Langer Leidensweg: Ex-Boxer und Trainer aus Korbach streitet seit zehn Jahren vor Gericht mit Klinikum Kassel

Reinhard Jassmanns Kampf gegen die Folgen einer rechtswidrigen Behandlung

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Gern am Ring: Reinhard Jassmann würde sich lieber auf Boxen konzentrieren als auf OPs und Gerichte.

Kassel/Korbach – Reinhard Jassmann war im Boxring ein Kämpfertyp. „Jetzt kämpfe ich mal für mich und meine Familie“, sagt Jassmann. Denn der 64-Jährige bestreitet seinen schwersten Kampf außerhalb des Seilgevierts

Reinhard Jassmann war Deutscher Meister, EM-Teilnehmer und Olympiakandidat im Amateurboxen. Später ist er Boxtrainer geworden, hat Projekte für schwererziehbare Kinder und Migranten betreut. 

Aber auch das spielt in seinem Leben eine große Rolle: Er hat den Krebs besiegt, aber ist arg gehandicapt und muss nicht nur die Folgen einer rechtswidrigen Behandlung verdauen, sondern auch die Tatsache, dass die Verursacher auch 15 Jahre später noch nicht bestraft sind und er selbst nicht entschädigt wird.

Jassmann war seit 2003 wegen eines Karzinoms (besondere Art eines bösartigen Tumors) am Zungenrand behandelt worden. Der Chemotherapie folgte 2004 eine Operation. Danach waren keine Krebszellen mehr nachweisbar, sagt Jassmann. 

Dennoch musste er im Anschluss noch eine Strahlentherapie über sich ergehen lassen. Die Ärzte hätten ihn gedrängt zu der radioaktiven Behandlung, die schmerzhaft und anstrengend ist.

Schwere Folgeschäden bleiben

Seit der Bestrahlung kann Jassmann nach der Schädigung der Stimmbänder nur noch schwer sprechen und hat seinen Geschmackssinn verloren. Weitere Folge ist neben weiteren Schädigungen eine Nekrose des Kieferknochens; das heißt, der Knochen löst sich auf. Regelmäßig muss der Korbacher seit dem Operationen über sich ergehen lassen. Das wird auch so bleiben.

Neun Jahre schon liegt Jassmann vor Gericht im Clinch mit dem Kasseler Klinikum sowie deren Versicherungen und Anwälten. Inzwischen steht immerhin fest: Die Aufklärung vor der Bestrahlung als letztem Behandlungsschritt war rechtswidrig bzw. nicht ordnungsgemäß. Der Patient hätte vor jedem einzelnen Behandlungsschritt (Chemotherapie, Operation, Strahlentherapie) gesondert aufgeklärt werden müssen. 

Daher hat das Gericht die Klinikum Kassel GmbH verurteilt, Jassmann ein angemessenes Schmerzensgeld und Schadensersatz zu zahlen – für Beeinträchtigungen und materielle Schäden, die durch die Strahlentherapie entstanden sind.

Behandlung unnötig?

Jassmann ist überzeugt, dass die Strahlentherapie unnötig war, zumal Gutachten bestätigten, dass bereits vorher keine Krebszellen mehr nachweisbar waren. Sachverständige und Gericht hätten aber einen Behandlungsfehler verneint, sagt Jürgen Heyner, der als Rechtsanwalt das Klinikum vertritt. „Die Behandlung war indiziert und vor allem erfolgreich.“

Unterm Strich ist die Frage geblieben, wie viel Schadenersatz und Schmerzensgeld Jassmann zusteht. Dies wird in einem so genannten Betragsverfahren festgestellt, das vom Landgericht Kassel eingeleitet wurde. 

Auch das zieht sich hin. Deshalb, weil Jassmann einen Vergleichsvorschlag des Gerichts ablehnte. 120 000 Euro hätte er bekommen sollen. „Viele Kosten waren noch gar nicht berücksichtigt, zum Beispiel Zuzahlung für Therapien, spezielle Ernährung und Krankenhauskosten“, erklärt der 64-Jährige sein Nein.

Auch das Klinikum hat ein Interesse an weiteren Nachforschungen. Es hafte nur für Gesundheitsschäden, die durch die Bestrahlung entstanden sind, erklärt Rechtsanwalt Jürgen Heyner. „Offen ist bis heute, welche spezifischen Schäden dies sind.“

Das Boxen stärkt Reinhard Jassmann; hier mit seinem Sohn Mario, der Profi geworden ist.

Sachverständige müssen dies nun feststellen und ausschließen, dass die Schäden auf die Krebserkrankung, die Chemotherapie oder die Operation zurückzuführen sind. Fragen, die dabei laut Anwalt unter anderem geklärt werden: Wie war der Zustand vor Bestrahlung? Wie war die Knochen- bzw. Kieferstruktur vor der Strahlentherapie?

Für Jassmann bedeutet dies, dass er nochmals den Gang zu Medizinern und Gutachtern antreten musste. „Die haben aber nur das bestätigt, was ohnehin schon feststand.“ Und zum anderen, dass er in der Beweispflicht ist.

Nachweise sind teils schwer zu beschaffen

Das Gericht hat beschlossen, dass er dem Sachverständigen alle relevanten Behandlungsunterlagen zur Verfügung stellen muss. Dabei gibt es wohl Probleme – mutmaßt jedenfalls das Klinikum bzw. sein Rechtsvertreter. „Das Gericht musste Herrn Jassmann mehrfach auffordern, seiner Mitwirkungsverpflichtung nachzukommen.“, sagt Heyner. 

Jassmann weist diesen Vorwurf entschieden zurück. „Das ist ein Angriff gegen meinen Rechtsanwalt. Er hat bisher alles an Unterlagen herbeigeschafft, was möglich war.“ An alle Nachweise heran zu kommen, sei nicht machbar, so der Korbacher. Aus Datenschutzgründen hätten beispielsweise Kliniken Behandlungsunterlagen bereits vernichten müssen.

So wartet Reinhard Jassmann weiter auf eine Entscheidung des Gerichts; ohne genau zu wissen, wie die Sache für ihn ausgeht. (schä/be)

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