69 000 Austritte bei hessischen Vereinen

Mitgliederschwund durch Corona: Sportkreis kommt noch gut weg

Verschlossene Türen: Neben Hallen sind im Lockdown auch Schwimmbäder, wie hier das Wildunger Heloponte, dicht. Das führte zu Mitgliederverlusten in den Vereinen.
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Verschlossene Türen: Neben Hallen sind im Lockdown auch Schwimmbäder, wie hier das Wildunger Heloponte, dicht. Mit so langen Verboten hatte kaum jemand gerechnet. Die Sportvereine kostete dies zahlreiche Mitglieder.

Viele haben es längst vermutet. Nun hat es der Landessportbund schwarz auf weiß: Die Coronakrise hat die rund 7600 hessischen Vereine schwer gebeutelt. Sie haben im vorigen Jahr fast 69 000 Mitglieder verloren.

So wenig zählte der Landessportbund zuletzt 2010. Das wäre gemessen an den Zahlen in etwa so, als würde alle Vereinsmitglieder aus Waldeck-Frankenberg binnen eines Jahres austreten.

Insgesamt bedeutet die Entwicklung für die 7600 Vereine ein Minus von 3,2 Prozent. 2,066 Millionen Mitglieder sind noch gemeldet, wie der lsbh mitteilte. Damit entstand ein umgekehrter Trend im Vergleich zu 2019. Vor einem Jahr freute sich der Dachverband noch über einen Anstieg von 1,2 Prozent und den bis dato höchsten Mitgliederstand.

Aus dieser Perspektive fast ein wenig erstaunlich: Gut 40 Prozent der im lsbh organisierten Vereine sind zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 1. Januar 2021 zahlenmäßig nicht geschrumpft.

Den Hauptgrund an dem signifikanten Mitgliederschwund haben die Verantwortlichen schnell ausgemacht: Corona und die Folgen des lang anhalten Lockdowns. „Das jahrelange Mitgliederwachstum des organisierten Sports in Hessen wurde durch die Corona-Pandemie gestoppt. Angesichts der anhaltenden Einschränkungen befürchten wir, dass sich diese Entwicklung bis Ende 2021 sogar noch verschärfen wird“, bewertet lsbh-Präsident Dr. Rolf Müller die vorläufigen Zahlen, an denen noch kleinere statistische Bereinigungen vorgenommen werden müssen.

Sportkreis-Chef Steuber: „Eine Chance, Solidarität zu zeigen“

Auch in Waldeck-Frankenberg ist der Mitgliederrückgang alles andere als normal. Von 2019 auf 2020 hatten die Sportvereine rund 330 Mitglieder eingebüßt, jetzt sind es beinahe dreimal so viele (rund 900).

Insgesamt waren bei der Bestandserhebung 2020 68 382 Waldeck-Frankenberger Mitglied einen Sportvereins, bei der Erhebung 2021 sind es 67 488 . Das macht ein Minus von 1,3 Prozent. Der hiesige Landkreis ist damit nach Recherchen der WLZ nach Werra-Meißner (minus 0,7) und gem einsam mit Fulda-Hünfeld der Sportkreis, der am besten durch die Corona-Krise gekommen ist.

„Ich bedanke mich bei den Waldeck-Frankenbergern für ihre Treue zu den Vereinen. Mitglied zu bleiben ist eine Chance, Solidarität zu zeigen“, sagte der Vorsitzende des Sportkreises Waldeck-Frankenberg. Er will es damit aber nicht bewenden lassen. Er fordert von der Politik Perspektiven für den Amateur- und Breitensport. „Der Druck wird größer“, sagte Steuber und kündigte noch für diese Woche eine deutliche Stellungnahme an.

Großverein und Nachwuchs sind die größten Sorgenkinder

Ein genauer Blick zeigt zwei Entwicklungen auf, die der Dachverband als besonders besorgniserregend bewertet. So entfallen fast 63 Prozent aller Mitgliederverluste auf Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre. Der Rückgang der Zahlen innerhalb dieser Altersgruppe beläuft ich auf 6,8 Prozent und ist damit fast viermal so hoch wie bei den Erwachsenen.

Die Ergebnisse untermauerten, warum es besonders wichtig sei, Kinder- und Jugendsport bei einer Öffnung des Vereinssports bevorzugt zu behandeln. Diese Forderung hatte der Landessportbund Hessen kürzlich in einem von ihm vorgelegten Stufenplan zum Wiedereinstieg aufgestellt.

Die zweite besorgniserregende Entwicklung offenbart die Bestandserhebung bei den Großvereinen. Häufig mit eigenen Sportstätten und festangestellten Mitarbeitenden ausgestattet, leiden sie nicht nur finanziell stärker unter der Krise als andere. Sie sind auch überproportional stark von Mitgliederverlusten betroffen: Rund 40 Prozent der Rückgänge entfallen auf die 311 Sportvereine im Landessportbund Hessen mit 1001 und mehr Mitgliedern.

„Hieraus resultieren erhebliche Einnahmeverluste. Im Zusammenspiel mit den weiterlaufenden Betriebskosten für vereinseigene Sportinfrastruktur nehmen wir eine zunehmend kritische Finanzsituation und einen entsprechenden Unterstützungsbedarf für diesen Vereinstyp wahr“, sagt Dr. Rolf Müller. 

Auch Kontaktsportarten leiden besonders

Bei den Verbänden lassen sich aufgrund der zum Teil kleinen Grundgesamtheit nur tendenzielle Aussagen treffen. „Wir sehen, dass die Kontaktsportarten im vergangenen Jahr besonders stark gelitten haben. Sie eignen sich nun mal am wenigsten, um Abstandsgebote einzuhalten“, fasst Müller zusammen. So sind die Verluste im Judo (-11,6 Prozent), Ju-Jutsu (-9,9), Kickboxen (-9,1), Taekwondo (-7,3), Karate (-6,7), Ringen (-6,5) besonders hoch.

Mit dem Turn- und dem Schwimmverband verlieren auch zwei der fünf größten hessischen Verbände überdurchschnittlich – nämlich um jeweils 6,6 Prozent. „In beiden Sportarten erfolgt der Einstieg in den Vereinssport traditionell sehr früh. Die besorgniserregende Entwicklung im Kinder- und Jugendsport scheint hier deshalb besonders stark durchzuschlagen“, glaubt Müller.(schä/red)

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