Korbacher erhält 150 000 Euro wegen fehlender Aufklärungspflicht bei Krebs-Strahlentherapie vom Klinikum Kassel

Punktsieg vor Gericht für Ex-Boxer Reinhard Jassmann

Will nicht mehr auf die missglückte Krebs-Strahlentherapie zurückblicken: Reinhard Jassmann beim Boxabend in Korbach 2019.
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Will nicht mehr auf die missglückte Krebs-Strahlentherapie zurückblicken: Reinhard Jassmann beim Boxabend in Korbach 2019.

Ein Boxer braucht Steher-Qualitäten. Die hat Reinhard Jassmann in seinem härtesten Kampf gezeigt: Nach einem sich über elf Jahre hinziehenden Rechtsstreit mit dem Klinikum Kassel wegen einer missglückten Strahlentherapie hat die Versicherung des Klinikums vor dem Kasseler Landgericht einem Vergleich mit Jassmann zugestimmt. Der Korbacher erhält 150 000 Euro zugesprochen.

Korbach. Der Leidensweg des früheren Gas- und Wasserinstallateurs, der es mit Bruder Manfred und der Boxmannschaft des TV Korbach 1981 bis zum Deutschen Vizemeistertitel im Boxen gebracht hatte, begann im November 2003, als bei ihm Zungenkrebs festgestellt wurde. Chemotherapie und Operation im Jahr 2004 verliefen erfolgreich, Tumorzellen konnten danach nicht mehr gefunden werden.

Dennoch drängten ihn die Ärzte zu einer zweimonatigen Strahlentherapie, um die Überlebenschancen des Krebspatienten zu erhöhen. Mit fatalen Folgen: Seine Stimmbänder waren gelähmt, bis heute hat er Probleme beim Sprechen. Mundhöhle, Hals und Rachen wurden durch die Strahlen geschädigt, der Geschmackssinn verschwand, der Speichelfluss versiegte, Eiter- und Pilzbildung im Mundraum waren die Folge. Die Schilddrüse löste sich auf, der Kieferknochen litt so nachhaltig, dass ihm ein Knochenstück aus der Hüfte transplantiert werden musste. Nur eine von vielen Operationen.

Reinhard Jassmann: „Ich habe bleibende Schäden davon getragen“

„Ich habe keine gute Prognose und bleibende Schäden davon getragen“, sagt Jassmann. Aber nach elf Jahren Prozess, die ihn zweimal bis vor den Bundesgerichtshof führten, sei er jetzt müde, psychisch angeschlagen und habe dem Vergleichsangebot zugestimmt.

„Ich will mich nicht für den Rest meines Lebens mit dieser Sache beschäftigen, sondern jetzt damit abschließen“, begründete der 65-Jährige seine Zustimmung zu dem Vergleich, obwohl eine höhere Summe angesichts dessen, was er bis heute durchmache, auch angemessen gewesen wäre.

Der Korbacher Rechtsanwalt Eckhard Schulze, der Jassmann von Anfang an durch alle Instanzen zur Seite gestanden hatte, erläuterte den rechtlichen Hintergrund der jetzt gefundenen Einigung: Nach der ersten Operation seien bei Jassmann keine Krebszellen mehr gefunden worden. Vor einer Strahlentherapie hätten die Ärzte daher den Patienten vor die Wahl stellen müssen, ob er die Bestrahlung wolle oder nicht. Das aber sei nicht geschehen. Das Klinikum habe sich nicht einer medizinischen Falschbehandlung schuldig gemacht, sondern sei seiner Aufklärungspflicht nicht nachgekommen.

Das Landgericht habe Jassmann nun ein Schmerzensgeld in Höhe von 90 000 Euro zugesprochen. Hinzu kämen 40 000 Euro für die materiellen Schäden und 20 000 Euro Zinsen wegen der überlangen Verfahrensdauer. Auch Rechtsanwalt Schulze sieht die Vergleichssumme am unteren Ende des Hinnehmbaren. „Das ist tendenziell zu niedrig, aber die Versicherung des Klinikums könnte den Prozess noch endlos hinauszögern. Mein Mandant ist jetzt 65, wenn er noch etwas von dem Geld sehen wollte, mussten wir jetzt zustimmen.“ (ts)

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