duo Groß/Hensel Ansprechpartner für Helfer, Sportler, Fernsehteams, Funktionäre, Polizei, Liefer- und Aufbaudienste. Man müsse für diese Aufgabe ein ordnungsliebender Mensch sein, der sich nicht alles so schnell zu Herzen nehme, betont Groß. Und der Vater von zwei Söhnen, den erst der Skilanglauf, dann die Liebe zu seiner jetzigen Ehefrau ins Upland zog, fügt hinzu. „Wer das Chaos liebt, geht in diesem Job mit fliegenden Fahnen unter.“

Groß war schon vor Jahren aufgefallen, dass vor allem in der Aufbauphase an der Schanze einiges drunter und drüber geht. „Da stand eines Tages eine Palette voll mit Klopapier mitten auf dem Hof, einfach da hingestellt ohne ein Wort zu sagen.“

Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle wussten manchmal weder ein, noch aus. „Da kam jeder rein, brachte Pakete oder schleppte andere Lieferungen an, die sich dort stapelten. Keiner wusste mehr, was wo drin war und ständig war einer was am Suchen.“

Heute steht dafür ein Raum zur Verfügung, dort wird die angelieferte Ware beschriftet und gelagert, sodass alles sofort griffbereit ist. Groß kann auch Logistik. Bei allem was er anpackt, steht ein Leitsatz: Man muss es allen Beteiligten so einfach wie möglich machen. Dabei spielen Absprachen und feste Lieferzeiten eine große Rolle. Jeder bekommt jetzt einen Zeitraum zugeteilt und wer ihn ohne sich abzumelden nicht einhält, muss warten. Das funktioniere gut und keiner habe sich bisher über diese Zeitfenster-Regel beschwert.

Wichtig sei dabei, dass er auch in hektischen Phasen Ruhe ausstrahle, betont Groß, der es gewohnt ist, die Probleme anderer Leute zu beheben, denn er betreibt eine Firma, die unter anderem Wasserrohrbrüche ausfindig macht. Auch hier kann es für ihn und seine Mitarbeiter kein Achselzucken, sondern nur Lösungen geben.

Beim Weltcup schafft Groß auch Dinge aus der Welt, die auf den ersten Blick nicht stören. Das kann der Schneehaufen sein, der einer TV-Kamera die Sicht nimmt oder die Eisfläche vor der Toilette oder der Karton, der im Flucht- oder Rettungsweg steht.

Der Weltcup kennt keine Generalprobe. Alles muss beim ersten Mal klappen, dafür ist Vertrauen in alle Abteilungen notwendig. Für Jürgen Hensel und Michael Groß zählt dazu, die Kompetenzen der Teamleiter zu wahren, sich nicht überall einzumischen. 

„Jeder Helfer sollte sein Bestes geben, er muss aber nicht der Beste sein“, betont Groß, der ein Freund von To-Do-Listen ist. Routine stellt sich bei den Free Willis nur bedingt ein. Dafür sorgen auch Neuheiten seitens des Skiweltverbandes FIS, des Fernsehens. So wurde diesmal eine Seilkamera genutzt, die die Springer in der Flugphase begleitet haben. Auch eine Live-Drohne schwebte erstmals über dem Stadion. 

Sobald der Wettkampf läuft, sollte auch bei Groß etwas Ruhe einkehren. Aber das klappt nicht immer. Im Vorjahr klingelte sein Handy zu Beginn der Qualifikation, ein FIS-Mitarbeiter. Er tadelte, dass den Springern, die in der Leaderbox stünden, dauernd die Skier umfielen. Groß dachte kurz nach, holte sich einen Besenstiel, sägte ihn in sechs Teile, bohrte in jedes Teil oben ein Loch hinein und verschraubte die Hölzer mit der Leaderbox-Wand. Die Skier hatten nun Halt.

Jeder Helfer sollte sein Bestes geben. Michael Groß Es habe in diesem Jahr erstmals ein ZBV-Team gegeben, verrät Groß, dabei auch sein Sohn Tom. „Das waren drei handwerklich geschickte junge Männer zur besonderen Verwendung, die nur für solche Spezialfälle zur Verfügung standen.“ 

Dazu zählten diesmal unter anderem einem Punktrichter schnell ein Podest zu zimmern, weil er nicht groß genug war, um aus dem Fenster zu schauen. Außerdem nagelte das ZBV-Team im Springerlager im Auslauf einen Teppich auf nicht rutschfeste Bretter. Allerdings mussten Tom Groß, Henric Biederbick und Noorin Warnack bei einer Aktion am Samstag auch in den sauren Apfel beißen. Als alle Free-Willi-Kollegen mit den Zuschauern den Erfolg von Stephan Leyhe während der Siegerehrung im Stadionauslauf feierten, wurde dem Trio der Blick darauf verwehrt. 

Die Jugendlichen mussten die Werbewand hinter dem Podest von hinten festhalten. „Wir dürfen die Köpfe auch nicht seitlich rausstrecken, das sieht doof aus im Fernsehen“, sagte Biederbick. Er nimmt es aber gelassen: „So ist halt unser Job.“ 

Und wenn dann am Ende Springer, Zuschauer und Helfer unverletzt geblieben sind, kann man ein erleichtertes Aufatmen bei Hensel, Groß & Co. hören und vielleicht auch den Satz: „Gott sei Dank, dass es wieder vorbei ist.“ Groß mag diese Worte nicht, um den Weltcup für ein Jahr zu verabschieden, denn sie hören sich nach Qual und nicht nach Spaß an, der bei ihm deutlich überwiege. „Wenn ich das so zu mir sagen würde, würde ich sofort aufhören. rsm

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