32-Jährige war einst Anführer des DSV-Teams, nun stellt er sich hinten an

Severin Freund: Mit kleinen Schritten zum Flugziel

 Severin Freund
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Ein wenig vorangekommen: Severin Freund in der Qualifikation gestern am Mühlenkopf. Mit seinen 16. Platz war er der zweitbeste deutsche Springer.

Er hätte schon alles hinschmeißen können. Geh mir weg, mit Skispringen. Jeder hätte Severin Freunds Entscheidung verstanden, nach zwei Kreuzbandrissen so kurz hintereinander. “

Willingen –Aber sein Name ist für ihn Programm. Er ist auch mit seinen 32 Jahren und trotz der langen Verletzungszeit weiterhin ein Freund seiner Sportart. „Skispringen ist immer noch meine große Leidenschaft, sonst würde ich es auch nicht mehr machen.

Allerdings hat der Weltmeister (2015) und Team-Olympiasieger (2014) wegen seiner langen Leidenszeit auch neue kleine Freuden für sich entdeckt „Ich kann mich viel mehr über einen Top-Ten-Platz freuen als zuvor und er ist für mich vielleicht sogar mehr wert als so mancher Sieg zuvor.“ Demut zählte aber schon immer zu seinen Charakterzügen: „Wer öfters ganz oben steht, vergisst gern mal, dass auch diese Plätze hart erkämpft sein können.“

Weltcup in Willingen ohne Zuschauer, das ist ein Widerspruch in sich

Worüber sich der in München lebende Bayer natürlich nicht freut, ist ein Geisterspringen auf der Mühlenkopfschanze. „Willingen ohne Zuschauer, das ist ein Widerspruch in sich. Ich glaube, dass kann für uns Springer ziemlich bitter werden.“ Elfmal stand Freund in Willingen schon auf dem Treppchen - deutscher Rekord. Doch diesmal ist für ihn ein Podestplatz weit entfernt.

Freund wirkt nach außen stets so, als könne ihn nichts und niemand aus der Ruhe bringen. Doch auf die Frage, was ihm bei dem Wort „Kreuzbandriss“ spontan einfalle, wählt er Worte, die partout nicht zu ihm passen: „Das ist eine absolute Scheißverletzung!“ Punkt! Dann erklärt Freund, warum dieses gerissene kleine Band im Kniegelenk auch einen recht ausgeglichenen wirkenden Menschen wie ihn in Rage bringen kann. „Bei dieser Verletzung dauert es mindestens ein Jahr, bis man wieder uneingeschränkt Sport treiben kann, trotzdem wird sich das Knie nie wieder so anfühlen wie vorher.“

Doch mit einer gedanklichen Art der Versöhnung löscht der 32-Jährige seinen kurz aufgeflammten Ärger: „Wer den langen Weg nach der Operation annimmt, kann auch nach einem Kreuzbandriss noch gut Skispringen.“ Freund ist davon überzeugt, dass das Comeback nach einer Kreuzbandverletzung für einen Skispringer komplizierter ist als für die meisten anderen Sportler. „Wir können nicht den Weg gehen, einfach wieder genug Muskelmasse aufbauen, die das Knie stabilisiert und es kann wieder losgehen.“

Ein Skispringer müsse schnellkräftig bleiben und dürfe daher nur bestimmte Muskelpartien aufbauen, auch, um nicht zu viel Körpergewicht auf die Waage zu bringen. Außerdem hinterlässt ein zweimaliger Kreuzbandriss Spuren im Kopf, die sich nur schwer wieder wegwischen lassen. Beim ersten Mal hatte Freund keine Angst, dass diese Verletzung ihn noch einmal in die Knie zwingen könnte.

Ryoyu Kobayashi neuer Stil zwingt zum Umlernen

„Ich bin relativ schnell wieder auf die Schanze, habe mich auch nicht ängstlich oder unsicher gefühlt, bis zu dem Zeitpunkt, als das Band wieder riss.“ Nun wählten er und seine Betreuer einen längeren Aufbau mit Übungen im Training, die eher atypisch für Skispringer sind, etwa aus der Leichtathletik, damit Freund wieder Vertrauen in sein Knie bekommt. Er hatte nun auch Zeit für andere Dinge, schloss sein Studium im Fach „International Management“ mit dem Bachelor ab. Noch weiß er nicht genau, was er nach der Sportkarriere damit anfangen will, aber er kann sich gut vorstellen, dass er dem Sport weiterhin verbunden bleibt.

Nach dem zweiten Kreuzbandriss gab Freund seinem Körper die Vorfahrt vor der schnellen sportlichen Leistung. Doch auch dafür musste er einen Preis bezahlen. Er ging diesmal ein gutes Jahr nach der Verletzung erstmals wieder auf die Schanze.

Skispringen verlernt man nicht, aber die Abläufe gehen einem teilweise schon verloren. Es ist auch eine Sportart, bei der viele kleine, fast schon unscheinbare Rädchen ineinander greifen müssen, damit ein Flug auf vordere Plätze gelingt.

Skispringen sieht für den Laien immer gleich aus, aber wer näher hinschaut, wird feststellen, dass sich schon innerhalb eines Jahres viel verändern kann, nicht nur beim Material oder im Regelwerk, sondern auch in der sprungtechnischen Entwicklung.

Freund hatte das Pech, dass während seiner Auszeit ein junger Japaner namens Ryoyu Kobayashi auftauchte, der mit einer leicht veränderten Körperhaltung während des Fluges weniger Luftwiderstand erzeugte. Nun wollten und sollten alle so springen.

Das erhöhte auch den Druck auf Freund bei seiner Rückkehr auf die Schanze. Sein Ziel, einfach wieder so springen wie vorher, reichte nicht mehr für die Weltspitze. Er musste eine neue Haltung annehmen.

Skifliegen in Planica war eine Grenzerfahrung

Die Aufgabe: Extrem schnell nach dem Absprung in eine aerodynamische Flugposition kommen und sich in der Luft mit einer etwas geduckten Körperhaltung nicht mehr viel bewegen. Dafür musste Freund einen Teil von dem verlernen, was ihn in den Jahren 2014 bis 2016 stark gemacht hatte: Flugphase mit gestreckten Körper. Mit diesem Stil war auch der Slowene Peter Prevc zumindest eine Saison lang der Konkurrenz davongeflogen.

Der Dauerbrenner im Skispringerlager, der Pole Kamil Stoch, musste sich weniger umstellen, denn er sei schon immer in einer geduckteren Form gesprungen, erzählt Freund. Diese Haltungsveränderung sei notwendig geworden, weil die Anlaufgeschwindigkeit heute geringer sei, erzählt der 32-Jährige.

Freund sieht bei seinem Sprung noch mehrere Baustellen, aber die könne er nicht alle gleichzeitig bearbeiten. Er sucht sich ein oder zwei Punkte heraus und der Rest müsse passiv mitbearbeitet werden. „Bei mir ist das aktuell die Skiführung in der Luft, die sollte nicht so verkantet sein, aber ihr kann ich derzeit nicht die volle Aufmerksamkeit schenken, weil der Fokus auf dem Absprung liegt.“

Keine Probleme bereitet Freund seine veränderte Stellung im Team. Einst Anführer, jetzt muss er sich oft hinten anstellen. Das tut doch weh, oder? „Ja, das könnte weh tun, aber nicht in unserem Team“, betont er und schwört, dass das was die Zuschauer von der deutschen Mannschaft im Fernsehen zu sehen bekommen, nicht inszeniert sei.

Das Mitfreuen über einen Sieg des Teamkollegen sei echt, versichert Freund. „Ich war damals auch froh, dass ich nicht der einzige war, der da vorn rumturnt und ich glaube, so denken wir alle.“ In einem starken Team könne man sich gegenseitig hochziehen, aber natürlich gebe es auch Tage, an denen nicht jeder mit jedem grün sei.

Das waren noch Zeiten: Severin Freund gewann 2011 das Weltcup-Springen in Willingen. Davon ist er nach seiner langen Verletzungspause noch weit entfernt.

Eine Stärke von Severin Freund ist vermutlich auch, dass er Schwächen zugeben kann. Viele seiner Kollegen hätten folgende Frage verneint. Beschleicht einem nicht zumindest ein Unbehagen, wenn man nach einem Jahr erstmals wieder eine Schanze betritt?

Normale Schanzen seien kein Problem gewesen, aber die Flugschanze in Planica schon, erzählt Freund. Er sei 2016 das letzte Mal Ski geflogen und nun vier Jahre später, das sei für ihn definitiv eine Grenzerfahrung gewesen.

„Ich stand dort oben und je näher der Start kam, desto mehr spürte ich meinen Pulsschlag. Erst als ich losgefahren bin, schaltete mein Körper auf Automatismus um, es stellte sich plötzlich eine Ruhe ein, weil das Gehirn sich daran erinnert, was nun zu tun ist. Absprung, Luftfahrt und Landung war dann ein Gefühl des im Moment Gefangenseins.“ Und als er unten ausfuhr, sei noch mal eine Welle von Adrenalin in seinen Körper geschossen. „Genau deswegen betreibe ich diesen Sport.“ Vielleicht kann nun auch der Laie verstehen, wenn Freund sagt: „Skispringen kann auch süchtig machen.“ rsm

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