Jan Speer kämpft im Viererbob von Machata um WM-Medaille

Mit Pferdekuss und Wut im Bauch

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St. Moritz - All die Schufterei, das ganze Training, die vielen Videoanalysen, das dauernde Reden - am Sonntag wird Jan-Martin Speer wissen, wofür. Seinem Chef kann die WM in St. Moritz den ganzen Winter retten. Oder die Saison zerschellt im Oberengadin endgültig.

Ob das ein schlechtes Omen ist? Oder passiert das einmal und nicht wieder? Am Dienstagmorgen knallte der große Schlitten von Manuel Machata bei der ersten Trainingsfahrt auf der Natureisbahn von St. Moritz ausgangs des „Horse Shoe“ - der wie ein Hufeisen geformten dritten Kurve - mit Schmackes an die Bande. Jan Martin Speer geriet mit einem Bein schmerzhaft zwischen den Eisenrahmen des Bobs und seinen Vordermann. Zurück blieb ein großer blauer Fleck am Oberschenkel. „Wie ein dicker Pferdekuss“, sagte der Anschieber aus Wirmighausen.

Die heftige Prellung war kein Anlass, auch nur die nächste Fahrt in Frage zu stellen. Nicht jetzt, nicht fünf Tage vor der WM, nicht unter diesen Jungs, die so hart sind im Nehmen. „Da darf man kein Mädchen sein“, sagte Speer, als er am Dienstagabend von dem kleinen Zwischenfall wie nebenbei erzählte. „Blaue Flecken, Kratzer und Schrammen gehören immer dazu.“

Das ist wohl so. Und solange Schmerz und Schinderei von Siegen und Medaillen aufgewogen werden, bleiben die rasenden Fahrten im Eiskanal ein großer Tempospaß. Dieser Spaß ist Manuel Machata und seinen Bremsern zuletzt abhanden gekommen. Die Ergeb-nisse stimmten nicht. Der Berchtesgadener (28) erlebt den ersten Krisenwinter seiner rasanten Karriere. Nach der verunglückten EM in Igls fand der Zweier-Wettbewerb der WM sogar ganz ohne den Berchtesgadener statt.

Medaille ein Muss

Die Stimmung im Team sank so schnell wie draußen die Temperatur. „Wir waren alle ein bisschen geknickt“, erzählte Speer. Deutlicher wurde seine Kollege Christian Poser. Er war als Anschieber hinter Machata zweiter Leidtragender, nachdem der Pilot - vom Verband vor die Wahl zwischen EM-Verzicht und eine interne Ausscheidung gegen Maximillian Arndt gestellt - die kraft- und nervenschonende Variante gewählt hatte. In den Viererwettbewerb gehe man nun mit „Wut im Bauch“, sagte Poser am Montagabend in der Sendung „Blickpunkt Sport“ des Bayrischen Fernsehens.

Wie sehr das gesamte Team eine gelingende Vierer-WM braucht, macht ein weiterer Satz Posers deutlich. „Im Vierer muss einfach eine Medaille her“, sagte er. Speer formulierte es ähnlich: „Wir wollen auf jeden Fall eine Medaille holen.“ Der Pilot äußerte sich in der BR-Sendung zurückhaltender: „Es können viele nach vorne fah-ren, aber die Chancen sind da.“

Der Vierer-Weltmeister von 2011 nutzte die Zwangspause produktiv, gemeinsam mit Speer und Poser trainierte er in Berchtesgaden und dem nahen Österreich. „Wir haben sehr viel gemacht und hoffen, dass es sich auszahlt“, sagte Speer. Der jüngste Frust scheint überwunden. „Die Stimmung ist super“, versicherte der heimische Bremser jedenfalls. Als Stimmungsaufheller taugte gewiss auch der WM-Sieg von Machata-Mann Jannis Bäcker im Zweier mit Pilot Francesco Friedrich. „Im Trainerstab hat der Titel für Lockerheit gesorgt. Das färbt natürlich auch auf uns ab“, sagte Speer. Ausgerechnet Bäcker hat sich aber verletzt, die Kante des Schlittens schlug ihm unters Knie. „Wir glauben eher nicht, dass es was Schlimmeres ist“, sagte Speer.

Eine Verletzung ihrer Nummer zwei wäre das Letzte, was sie im Team Machata gebrauchen können. Die Woche ist knüppelhart. Der Wecker klingelt morgens um fünf, damit die Crew um acht Uhr startklar für die Trainingsfahrten ist. An drei Tagen dieser Woche durften die Bobs auf die Bahn, das Abschluss-training findet heute statt.

Arbeit an der Startphase

Der restliche Tag ist mit Materialtests, Schlittenarbeit, Athletiktraining und Besprechungen gefüllt. „Wie ein Vollzeitjob“, sagte Speer. Im Fokus steht, was er „den Start optimieren“ nennt. Denn ganz oben, wo die Geschwindigkeit gemacht wird, hatte die Machata-Crew die ganze Saison über ihre Defizite. Machata weiß das. „Das Teamgefüge stimmt noch nicht so“, sagte er in „Blickpunkt Sport“ auf die Frage, warum der Wurm drin ist. Allerdings gebe es auch viele andere Gründe.

Jan Speer lässt sich seinen Optimismus nicht rauben. „Ich bin guter Dinge“, sagte er. Auf was es am Wochenende ankommen wird, formulierte er so: „Jetzt wird es einfach mal Zeit, dass man die Wut, die sich angesammelt hat über alles, was so schief gelaufen ist, dass wir die jetzt in positive Energie am Start übertragen.“

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