Sportentwicklungsplanung - was sie bringt, was dahintersteckt und warum die Vereine sich beteiligen sollten  

Verhandelt wird die Zukunft des Sports in Waldeck-Frankenberg

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Gewiss Gegenstand der Sportentwicklungsplanung: Kunstrasenplätze. Das Foto zeigt den im Oktober 2017 eingeweihten Kunstrasen in Altwildungen.

Korbach. Der Landkreis Waldeck-Frankenberg nimmt die neue Sportentwicklungsplanung in Angriff. Ein wichtiges Thema. Auch für die Sportvereine. Der Sportwissenschaftler Wolfgang Schabert ruft sie im WLZ-Interview auf, sich unbedingt zu beteiligen: "Da werden Weichen im Sport für die nächsten acht bis zehn Jahre gestellt."

Schabert ist Geschäftsführer des Instituts für Kooperative Planung und Sportentwicklung (ikps) in Stuttgart, das nach seinen Angaben bundesweit bereits mehr als 200 Planungen erstellt hat. Das Thema steht an diesem Mittwoch auch beim Waldeck-Frankenberger Sportkreistag (Stadthalle Korbach, 19 Uhr) auf der Tagesordnung, Schaberts Kollegin Dr. Julia Thurn referiert. Ob das ikps den Auftrag für Waldeck-Frankenberg erhält oder ein anderes Institut, stand zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht fest.

In Waldeck-Frankenberg steht eine Idee des Sportkreisvorsitzenden Uwe Steuber im Raum, jede Großgemeinde solle ihren eigenen Kunstrasenplatz bekommen. Das Bauchgefühl sagt einem: ja klar. Was würde einem ein fertiger Sportentwicklungsplan zu diesem Vorschlag sagen können?

Wolfgang Schabert: Gute Sportstätten sind die Grundvoraussetzung für Vereins- und Schulsport. Aber die Aussage: für jede Kommune einen Kunstrasenplatz, die würden wir so pauschal nicht treffen.

Warum?

Schabert: Wir orientieren uns am Bedarf. Dabei bleiben wir nicht innerhalb der jeweiligen kommunalen Grenze, sondern definieren möglicherweise einen größeren Einzugsbereich. Ein Kunstrasen kann für einzelne Kommunen ein Thema sein, für andere können wir zum Ergebnis kommen, dass ein solcher Platz nicht gebraucht wird. So läuft der gesamte Planungsprozess: wir gehen sehr individuell und bedarfsorientiert vor.

Fachmann für Sportentwicklung: Wolfgang Schabert.

Am Anfang der Planung stehen Bestandsaufnahme, Bedarfsanalyse und eine Berechnung des Bedarfs an Sportanlagen. Was alles fließt in die Bestandsaufnahme ein – Hallen, Plätze, aber auch andere Räume zum Sporttreiben wie Seen, Radwegenetz?

Schabert: Natürlich geht es zunächst um die Sportstätten für Schul- und Vereinssport, Wir erheben nicht nur die reine Zahl, sondern wollen mehr wissen, bei Fußballplätzen fragen wir zum Beispiel wo sie liegen, wie der Zustand ist, Kunst- oder Naturrasen, beleuchtet oder nicht. Genauso gehen wir bei den Sporthallen vor. Natürlich nehmen wir auch Anlagen für den Freizeitsport wie Beachvolleyballfelder, Skateanlage oder ausgewiesene Laufstrecken mit auf.

Alle Sportvereine werden befragt

Welche Daten fließen noch ein? Die Prognose zur Bevölkerungszahl ist sicher wesentlich.

Schabert: Natürlich ist die Bevölkerungsprognose eine wichtige Grundlage. Nehmen wir das Thema Alterung der Gesellschaft, das die Sportvereine schon seit geraumer Zeit beschäftigt. Auch die Frage, wie sich Schülerzahlen entwickeln, ist wesentlich. Was die Vereine betrifft, erheben wir die Mitgliederzahlen nicht nur, wir analysieren sie auch. Dabei greifen wir auf die Daten des Landessportbunds zurück, die wir als Grundinformationen heran ziehen. Wir sehen daran, wie sich Sparten innerhalb eines Vereins oder wie sich einzelne Sportarten entwickelt haben. Das ist ein Kriterium, um Aussagen darüber zu treffen, ob ein Standort erhalten oder sogar ausgebaut werden sollte oder eben nicht.

Wie finden sie heraus, was die sporttreibende Bevölkerung tatsächlich braucht und wil – auch durch Interviews?

Schabert: Nicht direkt. Die wichtigste Basis ist eine schriftliche Befragung aller Sportvereine. Wir sind da sehr konkret: Welche Mannschaften gibt es, wie viele Übungsgruppen bestehen, wo gibt es Spielgemeinschaften usw. Dazu erfragen wir, wie häufig sie trainieren, wie lange, wo im Sommer und im Winter. Außerdem fragen wir die Vereine nach zusätzlichen Bedarfen: Gibt es größeres Interesse an Mädchenfußball, soll Seniorensport ausgebaut werden? Solche Dinge.

Nicht jeder treibt Sport im Verein, auch auf dem Land nicht. Wie erfassen Sie die Bedürfnisse dieser Gruppe?

Schabert: Wir können auf einen großen Datensatz aus repräsentativen Untersuchungen zurückgreifen und wissen, wie das Sportverhalten in Deutschland aussieht, differenziert nach ländlichem und nach verdichtetem Raum. Die Aufgabe ist dann, die Daten auf den Landkreis oder auf noch kleinteiligere Planungseinheiten wie die Kommune herunter zu brechen. Die Bedarfe der nicht Organisierten müssen wir in die kooperative Planungsgruppe einbringen. Sie liegen uns sehr am Herzen. Da kann es beispielsweise um die Beschilderung von Joggingstrecken, die Ausweisung von Freizeitspielfeldern oder auch um bewegungsfreundliche Schulhöfe gehen.

Bedarf ermitteln und dann diskutieren 

Beziehen Sie auch Fitnessstudios in Ihre Analyse mit ein?

Schabert: Ja, bereits im Rahmen der Bestandsaufnahme. Wir werden außerdem versuchen, Betreiber in die Planungsrunde mit einzubinden. Erfahrungsgemäß ist die Bereitschaft kommerzieller Anbieter allerdings nicht so groß, sich an strukturellen Planungen zu beteiligen. Sie wollen sich oft auch nicht in die Karten schauen lassen.

Wie gehen Sie vor, um einen künftigen Bedarf an Sportanlagen zu ermitteln?

Schabert: Wir nehmen zum Beispiel die Zahl der Fußballmannschaften in den Vereinen und den Bestand an Plätzen. Daraus berechnen wir den lokalen Bedarf und entwickeln auf dieser Grundlage bestimmte Szenarien: Wenn es zum Beispiel im Winter eine Unterversorgung an Sportplätzen gibt, könnte ein Kunstrasenspielfeld eine Lösung sein. Dann überlegen wir, ob mehrere Vereine den Kunstrasen gemeinsam nutzen können. Es sind relativ teure Anlagen, man muss darauf achten, dass sie gut ausgelastet sind.

Ihre Aussagen sind hochpolitisch: Bekommen Sie Vorgaben von Ihren Auftraggebern?

Schabert: Ganz klar: nein. Wir sind als externe Gutachter tätig und erstellen die Planung neutral, unbeeinflusst vom Auftraggeber. Wenn dieser etwa vorgeben würde, die Notwendigkeit einer weiteren Sporthalle dürfe bei der Untersuchung nicht herauskommen, dann bräuchte er uns nicht zu beauftragen. Unser Ansatz, der sich in mehr als 200 Planungen bewährt hat, ist: Bedarf ermitteln und dann diskutieren, welche Projekte daraus folgen.

Der festgestellte Bedarf bildet die Grundlage für die eigentliche Sportentwicklungsplanung. Um diese zu erarbeiten holen sie verschiedene Akteure hinzu, das kooperative Element der Planung. Welche Akteure sind das?

Schabert: Die Sportvereine, der Sportkreis, die Fachverbände sind natürlich mit im Boot. Dann Vertreter der Politik, unterschiedliche Bereiche der Verwaltungen, der Schulen, von Kindertageseinrichtungen, und wir legen auch großen Wert auf die Beteiligung von Senioren-, Behindertensport- oder Migrantenbeauftragten. Inklusion und Integration sind ein Thema. Die Planungsgruppe dürfte etwa 30 bis 35 Akteure umfassen.

"So ganz große Streitpunkte gibt es nicht.“

Wo liegen Ihrer Erfahrung nach die größten Streitpunkte?

Schabert: Man mag es vielleicht nicht glauben, aber so ganz große Streitpunkte gibt es nicht. Bei einer fundierten Bedarfsanalyse wird auch sehr kritischen Vereinen deutlich: Wenn objektiv kein Bedarf besteht, kann ich auch nichts fordern. Dennoch werden im Rahmen der kooperativen Planung alle Argumente angehört und diskutiert.

Welches Gewicht haben in einer solchen Runde die Vertreter der Vereine?

Schabert: Jede Stimme wird gehört, und ich möchte auch an die Sportvereine appellieren, das Thema ernst zu nehmen und sich zu beteiligen – sowohl an der Befragung als auch an der Planungsrunde. Da werden Weichen im Sport für die nächsten acht bis zehn Jahre gestellt. Worum es aber nicht geht, ist vor allem die eigenen Interessen zu vertreten.

Wie groß ist die Gefahr, dass eine solche Planung daneben liegen kann?

Schabert: Weil wir der Planung nicht einfach nur Zahlen – etwa der Mitglieder – oder die Bevölkerungsprognose zugrunde legen, sondern die Vereine konkret nach aktuellem und zukünftigem Bedarf fragen, kommen wirklich belastbare Ergebnisse heraus. Wir wollen mit der Sportentwicklungsplanung ja schließlich auch die Vereine befähigen, dass sie zielgerichtet ihr Angebot ausbauen oder verändern können.

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