Sportentwicklungsplanung setzt klar Schwerpunkte

Landkreis will mehr Bewegung für Kinder

Jungen und Mädchen der Kindertagesstätte Knirpsenland in Halle(Saale) (Sachsen-Anhalt) spielen mit Bällen
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Alle Bälle fliegen hoch: Kinder einer Kita beim fröhlichen Spiel. Mehr Bewegung im Kindergarten ist zentrales Thema der Sportentwicklungsplanung.

Der Nachwuchs verbringt viel Zeit im Kindergarten und in der Ganztagsschule. Sitzen die Kinder zu lange still, kann das zu Haltungsschäden, Übergewicht oder motorischen Störungen führen. Mit bisweilen lebenslangen Folgen. Diesem Problem entgegenzusteuern, ist ein zentrales Anliegen der neuen kreisweiten Sportentwicklungsplanung (SEP)

Waldeck-Frankenberg – Der Leiter des Landkreis-Fachdiensts Sport, Matthias Schäfer, stellte das 130 Seiten starke Werk am Montag im Kreistagsausschuss für Schule, Jugend, Bildung und Sport erstmals öffentlich vor. Der Bericht, der vom Institut für kooperative Planung und Sportentwicklung (IKPS) in Stuttgart nach mehr als zweijähriger Arbeit erstellt wurde, mündet in 18 Handlungsempfehlungen. Sie sind unterschiedlich gewichtet. Ganz vorn stehen: mehr Bewegung in die Kitas zu bringen und Schulhöfe bewegungsfreundlicher zu gestalten. Alle am Prozess Beteiligten seien sich einig, „dass wir Kinder so früh wie möglich für Bewegung begeistern müssen“, sagte Schäfer.

An dem kooperativen Projekt war die Basis doppelt beteiligt worden: Zum einen hatte der Landkreis im November allen 316 Sportvereinen in Waldeck-Frankenberg Fragebögen zugeschickt, und mehr als die Hälfte machte Angaben unter anderem zu Nutzung und Bedarf an Sportstätten. Zum anderen saßen Vertreter der Klubs in regionalen Planungsgruppen. Ebenfalls befragt wurden Bürger und Bürgerinnen.

Sportentwicklungsplanung

2009 startete der Landkreis erstmals eine Sportentwicklungsplanung, die bei Kosten von 70 000 Euro nun fortgeschrieben wird. Grundlage bilden eine Bestandsaufnahme des Sports und der Sportstätten sowie Vereins- und Bevölkerungsbefragungen. Darüber diskutierte eine kreisweite Steuerungsgruppe, zwischen November 2019 und Januar 2020 berieten dann Gruppen in vier lokalen Planungsregionen. Den Abschlussbericht will der Kreistag an diesem Freitag verabschieden. (mn)

Der Abschlussbericht bündelt die Ergebnisse der Erhebungen und der Diskussionen. Die „sehr eindeutige Positionierung“ pro Bewegungsförderung habe ihn überrascht, sagte Landrat Dr. Reinhard Kubat. Er hätte sich eher vorgestellt, dass die Vereine etwa einen Neubau von Kunstrasenplätzen oder weiterer Sporthallen aufrufen würden. „Das war am Ende des Tages überhaupt nicht so.“

Kubat sagte, die Empfehlungen seien eine Absage an sterile Schulhöfe und an bewegungsunfreundliche Kitas. „Zugleich sind sie eine Aufforderung an uns, darüber nachzudenken, was wir machen können. Das haben wir vor.“ Er sehe klar den Auftrag, bei den künftigen Planungen „die Freiraumgestaltung immer mitzudenken“.

Der für die Schulen zuständige Erste Kreisbeigeordnete Karl-Friedrich Frese kündigte direkt nach der Vorlage des Abschlussberichts an, dass zentrale Handlungsempfehlungen der SEP bei den nächsten Schulprojekten umgesetzt würden: Bewegungsfreundliche Schulhöfe sollen beim Neubau der Grundschule Sachsenhausen und bei der anstehenden Generalsanierung der Bad Wildunger Helenentalschule in die Planung integriert werden.

Landrat Kubat versprach einen festen Platz für die „Freiraumgestaltung“. auch mit ökologischem Ansatz, bei der Planung von Schulbauten und -renovierungen. Das muss nicht immer teuer sein. Matthias Schäfer berichtete von der Idee, mithilfe von Spraydosen Sprühparcoure auf dem Schulhof zu legen. „Das ist eine Erweiterung des früheren Hüppekästchen-Systems.“

Vereine finden Sportstättenangebot okay

Kubat sprach insgesamt von einem „feingliedrigen Werk: Viele Sachbereiche wurden in dem Beteiligungsprozess abgefragt und vermitteln ein Bild der gegenwärtigen Situation des Sports im Landkreis, das es in dieser Breite noch nicht gegeben hat.“

Der Bedarf an Sportplätzen und -hallen in Waldeck-Frankenberg ist weitgehend gedeckt, teilweise sogar übererfüllt. Aich das ist ein Ergebnis, das im Abschlussbericht festgehalten ist. Lediglich im Großraum Korbach stellten die Fachleute des Stuttgarter Instituts IKPS für die Wintermonate einen Fehlbedarf von neun Stunden pro Woche fest.

Bei der Nutzung der Hallen besteht eine Unterdeckung von 29 Stunden im Südkreis. Ob Frankenberg deshalb eine weitere Drei-Felder-Halle benötige? Fachdienst-Chef Schäfer meinte, der Fehlbedarf relativiere sich, weil im Winter neben Fußballern auch Outdoorsportler die Hallen nutzten.

Die Analyse der Fachleute deckt sich weitgehend mit dem, was die Sportvereine bei ihrer Befragung im Rahmen der SEP sagten. Mehr als die Hälfte hat Fragebögen ausgefüllt; Tenor laut Schäfer: „Man kann durchweg sagen, dass die Vereine mit der Sportanlagensituation in Waldeck-Frankenberg zufrieden sind.“ Ein Ausreißer: Im Winter wünschen 40 Prozent der Klubs mehr Hallenzeiten für Training und Wettkampf. Defizite empfinden die Vereinsvertreter auch bei der Ausstattung der Sportplätze mit Sportgeräten sowie Umkleiden und Sanitäranlagen.

Da ist der Wegweiser: Landrat Dr. Reinhard Kubat (links) und Matthias Schäfer, Leiter des Fachdiensts Sport, präsentieren den Abschlussbericht zur Sportentwicklungsplanung.

Um die Zahlen einzuordnen, präsentierte Schäfer einen Vergleich mit dem Vogelbergkreis, der als zweiter hessischer Kreis ebenfalls eine SEP betreibt. Die heimischen Klubs bewerten danach die Versorgung mit Sportstätten durchweg besser als die im Mittelhessischen.

Das IKPS fragte auch nach den Problemen in der Vereinsorganisation. Das Ergebnis: Am stärksten beklagen die Vereine die Schwierigkeiten, qualifizierte Trainer und Übungsleiterinnen sowie ehrenamtliche Mitarbeiter zu gewinnen und an sich zu binden. Sie sorgen sich zudem stark um die Rekrutierung von Nachwuchs.

Nur 25 Prozent der Klubs erwarten, dass sie auch in Zukunft ihre Vorstandsposten ohne Probleme besetzen können. Fast ein Drittel stimmt dieser Aussage dagegen überhaupt nicht zu. Nur eine Minderheit der Vereine unterhält Partnerschaften mit Betreuungs- und Bildungseinrichtungen. Während knapp die Hälfte mit Schulen zusammenarbeitet, tun das bei den Kitas weniger als ein Drittel. „Da haben wir als Verwaltung die ein oder andere Aufgabe noch vor uns“, sagte Schäfer. Weil etwa das Thema Ganztag bedeutsamer werde, müsse man die Vereine dabei unterstützen, stärker auf Kitas und Schulen zuzugehen.

„Wir werden nicht mehr nur noch in ehrenamtlichen Strukturen arbeiten können.“

Die Kooperation mit anderen Vereinen beschränkt sich oft auf (Zwangs)-Spielgemeinschaften im Mannschaftssport. Matthias Schäfer regte Diskussionen über mehr Zusammenarbeit an – Vereine, die gemeinsame Sportangebote machen oder Aufgaben der Verwaltung bündeln. Dabei stellt sich Frage nach mehr Hauptamtlichkeit: Mehrere Vereine finanzieren etwa einen Buchhaltungsprofi. „Wir werden nicht mehr nur noch in ehrenamtlichen Strukturen arbeiten können, schon allen wegen der Vielzahl der Aufgaben. Einige Vereine machen das schon“, so Schäfer.

Eine klare Botschaft sendet die Bevölkerungsbefragung: Gymnastik, Fitnesstraining und Laufen sind die Favoriten der Sporttreibenden. Schäfer sprach von einem Trend hin zu Sportarten, „die stark gesundheitsorientiert sind“. Und noch etwas: Gefragt nach den Orten, an denen sie sich bevorzugt bewegt, zählte eine große Mehrheit von 41 Prozent Wald, Park, Wege und Straßen auf. „Da haben wir super Voraussetzungen im Landkreis und sind gegenüber dem urbanen Raum im Vorteil“, sagte Schäfer.

Die Nutzung des öffentlichen Raums vor Sporthallen und -plätzen korreliert eindeutig mit einer weiteren Aussage: 45 Prozent der Befragten organisieren ihren Sport auf frei zugänglichen Anlagen selbst. „Sie müssen es, weil sie aufgrund ihrer Berufstätigkeit nicht am Sportangebot des Vereins teilnehmen können“, sagte Schäfer. Um die Zukunft der Klubs sorgt er sich dennoch nicht: Der hohe Organisationsgrad (43,6 Prozent der Kreisbevölkerung sind Mitglied eines Sportvereins) werde bleiben, „wenn die Vereine weiter veränderungsbereit sind“, so Schäfer: „Dieses Gefühl habe ich durchaus.“

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