Ungewöhnlicher Tagesausflug von Adrian Horchler

Mit dem Rad in 20 Stunden von Freiburg zum Gardasee

Ziel erreicht: Adrian Horchler radelt auf der Uferstraße des Gardasees. Für die gefahrenen 552 Kilometer und überwundenen 6100 Höhenmeter hat er mit seinem Teamkollegen Hendrik Epping 19,5 Stunden benötigt.
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Ziel erreicht: Adrian Horchler radelt auf der Uferstraße des Gardasees. Für die gefahrenen 552 Kilometer und überwundenen 6100 Höhenmeter hat er mit seinem Teamkollegen Hendrik Epping 19,5 Stunden benötigt.

Der sportliche Stillstand durch Corona bringt so manche Sportler erst richtig in Bewegung. Für Adrian Horchler fiel die Saison im Mountainbike-Marathon aus. Er fährt deshalb seine eigenen, ungewöhnlichen Wege.

Lass uns nach Italien fahren und dort ein Eis essen. Ja, warum nicht. Mit dem Fahrrad. Natürlich! Von Freiburg nach Reschen. 330 Kilometer. Von dort geht es ja nur noch bergab, dann können wir auch gleich zum Gardasee fahren. Das wären 550 Kilometer. Ja, von mir aus. Aber innerhalb eines Tages. Sind wir bescheuert? - Ja, sind wir, aber nächste Woche geht’s los.

So verlief der Dialog dem Wortlaut nach, zwischen dem gebürtigen Ottlarer Adrian Horchler und seinem Trainingspartner Hendrik Epping.

Ziel: Eis essen am Gardasee

Die beiden Studenten aus Freiburg zählen zwar bundesweit zu den besten Marathon-Mountainbike-Fahrer, aber solch eine Mammuttour in dieser kurzen Zeit war auch für sie eine neue Herausforderung. Was macht ein Radrennfahrer nicht alles, wenn Corona seine Saison auf null stellt.

Doch nur zu zweit funktioniert solch ein Tagesausflug dann doch nicht. „Drei Freunde sind mit dem Auto gefahren und haben uns betreut, uns vor allem mit Trinken und Essen versorgt“, erzählt Horchler. Die Räder sind startklar, jetzt noch Zimmer am Gardasee buchen und die Biker finden auf die Schnelle sogar noch Sponsoren, die sie neben Geld und Lebensmitteln auch mit speziellen Lampen für die Nachtfahrt ausstatten, die heller leuchten als ein Autofernlicht.

Sie finden in der Nacht vor dem Start nur wenig Schlaf. Das sollte noch zum Problem werden. Die eng geplante Route führt meistens über Straßen mit Autoverkehr oder daneben liegenden Radwegen. Und auch das Wetter spielt an diesem Donnerstag mit, es ist warm und trocken. Hoffentlich ist der Schnee, der oben auf dem Fluelapass bei Davos (Schweiz) liegen soll, bis zum Nachmittag geschmolzen und eins steht für die beiden Radler fest: „Bei Gewitter fahren wir nicht weiter.“ Auch Blitz und Donner vermasselten ihnen diese Tour nicht, die die Radler „Projekt Gelato“ tauften.

Der Startschuss fürs Eisessen in Italien fällt morgens um 4 Uhr. Horchler beschreibt diesen Moment bei Facebook so: „Es geht los, der Nachbar steht in der Tür und kommt spontan ein Stück mit. Wir sind froh über jede Gesellschaft, uns beide haben wir ja noch lang genug.“

Unglaublicher Sonnenaufgang im Schwarzwald

Zweieinhalb Stunden später liegen Titisee-Neustadt und der Thurner, eine Passhöhe Hochschwarzwald, bereits hinter ihnen. Nahe der eigenen Haustür erleben Horchler und Troß einen der schönsten Momente dieser Fahrt: „Der Sonnenaufgang oben im Schwarzwald mit den Alpen im Hintergrund war unglaublich.“

Die Betreuer warten erstmals beim Bäcker in Bonndorf auf das Rad-Duo. Kein gedeckter Tisch erwartet sie, aber ein Butterbrezel-Frühstück. Die zweite Pause um 8.30 Uhr findet im Schweizer Ort Bülach statt. Weiter geht es nach Zürich und um 11 Uhr nächster Halt: der Walensee. „Frische Flaschen, geschmierte Brötchen und Sonnencreme warten auf uns. Die Betreuer klagen über mangelnde Freizeit – wir sind zu schnell“, vermerkt Horchler in seinem Tagbuch.

Davos erreichen sie um 14.30 Uhr. Das Zwischenfazit lautet: elf Stunden Fahrzeit, 260 Kilometer, rund 3500 Höhenmeter überwunden und 30 Grad im Schatten.

Nach der Pause am Davoser See geht es aufs Dach des „Projekts Gelato“: der Flüelapass bedeutet 2383 Meter alpensteil bergauf. Zum Glück ist der Schnee geschmolzen und um 16 Uhr freuen sich Horchler und Epping auf die lange Abfahrt Richtung Scuol. Von dort geht es über den Reschenpass und Nauders hinunter ins Etschtal.

Noch einige Kilometer auf österreichischem Boden, dann ist es da, Bella Italia. Aber noch niemand in der Gruppe denkt jetzt an Eiscreme. Es ist 20.15 Uhr, 350 Kilometer und über 6000 Höhenmeter liegen hinter den Fahrern. Beide sind überrascht, dass sie sich körperlich noch so gut fühlen.

Unvergessliche 120 Minuten

Aber gleich beginnt die Nachtschicht. Zwei Sunden später Rast in Burgstall. Ab jetzt werden mehr Pausen eingelegt, alle 60 bis 70 Kilometer. Kurz nach Mitternacht stehen 490 Kilometer und 28 km/h im Schnitt auf dem Tacho. Hochler trägt seine Gedanken ins Tagebuch ein: „Ein letztes Mal aufs Rad steigen, noch zwei Stunden, der See ruft! Oder vielleicht sind es auch nur die eintretenden Halluzinationen, wir werden es nie erfahren.“

Es folgen allerdings 120 Minuten, die die beiden Radler wohl nie vergessen werden. „Sie zählen zu den härtesten Momenten unseres Lebens auf dem Rad“, sagt Horchler und fügt in seinen Aufzeichnungen dieses Zitat hinzu: „Der Spruch ‚Nach müde kommt blöd‘ war nie treffender“.

Um 2.45 Uhr vermelden sie: „Projekt Gelato geschafft! Schade, die Eisdielen haben zu. Gelato gibt’s erst nach dem Aufstehen.“

Die Erkenntnis, dass der Kampf gegen den Schlaf die schwierigste Aufgabe bei dieser Tagestour war, überraschte auch die Fahrer selbst. „Es war nicht der Kopf, der Hunger, die Beine, der Hintern hat auch nicht weh getan, sondern es war einfach nur Müdigkeit.“

Den Sekundenschlaf im Auto kennt vielleicht jeder und der überfiel die beiden Radfahrer auf der Schlussetappe einige Male. „Wir haben immer mal kurz angehalten und Kaffee hat uns geholfen konzentrierter zu bleiben.“

15 000 kcal verbraucht

Dieser Tagesausflug, der ohne eine technische Panne verlief, beeindruckt auch in Zahlen: 552 Kilometer – 6100 Höhemeter – 19,5 Stunden Fahrzeit – 28,2 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit – rund 200 Watt Schnitt getreten – 15 000 kcal verbraucht, das ist der durchschnittlicher Energieverbrauch eines erwachsenen Mannes in einer Woche.

Sie haben sich weitgehend mit normalen Lebensmitteln ernährt. Er habe nur zwei Energieriegel gegessen, sagt Horchler, ansonsten belegte Brötchen, Brezeln, auch mal was Süßes, wie etwa Kuchen oder Schokolade. Fast einen Eimer Flüssigkeit hat der 23-Jährige während der Tour getrunken. „Es waren genau 9,5 Liter und die gleiche Menge habe ich nochmal über mich geschüttet.“

Nach dieser Strapaze stellte Horchler bei sich eine weitere Überraschung fest: „Ich hatte am nächsten Tag noch nicht mal Muskelkater.“

Der gebürtige Ottlarer verrät aber auch, dass diese Tour nicht einfach so aus einer Laune heraus entstanden ist. Viele Radprofis hätten sich in der Coronazeit eine Challenge gesucht, die sich im Internet zu einem Wettbewerb entwickelte:

Viel über sich selbst gelernt

Die ersten sind 200 Kilometer am Stück gefahren, die nächsten 300, dann 400. „Wir wollten eigentlich einen Ticken weiter fahren als alle anderen, aber das haben wir um zehn Kilometer verfehlt, allerdings sind die Rekordhalter 5550 Höhenmeter weniger gefahren als wir.“

Doch nicht der Rekord ist wichtig, sondern die dabei gesammelte Erfahrung. „Das wir das geschafft haben gibt mit viel Motivation für die Rennen.

Vor allem zum Schluss, waren wir psychisch fast an einem Ich-kann-nicht-mehr-Punkt und wir sind trotzdem weitergefahren. In diesen Situationen lernt man viel über sich selbst“, sagt Horchler.

Doch ein Punkt bereitet dem gebürtigen Ottlarer nach diesem Sprint nach Italien Sorgen: „Ich habe Angst davor, dass ich auf den Gedanken kommen könnte, dies will ich jetzt noch toppen.“ Gute Eisdielen gibt es schließlich überall. rsm

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