Energieberater Jens Prüller über Ökocheck, Sanierungsbedarf in Sportheimen, Bewusstsein für Klimasch

Naturstrom wird nicht mehr belächelt

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Daumen hoch: Jens Prüller redete im Vereinsheim des SV Allendorf.

- Jens Prüller arbeitet seit 1998 im Geschäftsbereich Sport­infrastruktur für den Landessportbund Hessen. Der 41 Jahre alte Butzbacher ist einer von zwei Energieberatern des LSB und referierte Dienstagabend im Sportlerheim des SV Allendorf (Eder) zu Fragen der Energieeffizienz in Sportanlagen.

Seit 1998 bietet der Landessportbund Hessen den Ökocheck zum Beispiel für Sportheime an. Wie viele Vereine haben sich bisher beteiligt? Mittlerweile 2100.

Ist das viel oder wenig? Wir haben in Hessen 7800 Sportvereine und schätzen, dass es ungefähr 3500 Sportstättenbetreiber gibt. Also haben wir schon eine Menge erreicht.

Was ist das Hauptmotiv für Vorstände, sich für den Ökocheck anzumelden - Geld zu sparen oder der Klimaschutz? Ein deutlich höherer Prozentsatz sieht die Felle wegschwimmen: Die Energiepreise steigen, die Anlagen werden älter. Folglich stellt sich eher die Effizienz-Frage - man will Kosten reduzieren und Geld einsparen, aber nach Möglichkeit so, dass man was Gutes für die Umwelt tut.

Was hat man sich unter dem Ökocheck vorzustellen, so in groben Zügen? Zunächst machen wir einen Ortstermin aus. Wir erheben von den Vereinen die Verbrauchswerte der letzten drei Jahre für Wasser und Strom. Im Vergleich zu anderen Sportstätten sehen wir dann, ob der Verbrauch hoch oder niedrig ist. Vor Ort machen wir eine Ist-Analyse, gehen also durch jeden Raum und schauen uns die Verbrauchsstellen an. Beim anschließenden Gespräch erkläre ich dann, wo ich Notwendigkeiten sehe, kurzfristig zu handeln, oder wo der Verein mittelfristig darauf hinarbeiten sollte - es ist ja nicht unbedingt erforderlich, eine 15 Jahre alte Heizungsanlage sofort auszutauschen.

Bekommen die Vereine eine Empfehlungsliste an die Hand? Genau das kommt als Ergebnis beim sogenannten Ökocheck oder - wie wir das nennen - der Ökocheck-Beratung heraus. In der Ausarbeitung wird der Istzustand beschrieben und wir empfehlen bestimmte Dinge - zum Beispiel neue Duschköpfe.

Überprüft der Landessportbund, ob der Verein tatsächlich tätig geworden ist, oder nutzen Sie andere Kriterien für den Erfolg Ihrer Arbeit? Nachfragen, ob der Verein unsere Empfehlungen umgesetzt hat, wollen wir nicht. Der Verein macht schließlich freiwillig mit. Er kann davon profitieren, aber wenn er finanziell nicht die Möglichkeiten hat, zum Beispiel ein Asbestzement-Dach runterzunehmen, dann können wir das nicht unbedingt ändern. Allerdings haben wir ein Sonderförderprogramm beim Landessportbund aufgebaut - wir geben in den Bereichen, wo wir aus der Erfahrung heraus die größten Problemlagen sehen, zusätzliches Geld.

Das hessische Innenministerium fördert ja ebenfalls. In welcher Größenordnung werden Zuschüsse gewährt? Es kann sich richtig lohnen. Wenn Land, Sportbund, Landkreis und Gemeinde beteiligt sind, kann das bis 70 Prozent hochgehen. Von daher wird unsere Leistung im Moment auch gut angenommen - wir machen im Jahr rund 200 Beratungen.

Wo besteht der größte Sanierungsbedarf? Im Moment: beim Wärmeschutz und bei den Heizungsanlagen.

Die Gebäude sind kaum gedämmt, die Anlagen oft veraltet? Deutschland hat einen hohen Bestand an Sportstätten, auch wir in Hessen. Der Bestand ist in die Jahre gekommen: Viele Vereinsheime oder -anlagen sind in der 1970ern oder Anfang der 80er-Jahre gebaut worden. Nach 30 Jahren Nutzung muss grundsaniert werden, zumal in aller Regel kostengünstig gebaut wurde. In dieser Phase befinden sich im Moment viele Vereine.

Kein Mensch rechnet damit, dass Energie auf Dauer wieder billiger wird. Vor allem die fossilen Energieträger dürften stetig teurer werden. Empfehlen Sie den Vereinen, massiv auf diesem Feld zu investieren? Nein, wir müssen immer sehen, wo der Verein steht. Klar: Rein theoretisch könnte der Verein aus seinem Heim ein Passivhaus machen. Aber man muss gucken, wie häufig und wann wird das Gebäude genutzt, wie ist der Bestand, welche Technik passt da rein. Es macht keinen Sinn, wenn man mit Kanonen auf Spatzen schießt.

Sie suchen nach jeweils individuellen Lösungen? Genau. Eine Wärmeschutzmaßnahme etwa für ein saisonal geführtes Tennis-Vereinsheim macht keinen Sinn. Im Winter ist es zu, und im Sommer brauche ich keine großartige Heizungsunterstützung. Dafür kann ich hier besser eine thermische Solaranlage einsetzen.

Gibt es ein wachsendes Bewusstsein bei den Vereinen für den Klimaschutz? Das ist wie eine Sinuskurve: Es geht mal hoch, mal runter. Als in den Medien die ständig steigenden Ölpreise ein großes Thema waren und das Barrel Öl bei 140 Dollar lag, da hat jeder drüber gesprochen - auch im Sport. Nach der Wirtschaftskrise ging das Interesse wieder zurück, weil auch die Energiekosten ein bisschen gesunken waren. Fukushima im letzten Jahr hat wieder etwas verändert.

Was? Also ich hatte jahrelang immer wieder auch mal Naturstromtarife empfohlen. Da bin ich eher für belächelt worden. Seitdem aber die Energiewende öffentlich vertreten wird, ist das für die Vereine kein Problem mehr. Ich weiß von vielen, die sagen, das können wir ja eigentlich machen. Das kostet ja nicht mehr.

Die Sensibilität für Klimaschutz wächst über die Kostenseite? Die Akzeptanz, sich darüber Gedanken zu machen und Alternativen einzubauen, ist in den letzten, ich sag mal, vier Jahren stark gestiegen.

Vereinsheime sind Gemeinschaftsgut. Macht das Ihr Anliegen problematischer oder leichter? Nicht leichter, nicht schwieriger. Man muss wissen, wie ein Verein aufgestellt ist, wie er funktioniert, und entsprechend die Zeitschiene anpassen. Im Verein hat man in aller Regel nicht in vier Wochen ein Projekt durch. Es ist ja nicht wie zu Hause, wo man sagt, ich will und ich mach, sondern man muss sich erst im Vorstand einigen oder bei den Mitgliedern ein Okay einholen.

Eine persönliche Frage: Wie halten Sie es selber mit dem Thema Klimaschutz? Ich habe gerade ein Passivhaus gebaut. Ich fahre aber täglich Auto, um zu meinem Arbeitsplatz zu kommen oder zu den Vereinen. Man muss da einen gesunden Mittelweg finden. (mn)

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