Kreisjugendwart André Dämmer über Teamtennis und Nachwuchsprobleme

„Zu sechst spielen, das hat noch Flair“

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- André Dämmer (25) ist seit April 2012 Jugendwart des Tenniskreises Waldeck-Frankenberg. Der Sozialversicherungsfachangestellte spielt aktiv in der ersten Herrenmannschaft des TC Sachsenhausen in der Bezirksoberliga, er steht mit der Leistungsklasse 8 an Position eins. Der Sachsenhäuser wechselte vor der laufenden Saison als Fußballer zum heimischen TSV, musste diesen Sport wegen einer Schambeinentzündung aufgeben.

Die Medenrunde steht vor der Tür, sind Sie wieder heiß auf Tennis? Ja klar, ich bin heiß, dieses Jahr sogar besonders. Wegen einer Schambeinentzündung konnte ich ein halbes Jahr lang nicht spielen und bin erst vor drei Wochen wieder richtig eingestiegen. Deshalb bin ich noch motivierter als in den letzten Jahren.

Die Frage, Tennis oder Fußball, stellt sich also für Sie gar nicht. Die Entscheidung hat mir mein Körper abgenommen. Fußball geht von der Belastung her nicht mehr, Tennisspielen funktioniert aber.

Hat der lange Winter die Vorbereitung auf die Medenrunde erschwert? In Sachsenhausen eröffnen wir die Saison immer am 1. Mai. In diesem Jahr haben wir den Termin zwar nur mit Hängen und Würgen halten können, sind aber letztlich so früh rausgegangen wie in den anderen Jahren auch. Bei anderen Vereinen, die die Saison normalerweise früher eröffnen, mag das anders ausgesehen haben.

Was finden Sie am Tennis als Mannschaftssportart reizvoll? Ich kann auf der einen Seite meinen Individualsport ausleben: Ich hole die Punkte für mich, für meine Rangliste. Am Ende zählen sie auf der anderen Seite aber auch für die Mannschaft, und man freut sich mehr über den Sieg der Mannschaft als über den eigenen. Das Schöne am Tennis ist auch, dass eine Begegnung den ganzen Tag dauert, dass man diese Gemeinschaft hat und sich gegenseitig unterstützt. Es gibt Pausen, in denen ich den anderen zugucken, sie anfeuern kann. Man ist wirklich eine Mannschaft. Ein Fußballspiel dagegen ist nach 90 Minuten vorbei.

Es gibt aber offenbar immer mehr Spieler, die für eine Begegnung nicht den ganzen Tag unterwegs sein wollen. Diese Vorstellung schreckt sie ab. Können Sie das verstehen? Nein. Wir haben ja nicht wie beim Fußball 32 Spieltage, sondern in der Regel handelt es sich um sieben oder acht Sonntage im Jahr. Die genieße ich dann. Für mich besteht die Tennismannschaft auch aus sechs Leuten. Das sage ich immer in Sachsenhausen: Wir müssen so lange wie möglich zu sechst bleiben. Es ist natürlich schwierig, aber wir haben das jetzt auch wieder geschafft - als einzige aus dem Kreis in der Bezirksoberliga. Zu sechst spielen, das hat noch Flair. Wir sind nicht mittags um eins schon fertig und reisen ab, sondern haben noch das gemütliche Abendessen und trinken im Clubhaus noch zwei, drei Bierchen.

Sie sind trotz Ihrer jungen Jahre in dieser Frage Traditionalist? Ganz genau.

Wissen Sie noch, wie man Sie als Kind begeistert hat für Tennis? Das war gar nicht so schwer. Mir musste man nur Schläger und Ball geben und dann ging’s los. Begeistert hat man mich immer auch durch Wettbewerbe - der Reiz war, die anderen besiegen zu wollen. Das fehlt den Kindern heute manchmal.

Es scheint immer schwieriger zu werden, Kinder und Jugendliche in ein Tennisteam zu bewegen. Die Meldungen für die neue Runde sind auf einem Tiefstand. Das ist die Realität, leider. In vielen Vereine trainieren viele Kinder. Sie wollen sich aber nicht binden, sie wollen nicht die Zeit aufbringen, sich freitags oder samstags mehrere Stunden auf den Tennisplatz zu stellen. Das Problem wächst damit, dass wir im Kreis nicht mehr so viele Mannschaften stellen können wie früher. Wer spielen will, muss dadurch erheblich längere Fahrtzeiten in Kauf nehmen.

Weil die Räume größer werden, die eine Liga abdecken muss. Aktuell waren ja die heimischen gemischten U-14-Mannschaften gezwungen, in Nachbarkreisen unterzuschlüpfen. Eine eigene Kreisliga kam nicht zustande. Es fehlt an Kindern. Ihnen wird ja heute auch so viel angeboten. Sie trainieren in verschiedenen Sportarten, aber spielen möchten sie eigentlich nicht. Der Kreis hat dann das Problem, dass er nicht fünf, sechs Mannschaften zusammenbekommt, um eine eigene Liga zu gründen. Wir haben ja Vereine, die gerne Kindermannschaften stellen würden, sie sagen aber, sie hätten keine Lust, zwei Stunden zum Beispiel nach Philippsthal zu fahren, um dort Tennis zu spielen. Ich habe für den Sommer versucht, eine kleine Hobbyrunde zu organisieren. Drei, vier Vereine mit Mannschaften tauschen untereinander die Telefonnummern, um sich, wenn sie Zeit haben, zu treffen und ein bisschen Wettbewerb zu haben mit den Kindern.

Sie wollen den Kindern die Gelegenheit zum Spielen erhalten? Ja, und sie an den Wettbewerb heranführen. In dem Moment, in dem dann doch eine Liga zusammenkommt, wissen sie vielleicht, wie viel Spaß das macht, und sind dabei.

Was kann man als Jugendwart tun, um die Entwicklung zumindest zu bremsen? Alle Sportarten konkurrieren um immer weniger Kinder, nicht Tennis allein kennt das Problem Nachwuchsmangel. Wir haben schon viel überlegt, etwa mit Aktionstagen über die Vereine Kinder zu animieren. Wir versuchen immer früher, an die Kinder heranzutreten, schon im Kindergarten, um vor den anderen da zu sein. Aber die anderen sind auch immer früher. Tennis hat aber schon spezifische Probleme: Es ist doch eine Individualsportart, man steht halt allein auf dem Platz. Im Fußball sind noch zehn andere da, die es rausreißen können, wenn man nicht so gut ist. Das geht im Tennis nicht. Es bleiben in der Regel nur die wirklich Guten und die Überflieger, die weitermachen.

Erfolge hat der Tenniskreis in den vergangenen Jahren bei den Kreismeisterschaften der Jugend erzielt. Die Teilnehmerzahlen sind nicht nur stabil, sondern teilweise sogar nach oben geklettert. Wie soll man verstehen? Die Medenspiele spiegeln leider nicht die Kreismeisterschaften wider. Wir kriegen die Kinder animiert für dieses eine Event. Sie spielen auch gerne mit, aber wir schaffen es nicht, sie zu regelmäßigem Wettbewerb in der Medenrunde zu bewegen. Die Kinder kommen ein-, zweimal die Woche zum Training, spielen auch gern untereinander, am Wochenende möchten sie aber Zeit für andere Dinge haben - eine andere Sportart zum Beispiel, für die sie nicht so lange fahren. Es sind immer wieder die gleichen Argumente, die Kinder oder auch die Eltern davon abhalten, eine Mannschaft zu bilden. Ein weiteres Problem sind die Alterssprünge.

Warum? Es gibt oft nicht genügend Kinder für eine Mannschaft in einer Altersklasse. Die Spanne ist manchmal so groß, dass man eine U18 melden müsste, in der auch Zwölfjährige spielen. Das schreckt ab, man will die Kinden nicht zu früh verheizen. Aber es geht nicht ohne die Altersklassen. Die Grenzen sind ja immer weiter aufgeweicht worden, und Jungen und Mädchen dürfen längst gemischte Mannschaften melden. Wenn wir das alles nicht hätten, wäre es wahrscheinlich noch schlechter.

Muss man sich mit den Gegebenheiten mehr oder weniger abfinden? Nein. Eines unserer aktiven Instrumente ist der Kreiskader. Wir versuchen möglichst viele Kinder in den Kader zu nehmen, damit sie einen Ansporn haben. Sie bekommen da ein Training bezahlt. Voraussetzung, um dem Kader anzugehören, ist die Teilnahme an den Kreismeisterschaften und das Spielen in einer Mannschaft. Die Kreiskaderkinder sind so gut wie alle auch in Mannschaften angemeldet. Manchmal ist ein Kind allein in seinem Verein. Da können wir dann nur versuchen, das so zu steuern, dass es in einer Mannschaft mitspielen kann.

Aktuell gib es im Kreis mit Philipp Schellhorn und Max Wiskandt zwei große Talente. Können deren Erfolge für Ihre Arbeit etwas bewirken? Wenn mal Ausnahmetalente wie die beiden da sind, dann erhofft man sich immer einen kleinen Boom. Aber solche Talente sind oft schnell weg, sie sind von den kleinen Vereinen nicht zu halten. Da ist der Effekt schnell verpufft, dass diese Erfolge andere Kinder animieren.

Gibt es nicht manchmal auch Schwierigkeiten, Betreuer zu finden? Ja, manchmal fehlen die Verantwortlichen in den Vereinen, die bereit sind, mit den Kindern zu den Spielen zu fahren.Es ist ja alles ehrenamtlich.

Ist die Arbeit als Jugendwart im Tenniskreis für Sie mitunter frustrierend? Frustrierend will ich nicht sagen. Sie ist mit sehr viel Aufwand verbunden, viel telefonieren, viel schreiben. Man wünscht sich manchmal ein bisschen mehr Engagement aus den Vereinen heraus, klar. Aber wenn ich zum Kreiskadertraining gehe oder bei den Kreismeisterschaften bin und die vielen Kinder sehe, dann macht es schon Spaß. Man sieht ja die Zukunft, auch für einen selber. Wir müssen uns beim TC Sachsenhausen auch um Nachwuchs bemühen, Rüdiger Kuhl und Martin Arnold hören irgendwann auf. Da macht man sich schon seine Gedanken. (Menkel)

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