Der Skispringer im Interview

Stephan Leyhe über den Winter ohne Weltcup, Corona, Studium und sein Knie

Stephan Leyhe an der Schattenbergschanze in Oberstdorf.
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In der Zuschauerrolle: Stephan Leyhe gut gelaunt an der Schattenbergschanze in Oberstdorf. Dass die WM hier im nächsten Jahr ohne ihn stattfindet, hat er längst akzeptiert.

Die Meldung machte vergangene Woche in fast alle Medien die Runde: Stephan Leyhe muss komplett auf den kommenden Weltcup der Skispringer verzichten. Der 28 Jahre alte Schwalefelder selbst hatte die Entscheidung da schon längst akzeptiert, wie er im Interview mit der WLZ verrät.

Hinterzarten - Für ihn sei die Entscheidung, dass er im Winter nicht springen werde, keineswegs überraschend gefallen, sagt Leyhe: Die Heilung „braucht ein ganzes Jahr.“ Er erzählt außerdem, wie er die Reha vorantreibt, sein Architekturstudium forciert und die Corona-Zeiten erlebt.

Stephan Leyhe, wer hat die Entscheidung gefällt, dass Sie den kommenden Winter nicht springen werden?
Wir alle zusammen, also die Trainer, Ärzte, Physiotherapeuten und ich. Wenn man sich ein wenig mit der Materie beschäftigt, kommt die Entscheidung so überraschend nicht. Bei dieser Verletzung ist im Körper etwas kaputtgegangen und es braucht ein ganzes Jahr, bis es wieder geheilt ist.
Hat nicht das Herz trotzdem geblutet, als feststand, dass der Weltcup ohne Sie stattfindet?
Jein. Ich bin ein recht realistischer Mensch, und mir war eigentlich schon zwei, drei Wochen nach dem Sturz in Trondheim klar, dass der nächste Winter nichts wird. Natürlich hofft man immer auf ein Wunder. Aber wenn ich nach neun oder zehn Monaten Verletzungspause wieder mit dem Skispringen anfangen könnte, das wäre Mitte Januar 2021, und gleich wieder Weltklasse-Niveau hätte, dann könnte ich im Sommer etwas anderes machen (lacht).
Weil Sie dann die Fähigkeit hätten, auch ohne intensives Training sozusagen aus der kalten Hose weit zu springen.
Genau. Geht natürlich nicht. Wir betreiben eine Ganzjahres-Sportart, und du musst das komplette Jahr durchtrainieren, um vorn dabei zu sein.
Bundestrainer Stephan Horngacher hat gesagt, es geht Stephan Leyhe „sehr, sehr gut“. Wie hat man das zu verstehen?
Emotional und körperlich geht es mir wirklich gut. Ich kann eigentlich alles machen – außer Skispringen. Es bringt einfach eine sehr spezielle Belastung mit sich, gerade das Aufkommen nach sehr weiten Sprüngen mit einer Telemark-Landung. Erfahrungsgemäß kann man sich etwa sechs, sieben Monate nach einem Kreuzbandriss wieder fast wie gewohnt bewegen. Allerdings ist die Struktur im Knie noch nicht so weit. Es können immer noch Rupturen, also Risse passieren. Darauf habe ich überhaupt keine Lust.

„Corona hin, Corona her: Ich würde lieber springen“

Das Mega-Thema derzeit ist Corona. Der kommende Skisprung-Weltcup wird nicht der gleiche sein wie seine Vorgänger: Macht das die Zwangspause ein wenig leichter?
(lacht): Das haben mit schon viele gesagt, dass ich mir die beste Saison ausgesucht habe. Aber Corona hin, Corona her: Mir wäre es lieber, ich wäre nicht verletzt und könnte springen. Andererseits schränkt mich Corona nur bedingt ein. Ich habe eine super Reha-Phase und kann für mich allein trainieren. Die Einschränkungen spüre ich eher, wenn ich einkaufe oder so. Für die Jungs, die dann auf den Weltcups sind, hoffe ich, dass sie schöne Wettkämpfe auch vor weniger oder gar keinen Zuschauern haben und dass die Reisen entspannt verlaufen – sie sind oft sehr stressig.
Der Ski-Club Willingen muss den nächsten Weltcup mit viel weniger Zuschauern als in der Vergangenheit planen. Da geht Flair verloren, oder?
Von dem Flair wird definitiv etwas verloren gehen, es sei denn, man gibt jedem Zuschauer eine Tröte oder sowas (lacht). Aber letztlich müssen wir uns alle dem Schutz der Gesundheit unterordnen. Es triff jeden. Die Freiluftsportarten haben da noch einen Vorteil im Vergleich zum Hallensport.
Man kann sich gut aus dem Weg gehen.
Ja. Rund um den Mühlenkopf zum Beispiel sind sehr große Flächen, da könnte man das trotz Corona organisieren. Zumal Skispringen eine Einzelsportart ist.
Was, glauben Sie, werden Sie am meisten entbehren: den Heim-Weltcup, die WM in Oberstdorf, die Vierschanzentournee?
Schwierig. Ein Ranking gibt es da eigentlich nicht, ich wäre überall gern dabei. Ansonsten: Ich habe ja dann in der nächsten Saison die Chance, an den Wettkämpfen teilzunehmen, außer der WM.
Wie sieht derzeit Ihr Alltag aus?
Früh aufstehen, was fürs Architektur-Studium tun, trainieren, nebenbei kochen.

„Du bekommt einen Blick auf das Leben wie es ist, wenn du nicht mehr Profisportler bist.“

Andy Wellinger hat die Zeit nach seinem Kreuzbandriss genutzt, um in Australien zu surfen und für den Pilotenschein zu lernen: Verfolgen Sie in dieser Zeit auch ein besonderes Projekt?
Ich arbeite an meiner dualen Karriere.
Sie studieren eifrig?
Genau. Das ist für mich auch eine echt wichtige Sache, um ein wenig aus der Sportblase herauszukommen und mich abzulenken. Ich arbeite schon hundertprozentig an meiner Reha, aber es ist gut, einige Stunden am Tag auch einen anderen Inhalt zu haben.
Ist mit dieser langwierigen Verletzung ein Gewinn an Freiheit verbunden?
Eigentlich ja, die Freiheiten sind größer, werden aber gerade durch die Corona-Pandemie wieder eingeschränkt. Ich trainiere, vielleicht sogar mehr als sonst und auf jeden Fall anders – zum Beispiel bin ich im Sommer sehr viel Fahrrad gefahren, was ich sonst nicht mache. Ich würde es so sagen: Du bekommt einen Blick auf das Leben wie es ist, wenn du nicht mehr Profisportler bist.
Eine Art Vorbereitung auf das Leben danach.
Was heißt Vorbereitung: Ich konnte das Studium gut vorantreiben und dort auch gut Fuß fassen.
Wenn Ihre Mannschaftskollegen auf den Schanzen unterwegs sind, werden Sie sie öfter sehen?
Wenn es möglich ist, werde ich zu den deutschen Veranstaltungen fahren. Ob ich die Jungs aber treffen kann, weiß ich nicht, weil ich wegen Corona möglicherweise Distanz halten muss. Ich möchte aber schon gern mal schauen, wie sie so springen.
Wann hoffen Sie erstmals selbst wieder zu springen?
Das steht noch in den Sternen. Die Entscheidung, dass ich im kommenden Winter nicht am Weltcup teilnehme, heißt nicht, dass ich keine Sprünge machen werde. Mit viel Glück und Liebäugelei kann es sein, dass ich Ende März noch 20, 30 Sprünge machen kann – das hängt davon ab, wie lange die Schanzen sprungbereit gehalten werden.
Können Sie von Erfahrungen profitieren, wie sie Andy Wellinger oder Severin Freund gemacht haben, die ja ebenfalls das Kreuzband gerissen hatten? Tauschen Sie sich aus?
Bedingt, weil jede Verletzung ihren individuellen Charakter hat. Es hat sich beim Andy oder beim David (Siegel) gezeigt, dass man sich Zeit nehmen muss und nicht zu hastig agieren darf, damit Meniskus oder Knorpel ausheilen können. Das mit dem Kreuzband ist gar nicht so langwierig, es geht um die Strukturen drum herum. Da wurden zum Beispiel Nervenbahnen durchtrennt, die erst wieder zusammenwachsen müssen. Man lernt das Laufen neu. Letztlich sagen aber alle: Man muss akribisch an der Wiederherstellung arbeiten und es ist nichts, was einen bis ans Lebensende verfolgt. Nach einem, spätestens zwei Jahren denkt man nicht mehr daran.
Das ist die Voraussetzung, um überhaupt wieder zu springen?
Ich werde auf jeden Fall erst wieder auf die Schanze gehen, wenn ich meinem Knie hundertprozentig vertrauen kann.

Zur Person

Stephan Leyhe (28) zählte in den vergangenen drei Wintern zu den besten deutschen Skispringern, ehe ihn der Sturz in Trondheim jäh stoppte. Nach Olympia-Silber 2018 und dem WM-Titel 2019 jeweils im Team schrieb er am 8. Februar 2020 sein persönliches Wintermärchen, als er auf seiner Heimschanze am Mühlenkopf seinen ersten Einzel-Weltcup gewann. Sportsoldat Leyhe startet für den Ski-Club Willingen, trainiert, lebt und studiert aber in Hinterzarten.

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